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Rechter Terror - eine Bilanz Vom Oktoberfest-Attentat zu den NSU-Morden

Im Zusammenhang mit den NSU-Morden wurde einmal mehr offenbar, dass rechte Gewalt immer wieder Todesopfer fordert. Allein in Bayern kamen durch Neonazi-Brutalität seit 1980 mehr als 20 Menschen um.

Von: Ernst Eisenbichler

Stand: 20.01.2014 | Archiv

Oktoberfest während der Trauerfeierlichkeiten 1980 für 24 Stunden unterbrochen | Bild: picture-alliance/dpa

Am 26. September 1980 wurde der schwerste Terrorakt der deutschen Nachkriegsgeschichte verübt: das Attentat auf das Münchner Oktoberfest. 13 Menschen starben, 211 wurden zum Teil schwer verletzt. Die Bombe hatte der Rechtsextremist Gundolf Köhler gezündet, der selbst bei dem Anschlag sein Leben verlor.

Gundolf Köhler

Offizielle Version ist immer noch, dass Köhler Einzeltäter gewesen sei. Bis heute bestehen Zweifel, ob er das Attentat tatsächlich allein geplant und begangen hat. Es gibt auch die Vermutung, dass möglicherweise ein rechtsextremes Netzwerk dahinter stand.

Motiv: Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit, Homophobie

Gundolf war Anhänger der "Wehrsportgruppe Hoffmann", einer rechtsradikalen Organisation mit Sitz in Mittelfranken. Ein Mitglied der im Januar 1980 verbotenen "Wehrsportgruppe" erschoss im Oktober desselben Jahres in Erlangen den Verleger Shlomo Lewin, den Ex-Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg, und dessen Lebensgefährtin Frieda Poeschke.

Löscharbeiten nach dem Schwandorfer Anschlag

Antisemitismus oder Ausländerfeindlichkeit sind ständige Begleiter bei der Suche nach Motiven für rechtsextreme Gewalt. So steckte im Dezember 1988 im oberpfälzischen Schwandorf ein Neonazi ein Haus in Brand, das vor allem von Türken bewohnt war. Ein türkisches Ehepaar, sein elfjähriger Sohn und ein Deutscher kamen bei dem Anschlag ums Leben. Zwölf weitere Bewohner wurden zum Teil schwer verletzt. Auch dunkle Hautfarbe oder sexuelle Orientierung kann zum Verhängnis werden: 1995 wurde ein Homosexueller Opfer von rechten Skinheads, 1999 erschlug ein fremdenfeindlicher Deutscher im oberbayerischen Kolbermoor einen Mosambikaner. Auch Obdachlose werden häufig Opfer rechtsextremer Gewalt.

NSU-Mordserie

NSU-Trio

Fremdenfeindlichkeit war auch das Motiv für die neun Morde an Migranten, die der rechtsextremen Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) um Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zugeschrieben werden. Zwischen 2000 und 2006 soll der NSU acht Menschen mit türkischem und einen mit griechischem Hintergrund ermordet haben, drei von ihnen in Nürnberg und zwei in München. Seit Mai 2013 müssen sich deswegen Zschäpe und vier weitere Angeklagte vor dem Oberlandesgericht München verantworten.

Täglich zwei Opfer rechter Gewalt

Robert Andreasch vom Münchner antifaschistischen a.i.d.a.-Archiv warnte schon vor Jahren, dass es inzwischen eine "potenziell tödliche Bedrohung durch Neonazis" gebe. Rechtsradikale Gewalttaten werden laut Experten heutzutage nicht mehr nur spontan ausgeübt, sondern teilweise geplant, wobei Todesopfer bewusst in Kauf genommen würden. Das sei eine neue Qualität gegenüber früher, als etwa rechte Skinheads erst durch starken Alkoholkonsum aufgeputscht wurden, bevor sie Jagd auf Ausländer machten. Laut Verfassungsschutzbericht liegt die Zahl der gewaltbereiten Rechtsextremisten bundesweit bei fast 10.000, in Bayern bei etwa 1.000. Und sie sind nicht nur bereit zum Zuschlagen, sie schlagen auch zu. Laut Opferverbänden werden durch rechtsextreme Gewalt in Deutschland jeden Tag mindestens zwei Menschen schwer verletzt.

Von offiziellen und nichtoffiziellen Statistiken

Nach offiziellen Angaben der Bundesregierung gab es in Deutschland 63 Tote durch Neonazi-Gewalt von 1990 bis 2013. Die Wochenzeitung "Die Zeit" recherchierte monatelang - und kam für denselben Zeitraum auf 152 Tote, 13 von ihnen starben demnach in Bayern. Woher kommt diese erstaunliche Differenz? Ermittler übersehen beim einen oder anderen Delikt den rechtsextremen Hintergrund, im Protokoll steht dann etwa "gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge" - und die Statistiken erscheinen, aus gesellschaftspolitischer Sicht, harmloser.

Nun scheint sich hier allerdings etwas zu tun. Das Bundesinnenministerium gab Anfang Dezember 2013 bekannt, dass als Konsequenz aus der NSU-Mordserie bundesweit rund 3.300 ungeklärte Tötungen und Tötungsdelikte von 1990 bis 2011 neu überprüft werden sollen. In mindestens 746 Fällen gibt es nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamts und der Landespolizeibehörden Anhaltspunkte für ein Tatmotiv aus dem rechtsextremen Spektrum. 45 Fälle davon kämen aus Bayern, teilte Innenminister Joachim Herrmann (CSU) mit.

Rechte Gewalttaten in Bayern


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