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Täuschung als Mittel der Gestaltung Post-Truth Design - Zu schön, um wahr zu sein

"Postfaktisch" ist das Wort des Jahres 2016. Der Design-Dozent Matthias Ries hat daraus einen neuen Ausdruck gebildet: "Postfaktische Gestaltung", auf Englisch "Post-Truth Design". Sein Anliegen: Verbraucher und Gestalter für das Thema der Täuschung und Produktinszenierung zu sensibilisieren.

Von: Johanna Rupprecht

Stand: 27.07.2017

Barbies - designte und durchnittlich errechnete Formen

Eine Barbie-Puppe mit ganz anderen Proportionen, als es der Wirklichkeit entspricht. Ein Spielzeug-Bauernhof, der mit einem Hund, einer Katze und einer Kuh ein Idyll vorspiegelt, das wenig mit der Realität heutigen Bauernlebens zu tun hat. Eine Weltkarte, die die Länder der Erde in falschen Größenverhältnissen zeigt. "Gestaltung ist per se postfaktisch", sagt der Produktdesigner Matthias Ries, "weil sie schon immer mit der Vermittlung und Manipulation von Gefühlen und dem Verzerren von Wahrheiten arbeitet."

Links die "postfaktische" Barbie von Mattel, rechts das Modell von Nickolay Lamm. Der Künstler aus Pennsylvania hatte sich Behördendaten über 19 Jahre alte Amerikanerinnen besorgt und eine "wahre Barbie" nach den offiziellen Statistikdaten geschaffen.

"Schon seit Jahrhunderten werden Verbraucher verführt und getäuscht - bisweilen enttäuscht. Der Begriff „postfaktisch“ hilft uns, sich der Täuschungsproblematik bewusster zu werden und aufklärerisch zu wirken."

Mattias Ries

Mit Täuschung und der Vermittlung von Gefühlen arbeiten auch manche YouTuber, Influencer und andere Internet-Celebrities, die auf ihren Kanälen Schleichwerbung betreiben. Wenn etwa die Bloggerin Caro Daur mit 1,1 Millionen Abonnenten auf Instagram ihre „Dolce Gabbana sunnies" lobt und gleich das Einzelhandelsunternehmen nennt, das diese im Angebot hat, dann weckt das bei vielen Teenies Kauflust.

Matthias Ries

Tian Pan, Studentin aus China, zeigt in ihrer Semesterarbeit, wie leicht diese Art von Täuschung nachzumachen ist. Sie gründete einen Instagram-Account, nannte sich "Janette", veröffentlichte kunstvoll inszenierte Fotos und stellte diese jeweils mit wenig Worten in einen falschen Zusammenhang. Ausgewählte Hashtags sorgten dafür, dass eine möglichst große Zahl von Usern die Postings bemerkten und den Account abonnierten.

Janettes Account zeigt eine attraktive, geheimnisvolle, abenteuerlustige junge Frau, geboren in Frankreich, wohnhaft in Berlin, die irgendwas mit Kunst, irgendwas mit Umweltprojekten und irgendwas mit erlesener Bio-Kost zu tun hat. Die Zahl der Follower schnellte in 55 Tagen auf 3.000 in die Höhe ...

Als Gastprofessor an der renommierten Kunst- und Designhochschule Burg Giebichenstein in Halle an der Saale hatte Matthias Ries "Postfaktische Gestaltung" im vergangenen Semester zum Thema gemacht. Der Begriff sei zwar neu, erklärt er, doch das Phänomen sei alt. Seine Studenten arbeiten nun fleißig daran, die Täuschungsmechanismen im Design zu entlarven.

"Worum dreht sich die Gestaltung heute? Um Entwürfe, bei denen die Erzeugung von Gefühlen, von Authentizität und Tradition, von Geborgenheit etc. wichtiger ist als die reinen Fakten."

Matthias Ries


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Alf Robinson, Freitag, 28.Juli, 08:32 Uhr

2. Wie die Barbei so die ganze USA

Statt eine grazile Schönheit, ein plumpes, gedrungenes Geschöpf mit kurzen Beinen, großen Füßen und breitem A...llerwertesten. Die Kampfmaschine zum Marschieren.

Gabi, Donnerstag, 27.Juli, 08:23 Uhr

1. So ein Schmarrn!

Die Gestaltung von Spielzeug hat etwas mit Schönheitsidealen, Wunschvorstellungen und Idealwelten zu tun. In diesem Zusammenhang ist der Ausdruck "postfaktisch" absoluter Käse. Was kommt als nächstes? Wird man kritisieren, dass die Puppen, mit denen gespielt wird, in schicken Einfamilienhäusern wohnen, statt in Plattenbauten, dass Barbie einen pinken Porsche fährt und keinen verrosteten Fiat?