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Der Schmerz kam zu spät Polizist nach Dienstunfall im Stich gelassen

Es ist ein unfassbarer, stechender Schmerz, der wie aus dem Nichts auftaucht - wie ein Messer, dass jemand Franz Jürgens ins Gesicht rammt: Wohl eine Spätfolge des Dienstunfalls in München im Jahr 1988. Der Polizist hielt damals buchstäblich für andere den Kopf hin - doch mit den Folgen wurde er aus seiner Sicht vom Freistaat allein gelassen. Weil sie zu spät auftauchten.

Von: Lena Deutsch

Stand: 12.10.2017

Symbolbild: Gewalt gegen Polizeibeamte | Bild: dpa/David Ebener

München, März 1988: Franz Jürgens ist auf Verbrecherjagd - er sucht nach einem Räuber, der einem Taxifahrer eine Geldbörse aus den Händen gerissen haben soll. Als der Polizist den Flüchtigen sieht, sprintet er hinterher. Jürgens hechtet über ein Holzgatter und dann über einen Stacheldrahtzaun. Der Polizist will seinen Job gut machen - und wird letztlich dafür bezahlen. 

Mit voller Wucht ins Gesicht

Jürgens, der eigentlich anders heißt, aber anonym bleiben will, gelingt es, den Räuber zu stellen. Der droht: "Ich stech' dich ab!" Jürgens weicht zurück, doch der Angreifer schlägt ihn mit der Faust ins Gesicht: Einmal links, einmal rechts. Die Schläge haben eine enorme Wucht - Jürgens sieht Sternchen. Trotzdem kann er den Täter letztlich festnehmen. Das Ende des Einsatzes, doch für ihn ist es der Anfang einer schlimmen Zeit.

Unfassbare Schmerzen

Zurück in der Wache spricht ihn sein Chef an: "Wie schauen Sie denn aus?" Jürgens blickt in den Spiegel - und hätte sich beinahe nicht mehr erkannt. Seine Wangenknochen sind tief nach innen gebogen. Beim Arzt erfährt der Polizist, dass seine Jochbögen mehrmals gebrochen sind.  Jürgens wird sofort operiert. Nach sechs Wochen geht er wieder zur Arbeit. Doch immer wieder schießt dieser unfassbare Schmerz über sein Gesicht.

"Oft waren es so große Schmerzen, dass ich die Wangen zur Kühlung auf die Fliesen gepresst habe."

Franz Jürgens

Sein Chef hatte damals für seine Schmerzen überhaupt kein Verständnis.

"Meine Frau hat den wunderbaren Satz gehört, ich soll mich nicht so haben, weil ich nicht in Dorfen war. Dort waren ein paar Tage vorher drei Kollegen erschossen worden. Das war die Fürsorge, die ich von meinem Chef erfahren hab."

Franz Jürgens

Spätfolgen nach fast zwei Jahrzehnten

Jürgens beißt sich durch. Polizistenstolz. Er will kein Weichei sein. Endlich verschwinden die Schmerzen. Fast zwei Jahrzehnte lang ist Jürgens beschwerdefrei. Doch dann kommen die Schmerzen  wieder - erst schleichend, dann schlimmer denn je. Schon bei der OP sagt damals sein Arzt, er werde im Alter Probleme bekommen. Jürgens geht zu Ärzten: einmal, zweimal, dreimal - am Ende belegen vier medizinische Gutachten vom Max-Planck-Institut, dass er nicht nur an chronischen Kopfschmerzen leidet, sondern auch an Trigeminusneuralgie, einer seltenen Form von Nervenschmerzen. Jürgens vermutet es nur, doch die Ärzte bestätigen es ihm: Seine Krankheit sei ganz klar eine Folge des Dienstunfalls vom März 1988.

Gegen Ende seiner Dienstzeit gilt Jürgens zu 60 Prozent als schwerbehindert. Trotzdem arbeitet er bis zum Pensionseintritt weiter, wenngleich mit vielen Ausfällen.

Zehn-Jahres-Frist für Spätfolgen

Nach der Attacke spricht ihm ein Gericht Schmerzensgeld zu: 10.000 Mark. Doch letztlich sieht Jürgens keinen Pfenning, bei dem Räuber gibt es einfach nichts zu holen.

Jürgens will nun, wie er sagt, "wenigstens vom Freistaat Gerechtigkeit erfahren". Er fordert, dass der Freistaat die Trigeminusneuralgie als Spätfolge seines Dienstunfalls anerkennt. Weil ihm dann höhere Pensionsansprüche zustehen. Und, wie er sagt: aus Prinzip.

Doch der Freistaat weigert sich. Jürgens wird zum Verhängnis, dass er so lange beschwerdefrei war und die Schmerzen erst so spät aufgetaucht sind. Spätfolgen können nur bis zu zehn Jahre nach einem Dienstunfall geltend gemacht werden, so sieht es das Beamtengesetz vor, bestätigt das Bayerische Finanzministerium. Und das Beamtengesetz müsse schließlich eine einheitliche Lösung für 200.000 Beamte in Bayern finden.

"Die gesetzliche Zehn-Jahres-Frist beruht auf dem Gedanken, dass es nach diesem langen Zeitraum in der Regel nicht mehr möglich ist, den Kausalzusammenhang zwischen Unfallereignis und Körperschaden mit hinreichender Wahrscheinlichkeit festzustellen."

Pressestelle des Bayerischen Finanzministeriums

Forderung: Keine Frist für Spätfolgen

Jürgens zieht vors Verwaltungsgericht. Doch die Klage wird wegen der Zehn-Jahres-Frist abgewiesen. Jürgens wird nun zum Verhängnis, dass die Schmerzen zu spät aufgetaucht sind. Doch Schmerzen hielten sich nicht an Fristen, deshalb gehöre die Zehn-Jahres-Frist abgeschafft, so Jürgen Ascherl von der Deutschen Polizeigewerkschaft. Der Staat scheue die Kosten, sagt Ascherl. Dabei gebe es immer wieder Kollegen, bei denen die Spätfolgen erst nach der Frist aufträten.

"Wenn ein Polizist seinen Kopf für den Staat hinhält, dann ist der Staat auch verpflichtet, ihn anständig zu versorgen."

Jürgen Ascherl, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft München

Hinzu kommt, dass das Gericht keinen Zusammenhang zwischen der Trigeminusneuralgie und dem Dienstunfall sieht. Jürgens hat zwar die Gutachten der Ärzte, die einen Zusammenhang zwischen der Krankheit und dem Unfall attestieren. Doch das Gericht hält sich an einzelnen Sätzen aus den Gutachten fest; etwa, dass eine elektroneurografische Untersuchung keinen Hinweis auf eine relevante Schädigung des Nervus trigeminus gezeigt habe.

"Die Wahrscheinlichkeit, dass sich aus den Verletzungen, die der Kläger erlitten hat, oder aus den von ihm nach dem Dienstunfall geklagten Kopfschmerzen bzw. Gefühlsstörungen nach Jahren eine Trigeminusneuralgie entwickelt, ist bei natürlicher Betrachtung als äußerst gering anzusehen. (...) In dieser langen Zeit kann eine Trigeminusneuralgie auch durch andere Ereignisse ausgelöst worden sein."

Aus der Urteilsbegründung

Jürgen Ascherl kann das Urteil nicht verstehen. Ständig werde von den Politikern die Gewalt gegen Polizeibeamte angeprangert. Aber wenn Spätfolgen da seien, dann wolle niemand was davon wissen. "Es wird viel geredet, aber nicht gehandelt", so Ascherl.

Trotz der Niederlage will Jürgens nicht aufgeben. Er hat Berufung eingelegt und hofft, doch noch einen Präzedenzfall schaffen zu können. Er will weiter kämpfen. Gegen den Schmerz und gegen den Freistaat.


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