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Kontrovers - Die Story Geheimnisvolle Orte – Pullach

Es ist einer der geheimnisumwittertsten Orte in Deutschland: das Gelände an der Heilmannstraße in Pullach bei München. Hier lebten und arbeiteten führende Nationalsozialisten, Agenten und "Maulwürfe". Bis heute hat dort der Bundesnachrichtendienst seinen Sitz. Für die Öffentlichkeit gilt "Betreten verboten!" Kontrovers konnte trotzdem hinter die Kulissen schauen ...

Von: Philipp Grüll und Matthias Sebening

Stand: 07.06.2017

Die Einfahrt zum Gelände des Bundesnachrichtendienst (BND) in Pullach bei München (Bayern), aufgenommen am 12.08.2013.  | Bild: picture-alliance/dpa/Stephan Jansen

Frühere "NS-Mustersiedlung"

Die Geschichte des sagenumwobenen Geländes beginnt Anfang der 30er Jahre. Ambitionierte Nationalsozialisten aus ganz Deutschland gehen nach München, um im Stab von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß zu arbeiten. Da in der "Hauptstadt der Bewegung" der Wohnraum schon damals knapp ist, lässt Stabsleiter Martin Bormann südlich von München eine "NS-Mustersiedlung" errichten, mit Häusern für kinderreiche Familien, einem repräsentativen Landhaus für Bormann selbst und Gärten zur Selbstversorgung. Die Bewohner und ihre Familien sind glühende Nationalsozialisten.

Mauer um das BND-Gelände in Pullach

In den Folgejahren wird der sogenannte Sonnenwinkel zu einem bedeutenden NS-Entscheidungsort. Generalfeldmarschall Erwin Rommel hat dort zeitweise sein Hauptquartier und Adolf Hitler ist immer wieder zu Gast - unter anderem zur Vorbereitung des Münchner Abkommens. Während des Krieges wird für Hitler auf dem Gelände ein Führerhauptquartier mit eigenem Bunker gebaut. In die Verbrechen seines Regimes sind Bewohner des idyllischen Sonnenwinkels verstrickt, wo das Leben auch während des Krieges lange Zeit unbeschwert weitergeht. Die Söhne und Töchter der Pullacher NS-Elite erleben den Sonnenwinkel in erster Linie als Kinderparadies mit großen Wiesen und Spielplätzen.

Eine neue Ära – Spionage

Nach Kriegsende richtet sich auf dem Gelände eine Zensureinheit der US-Armee ein, die Post und Telefone in Deutschland überwachen und Kriegsverbrecher aufspüren soll. Unter den Mitarbeitern sind deutschsprachige Emigranten und Holocaust-Überlebende, die zum Teil nun in den früheren Häusern von NS-Verbrechern wohnen.

Am Nikolaustag 1947 beginnt eine neue Ära in Pullach, als im Schutz der Dunkelheit amerikanische und deutsche Geheimdienstmitarbeiter das weitläufige Areal beziehen. Unter ihnen ist Reinhard Gehlen, der frühere Leiter der Spionageabteilung Fremde Heere Ost. Er und einige seiner Mitarbeiter haben sich den Amerikanern angedient und spionieren nun in deren Auftrag die Sowjetunion aus.

Rätsel um die neuen Bewohner

Auf dem Gelände leben sie mit ihren CIA-Verbindungsleuten, streng abgeschottet von der Außenwelt - mit eigener Schule, Kindergarten und Krankenstation. In der Gemeinde rätselte man damals, wer die neuen Bewohner sind. Lange vermutet man nicht die Organisation Gehlen hinter den hohen Mauern, sondern das Bundesamt für Verfassungsschutz.

Stacheldrahtzaun: "Betreten verboten" – das gilt in Pullach bis heute.

Erst nach Jahren wird öffentlich: Der frühere Sonnenwinkel ist der Sitz des BND, des Bundesnachrichtendienstes, der aus der Organisation Gehlen 1956 hervorgeht. In Hitlers ehemaligem "Bunker Hagen" üben nun die bundesdeutschen Agenten an der Waffe. Hier werden die Einsätze von Agenten geplant, Informationen von BND-Mitarbeitern gesammelt und für die Bundesregierung aufbereitet.

Pullach wird zum Synonym für Geheimnisse und auch für Skandale - vom enttarnten KGB-Agenten Heinz Felfe in den 60er Jahren bis hin zu den aktuellen Enthüllungen um die Zusammenarbeit des deutschen Auslandsnachrichtendienstes mit der amerikanischen NSA.

Das Rechenzentrum in Pullach.

Die Kontrovers Story lüftet den Schleier der Geheimnisse. Für die Autoren Philipp Grüll und Matthias Sebening hat der BND seine Tore geöffnet und mehrtätige Filmaufnahmen gestattet. Die beiden Journalisten haben Interviews mit Agenten von BND und CIA, mit ehemaligen Bewohnern des Geländes und früheren BND-Geheimdienstpräsidenten geführt. Entstanden ist eine Dokumentation über ein mysteriöses Objekt, an dem Drittes Reich und Kalter Krieg so eng miteinander verknüpft sind wie an kaum einem anderen Ort. 

BND – Umzug nach Berlin

Es ist ein Film geworden über eine Geheimdienstzentrale, die in Kürze geräumt wird, wenn der deutsche Auslandsnachrichtendienst seinen Sitz nach Berlin verlegt. Doch einen Teil seiner geheimnisvollen Aura wird Pullach behalten. Denn das 2013 fertiggestellte Rechenzentrum will der BND auch nach dem Umzug weiter betreiben. Damit bleiben rund 1.000 Mitarbeiter am Isarhochufer. Die Entscheidungen aber fallen künftig in Berlin. Und auch die Skandale des BND werden in Zukunft vor allem in der Hauptstadt verantwortet.


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