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Urteil im Völkermordprozess Karadzic zu 40 Jahren Haft verurteilt

Mehr als sechs Jahre stand Radovan Karadzic wegen Völkermordes vor Gericht in Den Haag. Nun wurde der Ex-Präsident der bosnischen Serben für das Massaker von Srebrenica und in neun weiteren von elf Anklagepunkten schuldig gesprochen. Der 70-Jährige wurde zu insgesamt 40 Jahren Haft verurteilt. Die Anklage hatte lebenslänglich gefordert. Es wird damit gerechnet, dass Karadzic in Berufung geht.

Von: Stephan Ozsváth

Stand: 24.03.2016

Pale, 20 Kilometer östlich von Sarajevo: Die Kleinstadt gehört bereits zur serbischen Teilrepublik Bosniens. Von Pale aus dirigierte Radovan Karadzic während des Bosnien-Krieges als Präsident und Oberbefehlshaber die bosnischen Serben. Der 70-jährige Psychiater gilt hier als Held. Ein Studentenwohnheim ist nach ihm benannt. Am Wochenende - wenige Tage vor dem Urteil in Den Haag - hat es Milorad Dodik eingeweiht, Ministerpräsident der bosnischen Serbenrepublik.

"Ich schätze Radovan Karadzic, der die Kraft und den Charakter hatte, dieses Volk zu führen. Ich respektiere ihn, weil er die Bequemlichkeit - seine und die seiner Familie - für die Idee der Republika Srpska geopfert hat ."

Milorad Dodik

13 Jahre lang hatte sich Karadzic versteckt, gedeckt von einem mächtigen Netzwerk. Als Alternativmediziner Dragan Dabic war er in Belgrad untergetaucht. 2008 wurde er endlich nach Den Haag ausgeliefert - gegen den Protest seiner Anhänger.

Architekt der "ethnischen Säuberungen"

800.000 Gerichtsakten, fast 600 Zeugen wurden gehört an den gut 500 Sitzungstagen - ein Prozess der Superlative. Karadzic gilt als Architekt der sogenannten "ethnischen Säuberungen". In einem Präsidentenerlass hatte er gefordert, den bosnischen Muslimen das Leben unerträglich zu machen.

Belagerung Sarajewos und Massaker von Srebrenica

Mit der fast vierjährigen Belagerung Sarajevos, bei der fast 11.000 Menschen starben, hat sich Karadzic nach Auffassung der UN-Richter eines Kriegsverbrechens schuldig gemacht. Zudem habe er Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Teilen Bosniens begangen.

Angeklagt war Karadzic auch wegen des Massakers von Srebrenica. Das Gericht in Den Haag befand ihn des Völkermordes mit 8.000 Totten für schuldig. In Srebrenica ermordeten serbische Kämpfer Mann, Sohn und zwei Brüder von Kada Hotic. Die Mitbegründerin des Vereins "Mütter von Srebrenica" hat mit dafür gesorgt, das Karadzic vor Gericht kommt. Kada Hotic wollte bei der Urteilsverkündung im Saal sein. Was bedeutet das für eine Mutter, die den Sohn verloren hat?

"Das bedeutet mir viel, denn das heißt, dass es Gerechtigkeit auf der Welt gibt und dass jedes Verbrechen bestraft wird, auch wenn es von Politikern verübt wird. Jedes Übel sollte entsprechend bestraft werden."

Kada Hotic

Hotic: Auch Blauhelm-Soldaten sollten auf Anklagebank sitzen

Kada Hotic erwartete, dass Karadzic zu lebenslänglicher Haft verurteilt wird. Eins bedauert sie: dass die Vereinten Nationen - die Blauhelm-Soldaten, die das Massaker von Srebrenica nicht verhindert haben - nicht mit auf der Anklagebank sitzen.

"Die Vereinten Nationen sind wie Karadzic und General Mladic. Denn sie konnten den Völkermord in Srebrenica verhindern, wollten das aber nicht."

Kada Hotic

Karadzic-Tochter: "Wir tragen keine Verantwortung"

Sonja Karadzic

Szenenwechsel - Parteibüro der Serbischen Demokratische Partei (SDS) in Pale: Die Ärztin Sonja Karadzic ist in die Fußstapfen ihres Vaters getreten. Seit kurzem ist sie Vizepräsidentin im Parlament der serbischen Teilrepublik Bosniens. "Wir tragen keine Verantwortung", sagt Sonja Karadzic. Hinter ihrem Büro ist das Konterfei ihres Vaters mit der markanten Haartolle als Graffito an eine Wand gesprüht. "Serbischer Held" steht darunter.

Stolpert der Angeklagte über Direktive Nummer 7?

Gibt es Belege, die Radovan Karadzic entscheidend belasten könnten? Ein Beleg ist etwa die Direktive Nummer 7 vom März 1995. Darin forderte Karadzic, damals Präsident der bosnischen Serben, den Bosniaken - also den Muslimen im Land - das Leben unerträglich zu machen. Der Osten Bosniens - auch Srebrenica - sollte den Serben gehören. Das war das erklärte Kriegsziel, sogenannte "ethnische Säuberungen" das Mittel. Gezielt sortierten General Mladics Leute in Srebrenica die Männer aus und brachten etwa 8.000 um.

Sonja Karadzic zweifelt allerdings die Opferzahlen an, nennt das Massaker von Srebrenica eine Inszenierung, streitet Völkermord ab. Die Vereinten Nationen definieren Völkermord so, dass etwa eine ethnische Gruppe getötet oder vorsätzlich ihr Schaden in Kauf genommen wird, indem unerträgliche Lebensbedingungen geschaffen werden. All das ist in Srebrenica geschehen. Durch Aushungern, Bombardieren, Massenmord. Karadzic wurde auch die fast vierjährige Belagerung von Sarajevo zur Last gelegt. Die Anklage in Den Haag wollte lebenslänglich. Es wird damit gerechnet, dass der 70-Jährige in Berufung geht.


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