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Suche nach Unglücksursache Spekulationen über menschliches Versagen

Wie konnte es zu der fatalen Zugkollision bei Bad Aibling kommen? Berichten zufolge führte menschliches Versagen zu dem Unglück. Das sei "reine Spekulation", sagte ein Polizeisprecher dem BR.

Von: Anton Rauch

Stand: 09.02.2016

Zugunglück von Bad Aibling | Bild: picture-alliance/dpa

Das "Redaktionsnetzwerk Deutschland" meldete am Abend, dass der Fehler eines Fahrdienstleiters im Stellwerk in Bad Aibling zu dem Unglück geführt haben könnte. Aus Ermittlerkreisen verlautete demnach, dass der Bahnmitarbeiter das automatische Signalsystem ausnahmsweise außer Kraft gesetzt haben könnte, um einen verspäteten Zug "quasi von Hand durchzuwinken". Die entgegenkommende Zug habe ebenfalls grünes Licht bekommen, hieß es.

Ein Polizeisprecher sagte dazu dem BR: "Das sind reine Spekulationen, werfen Sie das weg, das weisen wir zurück". Die Ermittlungen stünden noch völlig am Anfang. Allerdings will auch die Deutsche Presse-Agentur "aus zuverlässiger Quelle" erfahren haben, dass nach ersten Ermittlungen "menschliches Versagen" zu der Katastrophe geführt habe.

Letzte Kontrolle ohne Probleme

Laut dem Konzernbevollmächtigten der Deutschen Bahn für Bayern, Klaus-Dieter Josel, hat es bei der letzten Kontrolle keine Probleme gegeben. Beide Unglückszüge vom Typ Meridian sind vom Schweizer Hersteller Stadler Rail produziert worden. Zur Ursache des schweren Unglücks könne man nichts sagen, erklärte die Firma. Man warte auf die Erkenntnisse der Ermittlungsbehörden vor Ort. Eine falsch gestellte Weiche kommt als Ursache nicht infrage, weil die Strecke eingleisig ist.

Die Technik auf der Strecke des Zugunglücks

Das Sicherheitssystem der "punktförmigen Zugbeeinflussung" (PZB)

Die Strecke zwischen Rosenheim und Holzkirchen ist über die sogenannte punktförmige Zugbeeinflussung (PZB) abgesichert. Bei diesem System empfängt ein Gerät im Zug Signale von Magneten im Gleisbett. Die Magneten sind mit einem ersten Vorsignal und dem 1.000 Meter weiter stehenden Hauptsignal verkabelt. Steht das Hauptsignal auf Rot, zeigt dies auch bereits das Vorsignal an. Der Lokführer muss mit einer Taste bestätigen, dass er dies bemerkt hat, sonst bremst ihn die Technik ab. Rollt der Zug über das rote Hauptsignal, wird ebenfalls eine Zwangsbremsung ausgelöst.

Lokführer kann Zwangsbremsung ausschalten

Ein Lokführer kann über die sogenannte "Befehlstaste" dennoch weiterfahren und die Zwangsbremsung ausschalten. Das bestätigte dem Bayerischen Rundfunk ein Experte. Allerdings nur, wenn er dazu per Funk die Erlaubnis des Fahradienstleiters im Stellwerk bekommt. In Simulatoren, zum Beispiel in München Aubing, wird das sichere Fahren trainiert. Ein Lokführer, der nicht genannt werden will, hat dem BR bestätigt , dass ein Lokführer auch ohne Erlaubnis in der Lage ist, den Zug weiterfahren zu lassen. Allerdings nur mit sehr geringer Geschwindigkeit.

Hoffnung auf die Blackbox

Noch nie seit Einführung des Systems habe es einen Unfall gegeben, das hat Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) auf der Pressekonferenz gesagt. Ein Verantwortlicher des Meridian-Betreibers spricht davon, dass auch die Leitstelle beiden Zügen versehentlich ein grünes Signal gegeben haben könnte.

Woran es wirklich lag, will die Staatsanwaltschaft nun klären. Erkenntnisse erhoffen sich die Ermittler insbesondere von der Auswertung der Blackbox. Experten gehen davon aus, dass die Signale tatsächlich auf Rot standen, bevor es zu dem Zusammenstoß kam. Warum und mit welcher Geschwindigkeit die Züge tatsächlich gefahren sind, müssen die Auswertungen der nächsten Tage ergeben. Es könnte auch sein, dass der Fahrdienstleiter das System ausgeschaltet hat, um einen Zug "manuel" durchzuleiten. Am Abend verdichten sich die Hinweise, dass ein menschlicher Fehler zu dem Unglück geführt hat.

Ähnlich wie Flugzeuge haben auch Eisenbahnzüge technische Aufzeichungsmöglichkeiten mit einem Fahrtenschreiber, einer Art "Blackbox" Diese informieren über technische Rahmenbedingungen der Fahrt. So soll rekonstruiert werden, ob die automatische Bremsung nicht funktionierte oder ob menschliches Versagen für das Unglück ursächlich war.

  • BR Autor und Reporter Anton Rauch, Porträtbild, Mitarbeiter der Redaktion Oberbayer, von Politik und Hintergrund und BR 24. Nahverkehr, Verkehrsexperte des BR | Bild: BR / Julia Müller Anton Rauch

    Reporter und Autor für den Hörfunk und Online, überwiegend für die Redaktionen Oberbayern, Bayern sowie Politik und Hintergrund und BR24


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