Rechtsextremismus in Bayern

Wie das? Neonazi und schwul

Kolumne: Auf dem rechten Auge hellwach Wie das? Neonazi und schwul

Stand: 13.07.2015

In einem Auge spiegeln sich die wutverzerrten Gesichter von Neonazis | Bild: colourbox.com; picture-alliance/dpa; br; montage:br

Der Bundesgeschäftsführer und sächsische Landeschef der NPD, Holger Szymanski, ist Anfang Juli zurückgetreten, weil auf seinem Computer homoerotische Videos gefunden wurden. Schon im Dezember 2013 musste der damalige NPD-Bundesvorsitzende Holger Apfel sein Amt aufgeben, weil er männlichen Kameraden an die Wäsche gegangen sein soll. Homosexuelle Nazis gibt es immer wieder. Die Frage ist nur: Was treibt Schwule in eine zutiefst schwulenfeindliche Szene?

Von: Thies Marsen

Die sexuelle Orientierung eines Menschen sollte im politischen Diskurs eigentlich keine Rolle spielen. Es ist ja auch völlig gleichgültig, ob ein Außenminister oder eine Oberbürgermeisterin nun homosexuell sind oder nicht. Wichtig ist allein die Politik, die sie machen. Das würde grundsätzlich auch für extrem rechte Aktivisten gelten, wenn nicht der Hass auf Homosexuelle zum Kern brauner Ideologie gehören würde und wenn dieser Hass nicht auch immer wieder mörderische Folgen hätte: Schon die Nationalsozialisten während der Hitler-Zeit wollten Homosexuelle vernichten und sperrten sie in Konzentrationslager. Bis heute werden Schwule von Neonazis angegriffen und ermordet, auch in Bayern. So etwa im Jahr 1995 als zwei Neonazis im oberpfälzischen Amberg einen 48-Jährigen wegen dessen sexueller Orientierung in die Vils warfen, wo er ertrank.

Homoerotisch: blonder, blauäugiger Muskel-Germane

Zugleich scheint der Nationalsozialismus aber auf manche Homosexuelle anziehend zu wirken: die Uniformen, das Männerbündlerische, das Schönheitsideal des muskelbepackten, blonden, blauäugigen Germanen, wie es etwa in Filmen von Leni Riefenstahl gefeiert wird - von Anfang an hatte die Bewegung eine gewisse homoerotische Komponente. Zahlreichen führenden Nazis wird nachgesagt, sie seien homosexuell gewesen: etwa SA-Führer Ernst Röhm, der Hitler-Vertraute Emil Maurice oder auch Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß, den heute Neonazis besonders verehren.

Auch Hitler schwul?

Nur zum Vorzeigen? Hitlers Lebensgefährtin Eva Braun

Der Historiker Lothar Machtan stellte 2003 sogar die These auf, Hitler selbst sei homosexuell gewesen und führte zahlreiche Belege dafür auf. Über das Sexualleben Hitlers ist wenig bekannt, es passte aber wohl kaum zu dem in seiner Bewegung hoch gehaltenen Familienbild. Die Propaganda behalf sich zunächst mit Parolen wie "seine einzige Liebe ist Deutschland", stilisierte ihn zum asketischen Führer, um ihm irgendwann doch sicherheitshalber eine Frau an die Seite zu stellen, doch Eva Braun war wohl bis zum bitteren Ende nicht mehr als eine Vorzeige-Braut.

Männerbünde als NS-Keimzelle

Schwule Ex-Führungsfigur in der Neonazi-Szene: Bela Ewald Althans (Archivfoto von 1994)

Auch unter den geistigen Erben der historischen Nationalsozialisten finden sich zahlreiche Homosexuelle: Bela Ewald Althans etwa, der Anfang der 1990er-Jahre durch den Film "Beruf Neonazi" zum zeitweilig bekanntesten deutsche Rechtsextremisten avancierte. Nach seinem Ausstieg verdiente Althans sein Geld mit der Veranstaltung von Schwulenpartys. Sein langjähriger Mentor Michael Kühnen, wichtigste Figur der deutschen Neonaziszene der 1980er-Jahre, versuchte sich gar daran, Homosexualität und Nationalsozialismus ideologisch in Einklang zubringen. Für Kühnen, der 1991 an Aids starb, waren Männerbünde quasi die Keimzelle des NS-Staates und homosexuelle Beziehungen die Möglichkeit "überschüssige" Sexualität zum "Nutzen der kulturellen Gemeinschaften" einzusetzen.

NSU-Angeklagter: schwuler Aussteiger

Fühlte sich von betont männlichen Skinheads angezogen: Carsten S., Angeklagter im NSU-Prozess

Auch beim NSU-Prozess, der seit über zwei Jahren in München verhandelt wird, sitzt ein Schwuler auf der Anklagebank: Carsten S. Er soll den mutmaßlichen Neonazi-Terroristen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe die Tatwaffen besorgt haben. Bei seiner Aussage vor Gericht betonte er, dass es ausgerechnet seine Homosexualität gewesen sei, die ihn in die Arme der Neonazis geführt habe. Er habe sich von den betont männlichen Skinheads angezogen gefühlt. Carsten S. stieg übrigens in dem Moment aus der rechten Szene aus, als seine sexuelle Orientierung aufzufliegen drohte. Denn dann wäre er, das war ihm wohl bewusst, in tödlicher Gefahr gewesen.

Denn immer wieder hat es innerhalb der Nazi-Bewegung interne Fememorde an Homosexuellen gegeben, schon 1934 an Ernst Röhm oder 1981 an dem damals 28-jährigen Friedhelm Enk, der von den eigenen Kameraden wegen seiner Homosexualität erstochen wurde.

Opfer der eigenen Ideologie

Dass sich manche Schwule zur Naziszene hingezogen fühlen, hat vermutlich auch viel mit Verdrängung, Abspaltung, Selbsthass zu tun, hat mithin individuelle, psychologische Gründe. Zugleich beweist die Tatsache, dass auch hohe Nazi-Kader regelmäßig als schwul geoutet werden - also diejenigen, die ideologisch am meisten gefestigt und am besten geschult sind - aber mal wieder eines: Die von den Nazis (und nicht nur von diesen) propagierte "natürliche Ordnung", die ausschließlich heterosexuelle Beziehungen zur Nachwuchszeugung erlaubt, ist schlicht und einfach Schwachsinn. Genauso wie eine angebliche "natürliche Volksgemeinschaft" oder ein "gottgegebener Führer" oder eine "Herrenrasse" oder "Rassenreinheit" oder was da noch so an Hirngespinsten in Neonazi-Köpfen herumgeistert. Schade, dass das viele erst merken, wenn sie selbst zum Opfer ihrer eigenen Ideologie geworden sind.

Bayernkarte, im Hintergrund schemenhaft ein Neonaziaufmarsch | Bild: picture-alliance/dpa; BR; Montage: BR zur interaktiven Anwendung Überall aktiv Rechtsextreme in Bayern - und ihre mutigen Gegner

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