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Zu wenig zum Leben Prekäre Jobs: Wie Arbeit auf Abruf zermürbt

Viele Menschen leben in prekären Arbeitsverhältnissen. Was sie verdienen, reicht nicht zum Leben. Die häufige Folge: Sie müssen mehrere Jobs annehmen oder arbeiten auf Abruf.

Von: Antonia Böhm

Stand: 02.12.2017

Katharina muss nebenher Zeitungen austragen, um zusätzlich Geld zu verdienen. Das kann sie nur nachts machen, und das ist anstrengend und beeinträchtigt das Privatleben.

Sie muss das so machen, weil sie in der Bekleidungsbranche arbeitet, auf Abruf. Das heißt: Sie hat nur eine geringe Anzahl an Stunden fix, der Rest ist auf Abruf. Immer warten, immer das Handy bereit - denn man will ja mehr arbeiten, sonst reicht das Geld am Ende des Monats nicht.

Gesetze werden bei Arbeit auf Abruf nicht eingehalten

Laut Gesetz muss der Arbeitgeber vier Tage vorher Bescheid geben, wenn er seine Arbeitskräfte einsetzen will. Daran hält sich aber fast keiner. Nur ein Drittel der auf Abruf Beschäftigten weiß vier Tage vorher Bescheid, sagt eine Studie. Oft wird am Abend vorher oder am selben Tag angerufen. Im Einzelhandel hören wir immer wieder davon.

Laut ver.di spart der Arbeitgeber sich damit Geld, etwa 30 Prozent Personalkosten aufs Jahr gesehen. Die Arbeitnehmer machten das mit, weil sie ja darauf angewiesen seien, mehr zu arbeiten und Angst hätten, beim nächsten Mal übergangen zu werden.

280.000 Menschen in Bayern arbeiten auf Abruf

Viele Kolleginnen von Katharina haben ein ähnliches Schicksal: Manche bekommen nur acht Stunden, andere mehr. Sie müssen ständig warten, und am Ende reicht das Geld nicht. Sie können nichts auf die hohe Kante legen. Einen Zweit-Job anzunehmen geht auch nicht. Denn sie leben unter dem ständigen großen Druck, immer bereit sein zu müssen. Und nach Katharinas Erfahrung wird die Bitte um mehr Arbeitsstunden immer abgelehnt.

Nicht nur im Einzelhandel ist das ein häufiges Geschäftsmodell, sondern auch in der Gastronomie oder in der Verkehrsbranche. In Bayern sind über 280.000 Menschen auf Abruf beschäftigt. Die Gewerkschaft ver.di fordert: Arbeitsstunden müssen klar geregelt sein. Arbeitszeiten müssen verlässlich planbar sein.

Katharina und ihre Kollegin hoffen, dass sich ihre Situation irgendwann verbessert. Mit dem ständigen Warten und Hoffen auf den Anruf, dem Bangen gegen Monatsende - leben können sie so nicht gut.


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Mr. Ed, Samstag, 02.Dezember, 18:00 Uhr

12. Negativ - Schlagzeilen

Daran kann man erkennen um was sich die Herrschaften in Berlin wirklich kümmern. Der Platz hier würde für die Aufzählung der vernachlässigten Themen nicht ausreichen. Frohe Weihnachten.

Barbara, Samstag, 02.Dezember, 16:31 Uhr

11. Was nützt das ständige Gerede von "Vollbeschäftigung", wenn Millionen Menschen

in unsicheren Jobs arbeiten müssen, oft nur als "freiberuflich Tätige", die sich dann selber krankenversichern und selber in die Rente einzahlen müssen und obendrein genauso behandelt werden, als wären sie "Selbständige". In Wirklichkeit reicht es nicht zum Leben und die Rente beträgt am Ende allenfalls 500 €. Das Schlimme ist: die Politik tut nichts gegen die grassierende Armut, sondern redet nur von "Voll-Beschäftigung"!

Heinrich, Samstag, 02.Dezember, 12:57 Uhr

10. Arbeit auf Abruf, Zeitarbeit, befristete Arbeitsverträge

Die Agenda 2010 wird der SPD zugeschrieben. Und auch heute noch wird sie dafür angekreidet. Aber in den letzten 12 Jahren hat keine Regierung etwas daran geändert, sondern dies noch peu à peu ausgebaut.

Arbeitnehmer, die auf einen Abruf am gleichen Tag nicht reagieren, werden einfach nicht mehr angerufen, und gelten als unzuverlässig. Zeitarbeiter arbeiten oft Jahre am gleichen Arbeitsplatz, obwohl dies per Gesetz verboten ist. Arbeitsverträge werden für sechs Monate abgeschlossen, dreimal verlängert, und egal wie gut die Person ihren Job macht, danach beendet.

Und alles ohne Konsequenzen für den Arbeitgeber.

Wir brauchen einen Mindestlohn von 12,-- Euro aufwärts. Für geringfügig Beschäftigte müssen 50% an Sozialabgaben abgeführt werden, und nicht so wie bis jetzt, damit dies gegenüber Festangestellten unattraktiv wird. Wer ein befristetes Arbeitsverhältnis nicht verlängert, darf in Zukunft zwei Jahre lang keine Zeitarbeitsverträge mehr eingehen. Zeitarbeit wird verboten.

  • Antwort von winfried, Samstag, 02.Dezember, 13:16 Uhr

    @Heinrich ... Ihre Forderungen in allen Ehren. Ich denke jedoch, dass das was Sie und auch die SPD jetzt fordern, lediglich Kosmetik ist.
    Mein Wunsch, ja meine Forderung ist es, dass Verhältnisse im Sozialsystem wie vor der Agenda 2010 wieder erreicht werden. Ich weiß ... das ist Illusion.

  • Antwort von Heinrich, Sonntag, 03.Dezember, 13:36 Uhr

    @ Winfried: Als Kosmetik würde ich das nicht bezeichnen, sondern eher ein Ansatz das Ruder rumzureißen. Wie gesagt wird die Agenda 2010, die zur damaligen Zeit richtig, aber sehr radikal war, immer der SPD zugeschrieben. Aber ausgebaut wurde diese durch eine andere Partei. Heute haben wir die Situation, dass große Teile der Deutschen unzufrieden mit ihrem Leben und ihrem Land sind. Und diese Unzufriedenheit drücken sie ganz deutlich aus. Wir müssen dringend die Rädchen wieder so regeln, dass alle Menschen wieder von ihrer Arbeit leben können, um sich dann auch im Alter selbst versorgen zu können. Und das geht leider nicht mit denen, die genau das Gegenteil bewirkt haben. Es mag schon sein das Deutschland wirtschaftlich ganz gut in der Welt da steht. Aber es kommt unten nichts mehr an. Und wenn das Fundament nachgibt, nutzt einem das schönste Haus nichts. Die Politik der Angst alles zu verlieren greift nicht mehr, wenn jemand nichts mehr hat.

Seppl, Samstag, 02.Dezember, 11:27 Uhr

9. mangelnde Solidarität

Kennt nicht jeder jemanden, der in so einer besch.. Prekären Situation lebt?

Da gabs ja hier erst neulich welche, die haben sich über die Betroffenen auch noch lustig gemacht. Von wegen: die müssten sich halt mehr anstrengen. Solidarität ist auch nicht mehr in Mode.

Monaco, Samstag, 02.Dezember, 10:54 Uhr

8. Prekäres Leben

Kinderarmut, Altersarmut, Obdachlose, prekäre Arbeitsverhältnisse; hohe Jugendarbeitslosigkeit in den südl. Ländern; Balkanstaaten nie in Europa angekommen! ... und unsere National- und EU-Politiker erläutern uns ständig, wie gut es uns doch allen geht und wir sollten doch alle (EU) Sozialamt der restlichen Welt spielen. Was haben diese Politiker in den letzten Jahrzehnten geleistet? Im Grunde nichts - außer tolle Reden und sich reichlich mit Selbstversorgung beschäftigt.

  • Antwort von Manfred, Samstag, 02.Dezember, 11:40 Uhr

    Der Mehrzahl von uns geht es auch ziemlich gut. - Aber unter anderem auf Kosten derer, denen es halt beschissen geht. Ist eine Frage der Verteilung. Aber solange rechts-konservativ wirtschafts-liberale Regierungen das Sagen haben, wird sich daran nichts ändern.

  • Antwort von Barbara, Samstag, 02.Dezember, 16:39 Uhr

    Etwa ein Drittel der bundesdeutschen Bevölkerung ist absolut besitzlos und muß ums ständige Überleben kämpfen; das ist die Realität! Was nützt das Gerede von der "Voll-Beschäftigung", wenn die Leute davon nicht leben können und keine Rente zusammenbringen können.

  • Antwort von Leonia, Samstag, 02.Dezember, 18:29 Uhr

    Liebe Frau Barbara, auch wenn es immer zu viele Menschen sind, die zu wenig haben, so ist Ihre Zahl von einem "Drittel der bundesdeutschen Bevölkerung", die Ihren Angaben nach "absolut besitzlos" sei, maßlos übertrieben.