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NSU-Ermittlungen Pannen befeuern Verschwörungstheorien

Ermittlungspannen und viele Widersprüche: report München liegen neue Unterlagen zur Ermittlungsarbeit vor. Weil im NSU-Komplex nach wie vor viele Fragen offen sind, gibt es gefährliche Verschwörungstheorien.

Von: Philipp Grüll, Marcus Weller

Stand: 05.04.2016 | Archiv

Brennendes Wohnmobil, in dem die Leichen der beiden Männer der Neonazi-Terrorzelle (NSU) gefunden wurden | Bild: picture-alliance/dpa

Mehr als vier Jahre nach dem Auffliegen des NSU in Eisenach sind nach wie vor viele Fragen offen: Warum zum Beispiel wurde das Wohnmobil mit den Leichen von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt an Bord in eine private Halle abgeschleppt? Oder: Wieso waren jahrelang Fotos von Feuerwehr und Polizei verschwunden?

Das verbrannte Wohnmobil, in dem die Leichen von Mundlos und Böhnhardt gefunden wurden

Wenn sich eines der Rätsel auflöst, tun sich oft neue auf: So sind die verschwundenen Fotos jetzt nach Jahren wieder aufgetaucht. Auf einem Bild liegt eine blutige Harke auf dem Kopf eines der Toten. Wie kann das sein? Hat tatsächlich der Einsatzleiter damit im Wohnmobil herumgestochert, wie Zeugen dem NSU-Untersuchungsausschuss in Thüringen berichteten.

"Das kann man doch nicht erklären", sagt die Linken-Politikerin Katharina König.

"Das ist keine normale Polizeiarbeit."

Katharina König, Die Linke

König ist Landtagsabgeordnete in Thüringen. Nicht nur Ausschussmitglieder wie sie kritisieren das Vorgehen des Einsatzleiters in Eisenach am 4. November 2011. Auch Beamte, die als Zeugen ausgesagt haben, halten die Tatortarbeit für fragwürdig.

Hinweis auf V-Mann der Polizei

Und die Serie der Ungereimtheiten setzt sich weiter fort: Denn nach Unterlagen, die den ARD-Politikmagazinen report München und Fakt exklusiv vorliegen, bittet die Polizei am Tag nach dem Auffliegen des NSU V-Leute, sich nach Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnardt umzuhören.

Das ist völlig neu und wirft weitere Fragen auf. Denn bisher hieß es, die Thüringer Polizei habe keine eigenen Spitzel. Für die Landtagsabgeordnete Katharina König wäre es "eine sehr große Irritation", wenn es doch V-Leute geben würde, wie die Unterlagen nahelegen.

Demnach hat der V-Mann Informationen geliefert, die mit dem letzten Bankraub des NSU in Eisenach in Verbindung stehen könnten. Das Thüringer Innenministerium bestreitet auf Anfrage von report München und Fakt, dass die Polizei V-Leute führt. Den konkreten Fall aber wolle man jetzt prüfen. Katharina König kritisiert, dass die Unterlagen dem NSU-Untersuchungsausschuss nicht schon lange vorliegen - bei all den Ungereimtheiten, die der Fall zu bieten hat.

"Das trägt nicht zur Aufklärung bei und das führt dazu, dass Verschwörungstheorien befördert werden."

Katharina König, Die Linke

Unklarheiten befeuern Verschwörungstheorien

Die vielen Fragen bringen einige dazu, alles in Frage zu stellen. Der NSU sei ein Phantom, heißt es besonders in rechten Kreisen. Das verbreitet auch der Blog "NSU Leaks" des selbsternannten "Arbeitskreises NSU". Die Theorie: Der Staat vertusche die Wahrheit. Die krude Erklärung dafür auf der Blog-Seite: Mit dem Auffliegen der "NSU-Blamage" werde "eine Kettenreaktion befürchtet, andere Terrorismuskomplexe betreffend, Oktoberfest-Attentat und RAF".

Alles soll also mit allem zusammenhängen. Typisch für Verschwörungstheoretiker, sagt der Tübinger Professor Michael Butter. Er forscht seit Jahren zu diesem Thema. Seine Analyse: Für Verschwörungstheoretiker ist der NSU-Komplex wie gemacht.

"Da sind Akten verschwunden, da gibt es Widersprüche, die man letztlich nicht auflösen kann. Da sind die unterschiedlichsten Motive am Werk. Verschwörungstheoretiker springen darauf natürlich an. Die unterstellen dann kein Chaos. Die sagen, das ist nicht alles Zufall, das ist nicht alles Unfähigkeit von einzelnen Akteuren oder von verschiedenen Behörden, die sich nicht ausgetauscht haben oder nicht miteinander können. Die sagen, da gibt es im Hintergrund den Masterplan. Von daher lösen sie all dieses Chaos, all diese Komplexität letztendlich auf in eine relativ einfache Geschichte."

Professor Michael Butter, Universität Tübingen

Wichtig ist deshalb eine echte, transparente Aufarbeitung des NSU-Komplexes. Damit bei all den Widersprüchen nicht noch mehr Menschen an allzu einfache Antworten glauben.


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