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#RIPTwitter Nicht gestorben, aber kopflos

Der Hashtag #RIPTwitter war in dieser Woche dominant bei Twitter: Es gab Meldungen, der Dienst werde sich von seinen chronologisch geordneten Tweets verabschieden. Das Unternehmen ist angeschlagen.

Von: Wolfgang Stuflesser

Stand: 14.02.2016

Twitter-Logo und Hashtag | Bild: picture-alliance/dpa

Nein, gestorben ist Twitter nicht. Auch wenn der Hashtag #RIPtwitter, also “Ruhe in Frieden, Twitter”, Anfang der Woche dort allgegenwärtig war.

Die Empörung der Nutzer galt Medienberichten, dass Twitter seine Timeline umstellen werde - Inhalte also nicht mehr streng chronologisch wiedergibt, sondern ähnlich wie bei Facebook von einem Algorithmus ausgewertet, der versucht, interessantere Tweets aus der Masse hervorzuheben.

Twitter-Gründer und Firmenchef Jack Dorsey schien die Wogen glätten zu wollen, als er vor acht Tagen selbst in die Tasten griff und - natürlich bei Twitter - schrieb: "Wir hatten nie vor, die Timeline nächste Woche umzustellen."

Dorsey ist offenbar ein Fan des Kümmelspaltens - denn natürlich kam die Neuerung dann doch, nur eben nicht als Umstellung für alle, sondern als Option, die man bewusst einschalten muss, als sogenanntes Opt-In. Vielleicht ist Twitter doch noch bewusst geworden, dass beide Varianten ihren Reiz haben: Der Algorithmus sorgt für mehr Übersicht, und die einfach nur chronologische Anordnung gibt dem Nutzer das Gefühl, einen Live-Blick auf die aktuelle Diskussion im Netz zu werfen. Wie Leo Laporte vom Online-Sender Twit.tv formuliert ist Twitter damit eine Art weltweite Nachrichtenagentur als Antwort auf die Frage: Was passiert jetzt im Moment?

"It’s a kind of newsfeed of the world - if you wanna know what’s happening you go to Twitter."

Leo Laporte vom Online-Sender Twit.tv

Komplizierte Regeln

Das Hin und Her, das halbherzige Ändern und Zurückrudern zeigt, wie kopflos Twitter im Moment agiert. Vielleicht ist Jack Dorsey einfach von den schlechten Bilanzzahlen etwas schwindelig geworden, die er in dieser Woche auch noch präsentieren musste: Twitter schreibt weiter rote Zahlen - und kann noch nicht einmal mit üppigem Wachstum darauf vertrösten, dass diese in Zukunft schwarz werden könnten. Erstmals ist die Menge der monatlich aktiven Nutzer sogar geschrumpft - insgesamt sind es rund 320 Millionen, während Facebook mit 1,6 Milliarden das Fünffache vorweisen kann - und stetig weiterwächst.

Warum also wächst Twitter nicht mehr? Jack Dorsey zeigte sich dazu bei der Telefonschalte mit Analysten zu den Bilanzzahlen erstaunlich selbstkritisch: Twitter sei für neue Nutzer nur schwer zu kapieren - es gebe da ein paar wirklich merkwürdige Regeln, wenn es um Unterhaltungen auf Twitter und Antwort-Tweets gehe - die verstehe einfach niemand.

"We have some really weird rules around conversations specifically around replies that just nobody understands and we really have to fix those things."

Jack Dorsey, Twitter-Chef

Kaufgerüchte

Das will Dorsey mit seinem Team nun ändern. Wenn er denn noch die Zeit dazu hat - denn die Twitter-Aktie hat massiv an Wert eingebüßt, um die 80 Prozent im Vergleich zum Höchstand vor zwei Jahren. Die Anleger haben offenbar scharenweise das Vertrauen verloren, dass Twitter das Ruder herumreißen kann. Anders gesagt: Mit einem Marktwert von umgerechnet nur noch rund neun Milliarden Euro wäre das Unternehmen für einen möglichen Käufer gerade günstig zu haben. Marktbeobachter Jason Calacanis nannte in der Sendung "This week in Tech" zwei Typen von möglichen Käufern.

"Da gibt es zum einen die Leute mit Geld, Hedgefonds oder Milliardäre, die glauben, sie können Twitter kaufen, sanieren und mit Gewinn weiterverkaufen. Und auf der anderen Seite Technik- oder Medienunternehmen, die im Bereich Social Media eine Lücke haben, die sie füllen wollen."

Marktbeobachter Jason Calacanis

Stürmische Zeiten

Und so gab es schon Meldungen, dass der frühere Netscape-Gründer und heutige Silicon-Valley-Finanzier Marc Andreessen sich mit der Investmentfirma Silver Lake zusammen tun wolle, um Twitter zu kaufen. Ähnliches hatten beide Partner vor ein paar Jahren schon mal gemacht: Damals hatten sie Skype von Ebay gekauft und später mit dickem Plus an Microsoft weiterverkauft. Nein, sterben wird Twitter wohl nicht in der nächsten Zukunft. Aber stürmische Zeiten stehen dem Dienst auf alle Fälle bevor.


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