Rechtsextremismus in Bayern

Fouls rechtsaußen

Neonazis und Fußball Fouls rechtsaußen

Stand: 10.02.2014

Antisemitisches Banner in Fußballstadiion | Bild: picture-alliance/dpa

Sie schlägern, sie beleidigen dunkelhäutige Spieler, sie versuchen Vereine zu unterwandern - Rechtsextreme sind immer häufiger in der Fußball-Szene zu beobachten. Von offizieller Seite wird dagegen weiterhin zu wenig getan, sagen Experten.

Von: Ernst Eisenbichler und Jan Müller-Raith

Während des Spiels am 18. August 2013 beim TSV 1860 München wurde der Ingolstädter Abwehrmann Danny da Costa von Löwen-Fans wegen seiner dunklen Hautfarbe übel beschimpft. Der Fall machte Schlagzeilen, schließlich handelte es sich um eine Zweitligapartie in der Allianz Arena. In den unteren Spielklassen werden solche Ausfälle meist nicht publik. Dabei sind dort Affenlaute und rassistische Beleidigungen keine Seltenheit - ebenso wenig antisemitische oder homophobe Sprüche.

Rechtsextreme suchen Nähe zu Sportvereinen

Neonazis streben Ehrenämter in Vereinen an, beobachtet der Sportsoziologe Gunter A. Pilz.

Manche Zuschauer auf der Tribüne mögen solche Beschimpfungen für eine Art Folklore halten, auch wenn eine solche Betrachtungsweise äußerst problematisch ist. Aber damit nicht genug - inzwischen versuchen sich immer mehr Neonazis in die Fan-Szene zu mischen. Nicht nur in den Fußballstadien, auch in anderen Sportarten würden rechtsextreme Gruppen den Breitensport zunehmend für ihre Zwecke nutzen, meint der Soziologe Gunter A. Pilz.

Trikot "Fit für das Reich"

Laut Pilz nutzen Neonazis gezielt Sportveranstaltungen, Turniere oder sportorientierte Zeltlager. Rechtsextreme würden außerdem ehrenamtliche Funktionen in Klubs anstreben. Dazu kämen zunehmend Vereinsgründungen durch Neonazis. Auch rechtsextremistisches Sponsoring sei keine Seltenheit. So bekam in Sachsen ein Fußballklub einen Trikotsatz mit dem Aufdruck "Fit für das Reich".

Aktionstag gegen Rechtsextremismus

Spieler des FSV Erlangen-Bruck und der SpVgg Bayreuth am BFV-Aktionswochenende gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus

Der Bayerische Fußball-Verband (BFV) und das "Bayerische Bündnis für Toleranz" setzten Ende April 2013 mit einem gemeinsamen Aktionswochenende ein Zeichen gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus. An Spielorten der Bayernliga Nord und Süd standen Vertreter der Vereine, des BFV sowie staatlicher, kommunaler und religiöser Gruppierungen dafür ein, dass Rechtsextremismus im Fußball und der Gesellschaft keinen Platz haben darf. Unter dem Motto "Gemeinsam gegen Rechtsextremismus" liefen die Mannschaften sowie BFV- und Bündnis-Vertreter zusammen mit einem großen Banner in die Stadien ein. Die Zuschauer erhielten mit ihrer Eintrittskarte einen Flyer zur Aktion und wurden mit einer Durchsage vor dem Anpfiff aufgefordert, "hinzuschauen" und sich aktiv für Toleranz, Respekt und Fairness einzusetzen.

Neue Dimension der Gewalt

Pilz beobachtete außerdem, dass sich Neonazis immer öfter mit den traditionellen Hooligans und Ultra-Fan-Gruppen verbünden. Für den Sportsoziologen ist das ein Grund für die zunehmende Gewaltbereitschaft in und außerhalb der Stadien.

"Da gibt es in letzter Zeit eine gefährliche Entwicklung hin zu einer Symbiose. Diese Gruppen sind von Gewalt fasziniert und kämpfen auch um die Meinungshoheit in den Fan-Kurven."

Sportsoziologe Gunter A. Pilz

Festnahme nach der Massenschlägerei in Köln

Früher trafen sich gewaltbereite Fan-Gruppen zu Keilereien in abgelegenen Waldstücken, jetzt verlagern sie sie mitten in Großstädte. So verabredeten sich anlässlich des Freundschaftsspiels zwischen dem 1. FC Köln und Schalke 04 am 18. Januar 2014 mehrere Hundert Anhänger der Vereine in der Kölner Innenstadt zu einer Massenschlägerei. Die Brutalität der Akteure und Blut auf dem Asphalt bestürzten die Passanten.

Löwen-Fans gegen Rechts

Herbert Schröger vom Aktionsbündnis "Löwen-Fans gegen Rechts"

Pilz fordert Verbände und Vereine zu einer deutlicheren Positionierung auf. "Der dringende Bedarf ist hier noch nicht erkannt worden", so der Sportsoziologe. Vereine, die nichts unternähmen, zögen wie in einer Sogwirkung Rechtsextreme an. Auch bei den Heimspielen von 1860 München tauchen im berüchtigten Block 132 der Allianz Arena regelmäßig Rechtsradikale auf. Doch der Traditionsklub ist inzwischen nicht mehr untätig. So wurde dem stadtbekannten Neonazi Norman Bordin die Mitgliedschaft verweigert, die Vereinssatzung enthält mittlerweile einen Passus gegen Rechtsextremismus. Der Verein distanzierte sich auch offiziell von der Haltung während der NS-Zeit, als man sich bereitwillig vereinnahmen ließ. Wegen dieser Phase der Klubhistorie fühlen sich wohl immer noch Neonazis zu den Sechzigern hingezogen. Das Aktionsbündnis "Löwen-Fans gegen Rechts" engagiert sich schon lange gegen die Radikalen.

DFL kooperiert mit "Exit"

Auch auf höchster Verbandsebene hat man das Problem inzwischen erkannt, nachdem viele Klubverantwortliche und Deutsche Fußball Liga (DFL) lange Zeit weggeschaut hatten. Doch die Häufung rechtsextremer Übergriffe im Bereich Fußball ließ die DFL nun ein Zeichen setzen. Sie ging eine Kooperation mit der Aussteigerinitiative "Exit" ein. Bis 2016 sollen 1,5 Millionen Euro bereitgestellt werden. "Exit" unterstützt die DFL bei Programmen gegen rechtsextreme Tendenzen.

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