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Nachruf auf Roger Willemsen Bildungsbürger in bester Tradition

Er war einer der bekanntesten deutschen Intellektuellen: Mit 60 Jahren erlag Roger Willemsen in seinem Haus in Hamburg einer Krebserkrankung. Er profilierte sich als Autor, Interviewer, Radio- und Fernseh-Moderator.

Von: Peter Jungblut

Stand: 08.02.2016

Erst im vergangenen August hatte Roger Willemsen erfahren, dass er an Krebs erkrankt war. Kurz darauf sagte er alle seine öffentlichen Termine ab. Sein früher Tod kam somit nicht gänzlich unerwartet, erschüttert aber gleichwohl viele seiner Leser, Zuschauer und Bewunderer.

Willemsen wurde in eine deutsche Bildungsbürger-Familie hineingeboren. Der Vater arbeitete in Bonn als Kunsthistoriker, die Mutter war Gutachterin für ostasiatische Kunst. Nach dem Abitur studierte er Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte in Bonn und promovierte über Robert Musil. Seine Habilitationsarbeit über Selbstmord in der Literatur beendete er zwar nicht, veröffentlichte seine Recherchen jedoch als Buch.

Museumswärter und Reiseleiter

Schon während des Studiums war er als Reiseleiter tätig, eine Leidenschaft, die ihn nie wieder los ließ. Seine (Kunst-)Reiseführer, etwa der Band über die Abruzzen, waren unter bildungsbeflissenen Lesern Kult. Willemsen verdiente anfangs sein Geld als Museumswärter, Übersetzer, Herausgeber und freier Autor und war in München an der Ludwig-Maximilians-Universität als Assistent für Literaturwissenschaften beschäftigt. Ende der achtziger Jahre berichtete er für Zeitungen und Rundfunksender aus London. 

Interviews mit Bankräuber und Kannibalen

Seine erste Gastprofessur erhielt er im Wintersemester 1995/1996 am Lehrstuhl für Literaturwissenschaften der Ruhr-Universität Bochum. Seit 2010 war er Honorarprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin. 

Fernsehzuschauern ist Roger Willemsen vor allem durch seine Interviewreihe "0137" bei Premiere bekannt geworden. So einfühlsam wie informiert, so distanziert wie allgemeinverständlich sprach er mit Prominenten aus Film und Politik, aber auch mit Kriminellen, etwa einem Bankräuber und einem Kannibalen. Die Sendung galt damals als so wegweisend wie innovativ und wurde mit dem Adolf-Grimme-Preis in Gold gewürdigt. Seit 1994 moderierte Willemsen im ZDF die 60-minütige Talkshow Willemsens Woche, drehte Porträts und war als Moderator von Gala-Veranstaltungen sehr gefragt: Er galt als vorbildlicher deutscher "Bildungsbürger" - weit gereist, belesen, stilvoll und dabei zurückhaltend. Willemsen polarisierte nicht, sondern glänzte als klassischer Schöngeist. Insofern war er "altmodisch", aber gerade das faszinierte seine Fans. 

Zufrieden in der Medien-Nische

Nach einer längeren Pause beschränkte sich Willemsen auf seine Rolle als Gastgeber im Literaturclub des Schweizer Fernsehens und zeigte sich mit dieser Medien-Nische sehr zufrieden. Das große Publikum suchte Willemsen nie, obwohl er nicht gerade uneitel wirkte. Die "Zumutungen" des quotenorientierten Fernsehens wollte er sich nicht mehr antun. Insofern bestätigte er gewisse Vorbehalte gegen deutsche Intellektuelle, denen von jeher Berührungsängste zur Massenkultur nachgesagt werden. 

Recherchen im Bundestag

Weniger Quoten-Zwängen als im Fernsehen war Willemsen im Radio ausgesetzt, wo er vor allem für den WDR und NDR arbeitete. Am liebsten freilich reiste der Intellektuelle durch die deutschen Theater, Literaturfestivals und Buchhandlungen, wo er ein Publikum traf, das seine ausgewiesene literarische Kennerschaft und Internationalität bewunderte. Aufsehen erregte zuletzt sein Buch "Das Hohe Haus", in dem er den Alltag im Deutschen Bundestag beschrieb. Dafür recherchierte er ein Jahr im Reichstagsgebäude. 


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