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Anschlag von Reichertshofen Täter benutzten offenbar Brandbeschleuniger

Nach dem Brandanschlag auf die geplante Flüchtlingsunterkunft im oberbayerischen Reichertshofen hat die Sonderkommission Hinweise auf Brandbeschleuniger gefunden. Unterdessen warnt Kardinal Marx vor Verrohung der Gesellschaft.

Stand: 17.07.2015

In dem ausgebrannten Nebengebäude der künftigen Flüchtlingsunterkunft im Ortsteil Winden hat ein Spürhund angeschlagen. Wie ein Polizeisprecher dem BR sagte, deutete der Schnelltest darauf hin, dass es sich bei dem Fund um einen Brandbeschleuniger handelt. Konkretere Erkenntnisse muss ein Gutachter erbringen.

Bislang haben die Ermittler sechs Hinweise aus der Bevölkerung bekommen. Sie beziehen sich auf Autos und Personen, die die Bürger zur Tatzeit rund um das Flüchtlingsheim beobachtet haben. Auch heute und am Wochenende konzentriert sich die 26-köpfige Sonderkommission auf die Befragung der Anwohner.

Helferkreis sagt "Jetzt erst recht!"

Spurensicherung im Reichertshofener Ortsteil Winden

Gestern Abend hat sich ein Helferkreis unter dem Motto "Jetzt erst recht!" gegründet. Zum ersten Treffen kamen mehr als 30 Menschen. Sie wollen sich ab Herbst um die maximal 67 Flüchtlinge kümmern, die in Reichertshofen einziehen sollen. Eine zentrale Aufgabe der Ehrenamtlichen werde sein, eine Brücke des Verstehens zu schlagen zwischen den neuen und den alteingessenen Bürgern, erklärte Organisatorin Elisabeth Kukral dem BR.

"Diese verbindene Funktion halte ich für die wichtigste eines ehrenamtlichen Helferkreises."

Organisatorin Elisabeth Kukral

Wie die Regierung von Oberbayern und das Landratsamt Pfaffenhofen befürwortet auch der Helferkreis, dass die Flüchtlinge wie geplant ab September nach Winden kommen. Der Helferkreis hofft jedoch, dass die Unterkunft schrittweise belegt werde, damit Zeit bleibe für ein gutes Kennenlernen.

Reaktionen auf den Brandanschlag

Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz

"Wer angesichts der jüngsten Vorkommnisse schweigt und wegsieht, der verrät unsere Werteordnung."

Martin Neumeyer (CSU), Integrationsbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung

Neumeyer fordert, die Bevölkerung in Flüchtlingsfragen mehr einzubeziehen. "Oftmals wird vor Ort beklagt, dass die Information spärlich ist. Die Leute müssen mit ins Boot genommen werden. Nur so kann vernünftige Politik funktionieren", sagte Neumeyer dem BR. Er begrüßt den Plan, die Unterkunft möglichst schnell wieder aufzubauen. "Das ist jetzt das richtige Signal, dass man sich nicht beeinflussen lässt von einer Brandstiftung. Wir wollen ja auch, dass Menschen vernünftig unterkommen."

Neumeyer warnt aber auch davor, Gemeinden mit dem Flüchtlingsthema zu überfordern. "Man muss die Proteste der Anwohner ernst nehmen. Der richtige Weg ist, dass man nicht verzichtet auf ein Flüchtlingsheim, sondern die Anzahl der Flüchtlinge so anpasst, dass sie auch zur Bevölkerungsanzahl passt". Zur Flüchtlingsdebatte in Gesellschaft und Politik sagte er: "Der Tonfall ist härter geworden. Man sollte auf allen Seiten ein wenig runterfahren. Mit Schuldzuweisungen werden wir dieses Problem nicht lösen können, sondern mit einer gemeinsamen Idee."

Joachim Herrmann (CSU), Bayerischer Innenminister

"Wir sorgen für eine gute Aufnahme von echten Flüchtlingen, zum Beispiel aus Syrien oder Irak. Wir sprechen auch deutlich an, wo Schleuser unser Asylrecht missbrauchen für ihre kriminellen Geschäfte. Dann müssen entsprechend Leute auch wieder in ihre Heimat zurückkehren. Aber das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass irgendjemand Gewalttaten verübt", sagte Herrmann dem BR.

Die Anschläge seien schändlich und verwerflich. Jeder Mensch, der sich in unserem Land aufhalte, müsse menschenwürdig behandelt werden. "Und deshalb werden wir gegen jeden, der in irgendeiner solchen Art und Weise gewalttätig vorgehen will, konsequent vorgehen - werden versuchen, so schnell wie möglich, Täter auch dingfest zu machen."

Konrad Zdarsa, Bischof von Augsburg

Mit großer Empörung und mit Sorge hat Zdarsa auf den Brand reagiert. Sollte es sich um einen fremdenfeindlichen Hintergrund handeln, wäre dies ein verabscheuungswürdiges Verbrechen. Wer so etwas tue, nehme Menschen, die aus schwerer Not zu uns kommen, die Chance, wenigstens ein festes Dach über den Kopf zu bekommen. Das sei zutiefst menschenfeindlich, erklärte der Bischof. Das Dekanat Pfaffenhofen gehört zum Bistum Augsburg.

Ben Rau, Sprecher Bayerischer Flüchtlingsrat

Der Bayerische Flüchtlingsrat bezeichnet den Brandanschlag als "schlichtweg widerlich" und fordert jetzt Reaktionen von der Bayerischen Staatsregierung. Der Brandanschlag reihe sich "in eine traurige Serie zunehmender Gewalt und Agitation gegen Flüchtlinge" ein, so Ben Rau vom Flüchtlingsrat.

"Wir fordern die Bayerische Staatsregierung dringend dazu auf, rechtsradikale Strukturen in Bayern intensiv zu bekämpfen, eine umfassende Aufklärung der BürgerInnen für eine Flüchtlingsaufnahme zu betreiben und ehrenamtliche Initiativen in der Asylarbeit zu unterstützen. (...) Die CSU muss sich die Frage gefallen lassen, wie viel Anteil ihre rechte Stimmungsmache an solchen Brandanschlägen hat."

Christine Kamm, die flüchtlingspolitische Sprecherin der Landtags-Grünen

"Die unverantwortlichen Hetzreden der CSU-Lautsprecher Söder und Scheuer gegen angeblichen massenhaften Asylmissbrauch haben den Brandstiftern die Argumente für ihre schändliche Tat geliefert."

Markus Rinderspacher, SPD-Fraktionsvorsitzender im Bayerischen Landtag

"Wir brauchen einen politischen Diskurs, in dem auf geistige Brandstiftung verzichtet wird, da dies reale Feuerteufel nach sich zieht."

Eva Bulling-Schröter, Landesvorsitzende der Linken Bayern

"Der Landesregierung fällt in solchen Momenten nichts Besseres ein, als nach schnelleren Abschiebungen zu rufen. Diese Äußerungen sind Wasser auf die Mühlen derer, die mit Gewalt und Hetze gegen Flüchtlinge vorgehen. Es ist kein Zufall, dass Bayern rassistischer und antisemitischer ist als andere Bundesländer."

Christoph Hillenbrand, Regierungspräsident von Oberbayern

"Der erste Eindruck erschüttert mich schon. Das ist hier ist das Dokument einer ganz hinterhältigen Tat, die als Fanal angelegt ist. An zwei Stellen Brand zu legen, ist eine bewusste schwere Straftat, die ich massiv verurteile. (...) Ich hielte es für ein gutes Zeichen, wenn daran festgehalten wird an dieser Belegung mit etwa 60 Personen." Jetzt, so Hillenbrand, dürfe man diesem "fremdenfeindlichen Fanal" nicht nachgeben, sondern müsse "klare Kante" zeigen.

Martin Wolf (CSU), Landrat des Landkreises Pfaffenhofen an der Ilm

Wolf hat sich ebenfalls dafür ausgesprochen, dass die Asylbewerber wie geplant in die Unterkunft einziehen sollen. "Wir wollen am 1. September festhalten, um dem oder den Tätern ein klares Signal zu geben, dass wir uns von unserem Vorhaben nicht abringen lassen."

Michael Franken (Junge Wähler Union), Bürgermeister der Marktgemeinde Reichertshofen, zu der Winden gehört

Franken, hofft, "dass ein Ruck durch den Ort geht nach dem Motto: Jetzt erst recht".

Selmin Caliskan, Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland

"Der starke Anstieg rassistisch motivierter Gewalt muss ein Weckruf für die Politik sein, sich rassistischen Ressentiments in der Gesellschaft klar entgegenzustellen." Es sei beschämend, wenn sich Politiker "in einem reichen Land wie Deutschland auf eine angebliche Überforderung berufen, statt ihrer Pflicht nachzukommen und Flüchtlinge zu schützen", so Caliskan.

Matthias Höhn, Bundesgeschäftsführer der Linken

"Verbales Zündeln ist Brandbeschleuniger. Man muss schon sehr blauäugig sein, wenn man meint, dass dieser unerträgliche Populismus Rechtsaußen nicht als Aufruf zum Handeln verstanden wird."

Google sperrt Neonazi-Karte

Der Internetkonzern Google hat eine Deutschlandkarte vom Netz genommen, auf der Asylbewerberheime verzeichnet waren. Das hat ein Konzernsprecher dem BR bestätigt. Die Karte war von Rechtsextremisten erstellt und unter anderem von der Homepage der Neonazi-Partei "Der Dritte Weg" verlinkt worden - daneben die Aufforderung, weitere Unterkünfte auszuforschen und zu melden. Die geplante Unterkunft in Winden war in der Google-Karte mit dem Hinweis "Asylkaschemme" eingezeichnet.

Geringer Schaden an künftigem Asylbewerberheim

Pressekonferenz mit (v.l.) Regierungspräsident Hillenbrand, Bürgermeister Franken und Landrat Wolf wenige Stunden nach dem Anschlag

Am dem Gasthof waren in der Nacht auf Donnerstag zwei Brandsätze gezündet worden. Der Gasthof besteht aus mehreren Gebäudeteilen - unter anderem einer Diskothek, die ausbrannte. Das Gebäude, in dem ab September Asylbewerber wohnen sollen, wurde nur leicht beschädigt. Insgesamt beläuft sich der Schaden aber auf mindestens 150.000 Euro. Ein Nachbar hatte das Feuer in der Nacht auf Donnerstag bemerkt und um 2.50 Uhr die Polizei alarmiert. Verletzt wurde niemand.

Proteste der Anwohner

In der Vergangenheit hatte es heftige Proteste in Winden gegen die Unterbringung von Asylbewerbern gegeben. Der Gasthof sollte ursprünglich rund 130 Plätze bieten.

Dagegen protestierten Bewohner mit Plakaten und Bannern mit der Aufschrift "130 Asylbewerber sind zu viel". Auch gab es Demonstrationen vor dem Rathaus. Nach vielen Gesprächen mit der Regierung von Oberbayern, dem Landratsamt und den Bürgern einigte man sich schließlich auf 67 Plätze.

Brandanschlag im geplanten Asylbewerberheim

Bislang knapp 80 Asylbewerber in Reichertshofen

In der Gemeinde gibt es seit zwei Jahren Asylbewerber. Derzeit leben rund 75 Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und dem Kosovo in der Gemeinde. "Wir haben sehr gute Erfahrungen gemacht und werden von der Bevölkerung sehr unterstützt", sagte Franken. Insgesamt sei die Stimmung in der Gemeinde sehr harmonisch.


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