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Bayerns Regionalförderung Echte Hilfe oder Tropfen auf den heißen Stein?

Bayerns Städte boomen, doch auf dem Land sieht es häufig alles andere als rosig aus: Vor allem der Nordosten Bayerns gilt als strukturschwach. Die bayerische Staatsregierung versucht, dieser ungleichen Entwicklung entgegenzuwirken. 155 Millionen Euro gab sie 2015 für Regionalförderung aus. Doch greifen die Maßnahmen wirklich?

Von: Verena Schälter

Stand: 24.03.2016

oberpfälzische Landschaft | Bild: picture-alliance/dpa

So stellt man sich das Innere eines Vulkans vor: Über 1.500 Grad heiß ist die glühende Masse aus Sand, Kalk und Soda, die sich im Inneren der Glaswanne der Firma Gerresheimer im oberfränkischen Tettau befindet. Täglich werden hier 140 Tonnen des Sand-Kalk-Gemischs zu Kosmetikglas verarbeitet: vom Cremedöschen über Parfumflakons bis hin zum Nagellackfläschchen - zumindest noch. Denn die Glaswanne muss alle zehn Jahre ausgetauscht werden - und das wird teuer. Dieses Jahr ist es wieder so weit.

"Wenn man sich das so anschaut, das ist schon eine der modernsten Glasfertigungen, die es im Moment gibt und mit der Maßnahme in 2016 sind wir schon zuversichtlich, dass wir in den nächsten zehn Jahren wettbewerbsfähig bleiben."

Bernd Hörauf, Geschäftsführer der Firma Gerresheimer

In wenigen Wochen beginnen die Bauarbeiten. Für das Unternehmen im Landkreis Kronach ist die neue Glaswanne ein Großprojekt. Kostenpunkt: 23 Millionen Euro. Der Freistaat Bayern bezuschusst die Investition im Rahmen der Regionalförderung mit knapp drei Millionen Euro.

Verlagerung ins Ausland drohte

"Ohne diese öffentliche Förderung wäre der Bestand des Unternehmens Gerresheimer in Tettau sicherlich infrage gestanden."

Bernd Hörauf

Denn die Firma gehört zur Gerresheimer Gruppe, ein Unternehmen mit 45 Standorten weltweit, die auch untereinander in Konkurrenz stehen. Geschäftsführer Hörauf glaubt, ohne Förderung hätte die Konzernzentrale in Düsseldorf den Standort in Oberfranken langfristig ins Ausland verlegt.

Stattdessen entstehen im Landkreis Kronach nun 30 neue Arbeitsplätze und die bestehenden 500 sind erst einmal gesichert. Für die Region ist das wichtig, denn sie gilt als strukturschwach.

"Die strukturschwachen Gebiete in Bayern sind die traditionell altindustrialisierten Regionen des nordostbayerischen Rands. Früher haben wir das Zonenrandgebiet genannt. Dort sind traditionell ältere Industrien angesiedelt gewesen - zum Beispiel die Textil-, die Keramik-, aber auch die Glasindustrie. Das heißt: Im Bayerischen Wald, in der nördlichen Oberpfalz, im östlichen Oberfranken wären sozusagen diese klassischen altindustrialisierten Gebiete."

Manfred Miosga, Professor für Stadt- und Regionalentwicklung an der Universität Bayreuth

Schere klafft weiter auseinander

Um so wichtiger sei es, die wirtschaftlichen Strukturen zu stärken. Deshalb findet Miosga Instrumente wie die Regionalförderung grundsätzlich richtig, aber:

"Was wir feststellen, ist, dass das bisher nicht dazu geführt hat, dass sich diese Entwicklungsunterschiede abschwächen. Im Gegenteil: Die sind sehr, sehr zäh. Wir haben das in den letzten Jahren erlebt, dass die Unterschiede zwischen den leistungsfähigsten Landkreisen oder kreisfreien Städten, gemessen am Bruttoinlandsprodukt und den am wenigsten leistungsfähigen, dass die sogar noch zugenommen haben."

Manfred Miosga

Auch der Landkreis Kronach hat nach wie vor mit großen Strukturschwächen zu kämpfen. Das zeigt auch eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung: So ist die Arbeitslosenquote bayernweit betrachtet recht hoch, ebenso die Verschuldung. Das regionale Einkommen ist vergleichsweise niedrig.

Förderung künftig nur noch in unmittelbarer Grenznähe

Deshalb ist es für den Landkreis besonders ärgerlich, dass es künftig für größere Unternehmen wie Gerresheimer in Tettau keine Regionalförderung mehr geben wird. Denn die bekommen nur noch große Unternehmen direkt an der Grenze zu Tschechien. Obwohl strukturschwach, liegt Kronach zu weit weg davon.

"Aus unserer Sicht ist das einfach so das Opfer gewesen der bayerischen Politik. Man will natürlich eine Geschlossenheit in Richtung Osteuropa zeigen und irgendwo musste dann eingespart werden und das waren natürlich dann wir, die in der zweiten Reihe sind."

Wolfgang Puff, zuständig für Wirtschaftsförderung im Landkreis Kronach

Breitbandausbau und bessere Verkehrsinfrastruktur gewünscht

Allerdings sagt Puff auch, dass Investitionsförderungen alleine nicht ausreichen, um die Wirtschaftsstruktur zu stärken. Eine Befragung der Unternehmer in der Region habe erst kürzlich wieder gezeigt, dass für viele Firmen andere Dinge ganz oben auf der Prioritätenliste stehen: Sie wünschen sich vor allem Investitionen in den Breitbandausbau, also schnelles Internet, sowie eine bessere Verkehrsinfrastruktur. Hier müsse der Freistaat in allen strukturschwachen Regionen schleunigst nachbessern:

"Also, ich denke, dass hier schon noch durchaus Anstrengungen unternommen werden müssen, besonders an den Rändern, weil da muss man verhindern, dass sie wegbrechen, dass sie in eine Abwärtsspirale geraten und ein reiches Bayern sollte sich das durchaus auch leisten können, sich darum zu bemühen, dass die Randgebiete nicht wegbrechen."

Manfred Miosga

  • Verena Schälter | Bild: BR / Henrik Ullmann Verena Schälter

    Seit 2013 als Reporterin und Autorin beim BR - Fernsehen und Multimedia


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