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In aller Munde Postfaktisch – was heißt das eigentlich?

In die Onlineausgabe des Duden hat es das Wort noch nicht geschafft, und doch ist dieser Shooting-Star der deutschen Sprache auf dem besten Weg dorthin. Seit Bundeskanzlerin Angela Merkel das Wort in vergangenen Herbst in einer Rede aufgegriffen hat, erfreut es sich besonderer Beliebtheit. „Postfaktisch“ wurde sogar von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Wort des Jahres 2016 gewählt . Auch die englische Entsprechung „post truth“ war bereits im November vom Oxford English Dictionary zum „Internationalen Wort des Jahres 2016“ gewählt worden. Doch was bedeutet postfaktisch überhaupt?

Von: Markus Kaiser/ Christina Fuchs

Stand: 04.01.2017

Was bedeutet „postfaktisch“?

Das Wort des Jahres richtet das Augenmerk auf einen tiefgreifenden politischen und sozialen Wandel und soll ausdrücken, dass es heute zunehmend um Emotionen und Gefühle anstelle von Fakten geht.

"Immer größere Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen 'die da oben' bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen zu akzeptieren. Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der 'gefühlten Wahrheit' führt zum Erfolg."

Jochen A. Bär, Professor für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Vechta

Wörtlich aus dem Lateinischen übersetzt bedeutet postfaktisch „nach-faktisch“ oder „nach, hinter den Fakten“. Bei der angegebenen Bedeutung des Wortes wären auch kontrafaktisch („den Fakten widersprechend, entgegengesetzt“) oder auch antifaktisch denkbar.
Doch es geht um die Vorstellung, die dahinter steckt. Ähnlich wie bei Postmoderne oder Poststrukturalismus soll mit postfaktisch eine neue Epoche bezeichnet werden, von der man nicht genau weiß, wann sie begonnen hat, und auch nicht, wann sie enden wird. Es ist jedoch sicher, dass dieses postfaktische Zeitalter neue Anforderungen an die Gesellschaft stellt. Wie geht man damit um? Theo.Logik beschäftigt sich am Montag, den 9.1.17 ab 21.05 Uhr mit dieser Frage.

Portrait von Christoph Neuberger | Bild: picture-alliance/dpa/ Robert B. Fishman

"Wahrheit ist zum Kampfbegriff geworden und zwar auf verschiedenen Seiten. Es geht auch gar nicht mehr darum, wirklich aufzuklären, wie ein Sachverhalt tatsächlich war, sondern es geht vor allem darum kurzfristig zu punkten und den anderen vorzuwerfen, dass sie nicht die Wahrheit sprechen würden."

Christoph Neuberger, Medienwissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Warum wurde „postfaktisch“ Wort des Jahres?

Auf der Suche nach dem „Internationalen Wort des Jahres 2016“ standen auf der Liste des Oxford English Dictionary neben „post-truth“ auch Wörter wie „Brexiteer“ und „chatbot“. Wörter, die im Gegensatz zu post-truth eine wahre Erfindung des Jahres 2016 sind. Im englischen Sprachgebrauch ist das Adjektiv vor allem in Verbindung mit dem Wort „politics“, also postfaktische Politik, kein neuer Begriff. Doch 2016 erfuhr er im Rahmen des EU-Referendums der Briten und der US-Amerikanischen Präsidentschaftswahl  einen unvergleichlichen Aufschwung.  Die Häufigkeit mit der das Wort in der englischsprachigen Öffentlichkeit benutzt wurde stieg ab Mai 2016 rasant und erreichte im Oktober und November einen Spitzenwert.

Gesellschaft für deutsche Sprache  | Bild: picture-alliance/dpa/ Susann Prautsch

Auch die Gesellschaft für deutsche Sprache stützt sich bei der Wahl zum Wort des Jahres vor allem auf die Verwendung eines Wortes in den Medien. Da hatte „postfaktisch“ vor allem in der zweiten Jahreshälfte von 2016 die Nase vorne. Seit September wurde das Wort bis zum Ende des Jahres viele hunderte Male in Zeitung, Funk und Fernsehen benutzt.

Postfaktisch – wahr oder falsch?

"Es gibt bisher wenige Belege dafür, dass das wirklich epidemisch überall eine große Rolle spielt. Ich glaube auch, dass die Medienlogik uns da ein Stück weit einen Streich spielt, nämlich jeder Fall, wo man den Nachweis hat, dass hier Falschinformationen verbreitet wurden, wird dann auch von den Journalisten selbst wieder groß gemacht, so dass der Eindruck entstehen muss, dass so was häufig vorkommt. Ich glaube, wenn man das mal für alle Informationen, die Tag für Tag weiter verbreitet werden überprüfen würde, dann wäre das ein minimaler Anteil der Falschinformationen, die man da finden würde."

  Christoph Neuberger, Medienwissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Der Medienforscher Christoph Neuberger  bezweifelt, dass es sich wirklich um ein postfaktisches Zeitalter handelt. Er hält das Wort des Jahres „postfaktisch“ deshalb für problematisch weil es womöglich das herbeiredet, was es meint.
Der Sprachwissenschaftler Martin Haase von der Universität Bamberg sieht noch ein weiteres Problem beim Wort „postfaktisch“. Der Begriff sei eine Verharmlosung der falschen Aussagen und Versprechungen der Populisten, so Haase auf dem Chaos Communication Congress in Hamburg. Ähnlich sieht es auch der Soziologe Harald Welzer:

"Ich würde eher sagen: Es gibt Leute - nehmen Sie Boris Johnson oder Donald Trump - , die lügen. Die existieren nicht in einer postfaktischen Welt, sondern sie lügen, gnadenlos und offensichtlich. Dieses Lügen muss man als Lügen bezeichnen. Da nützen neue Etiketten gar nichts, die verharmlosen das eher. Die Lüge bleibt eine Lüge."

Harald Welzer, Soziologe und Direktor der gemeinnützigen Stiftung 'Futurzwei'


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