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Datenschutz Streit um Gesichts-Scanner bei Real

Real-Supermärkte testen ein System, das per Kamera Gesichter von Kunden erfasst. Auf Bildschirmen an der Kasse bekommen diese entsprechend zielgerichtete Werbung angezeigt. Bürgerrechtler sind empört - und wollen klagen.

Von: Florian Regensburger

Stand: 20.06.2017

Auf dem Werbebildschirm im Supermarkt laufen die Sonderangebote der Woche durch. Das wäre so weit nichts Besonderes. Doch der Bildschirm im Real-Supermarkt ist ausgestattet mit einer unauffälligen Kamera. Die erkennt, wer vor ihr steht: Mann oder Frau, und das ungefähre Alter. Entsprechend zeigt der Bildschirm dann ans Publikum angepasste Werbung und Unterhaltungsinhalte an. Denkbar sind zum Beispiel Anti-Aging-Cremes für Frauen im mittleren Alter, Produkte zur Bartpflege für jüngere Herren oder Küchentipps für mutmaßliche Hausfrauen und -Männer.

Gesichts-Scan an der Supermarktkasse

Neben Werbung zeigen die Bildschirme auch Infotainment-Angebote an.

In bayernweit insgesamt vier Supermärkten in München und im Raum Augsburg testet Real derzeit das System, das neben Daten zu Alter und Geschlecht auch die Anzahl der Betrachter und deren Blickkontakte zum Bildschirm erfasst. Die Daten werden vor Ort anonymisiert und an die Augsburger Firma Echion weitergeleitet, welche dann entsprechend angepasste Werbe-Anzeigen auf den Bildschirm spielt.

Das Bayerische Landesamt für Datenschutzaufsicht hält die Praxis aufgrund der Anonymisierung der Daten für unbedenklich. Im Grunde wird ja auch ein Obstverkäufer an einem Marktstand Jugendliche anders ansprechen als eine Seniorin. Mit einem Unterschied: Hier weiß der Kunde, dass er vom Händler gesehen und entsprechend eingeschätzt wird. In den real-Supermärkten weist aber nur ein Schild auf "Videoüberwachung" im Markt hin - ein Hinweis, der normalerweise eher als Maßnahme gegen Ladendiebstahl verstanden wird.

Personenbezogene Daten oder nicht?

Padeluun (Künstlername) vom Verein Digitalcourage e.V.

Neben dieser Heimlichkeit ist für den Bürgerrechts-Verein Digitalcourage e.V., der jährlich den Datenschutz-Negativpreis BigBrotherAward vergibt, auch der Umgang mit den Daten durch Real und Echion bedenklich. Zwar hat das Datenschutz-Landesamt in dieser Woche festgestellt, durch die Anonymisierung würden keine personenbezogenen Daten erhoben. Auch Real versicherte auf BR-Anfrage: "Das System erkennt lediglich z.B. einen Mann von ca. 45 Jahren. Das System weiß jedoch zu keinem Zeitpunkt, wer diese Person ist. Die entstandenen Daten sind hinterher keiner Person zuzuordnen."

Doch das will Digitalcourage-Vorstand Padeluun nicht gelten lassen: Die personenbezogenen Daten würden zwar nicht mit einem Namen verknüpft, wirkten durch die personalisierte Werbung jedoch direkt auf die erfasste Person zurück. Digitalcourage hat angekündigt, noch in dieser Woche eine Klage bei der nordrheinwestfälischen Datenschutzbeauftragten einzureichen - gegen Real und auch gegen die Deutsche Post, die ein ähnliches System betreibt.

"Wenn ich einen Menschen mit Kamera oder sonstiger Überwachungssensorik erfasse, den auswerte, be-werte und gegebenenfalls ihm personalisierte Werbung zeige, dann arbeite ich auf jeden Fall mit personenbestimmten Daten - auch, wenn ich nicht weiß, ob der Mensch Karla Müller heißt oder Waltraud Schmidt"

Padeluun, Digitalcourage e.V.

Gesichtserkennungs-Systeme liegen im Trend

Bereits in den vergangenen Tagen und Wochen hatten Systeme zum Scannen von Gesichtern für Schlagzeilen gesorgt. So war bekannt geworden, dass Facebook ein Patent für eine Technik angemeldet hat, das über die Handykamera erkennt, in welcher Stimmungslage sich ein Nutzer gerade befindet und dazu passende Beiträge in dessen Timeline anzeigen kann. Außerdem hatte Bundesinnenminister Thomas De Maizière verlauten lassen, dass er künftig gerne Gesichtserkennungssoftware mit Überwachungskameras im öffentlichen Raum kombinieren möchte, um nach Terroristen und anderen schweren Straftätern zu fahnden.

Für die Bürgerrechtler vom Verein Digitalcourage ist all das "Anlass zum Haareraufen: Emotionserkennung, Kundenprofile, Bewegungsprofile, Stimmungsanalysen, Bewertung nach Kaufkraft, personalisierte Preise, Datenhandel und mehr. Dazu kommt die Gefahr, dass sich auch Kriminelle und Geheimdienste Zugang auf die Systeme verschaffen können", heißt es auf der Website des Vereins, der den Aufbau einer weitreichenden Überwachungsinfrastruktur befürchtet.

  • Florian Regensburger | Bild: BR Florian Regensburger

    Redaktion BR24 Netzwelt - berichtet für BR24 und den BR-Hörfunk über Netz- und Technikthemen


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