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Abbau von Vorurteilen Schwule Polizisten

Schwule, Lesben, Bi- oder Transsexuelle werden oft immer noch nicht selbstverständlich in unserer Gesellschaft akzeptiert. Vor allem in konservativen Biotopen wie der Schule, dem Fußball oder der Polizei. VelsPol - der Verband lesbischer und schwuler Polizeibediensteter - will Vorurteile abbauen.

Von: Doris Bimmer

Stand: 05.08.2017

Ein schwuler Polizist und Mitglied bei VelsPol, dem Verband lesbischer und schwuler Polizeibemater | Bild: pa/dpa/Arne Dedert

Das Interview mit Johannes Träumer soll nicht am Arbeitsplatz stattfinden. Der schwule Polizeibeamte arbeitet in der Einsatzzentrale des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West in Kempten. Die Führungsebene redet teilweise lieber über schwule und lesbische Polizisten als mit ihnen, sagt Träumer. Dennoch habe sich schon viel getan in den neun Jahren, die es den Verband mittlerweile in Bayern gibt.

Johannes Träumer und sein Mann Matthias haben VelsPol hierzulande maßgeblich vorangetrieben. Auch Matthias ist Polizist, auch er arbeitet im Präsidium in Kempten. Sie leben zusammen, sie arbeiten zusammen - Paare bei der Polizei sind keine Seltenheit. Und doch sie sind etwas Besonderes:

"Warum vermutet man keine Schwulen und Lesben bei der Polizei? Das ist Klischeedenken, das sich über Jahrzehnte hin geprägt hat. Wahr nimmt man die Extrovertierten, die Paradiesvögel fallen auf. Bei mir war's so, ich war schon 10 Jahre bei der Polizei, bis ich mich überhaupt geoutet habe. Und nur eine einzige Kollegin ist nicht aus allen Wolken gefallen."

Johannes Träumer, Polizist in Kempten

"Ja, natürlich gibt es uns! Wir sind Polizeibedienstete wie alle anderen. Wir wollen, dass sich niemand wegen seiner sexuellen Identität verstecken muss."

Webseite von VelsPol-Bayern

Mauer in den Köpfen

Allein die Tatsache, dass es den Verein gibt, belegt: Dieses Ziel ist noch nicht erreicht. Johannes Träumer vergleicht das Thema Homosexualität gern mit dem Beispiel der Prostitution. Früher war Prostitution in Deutschland grundsätzlich illegal. Mittlerweile ist sie legalisiert und es gibt ein Prostituiertengesetz. Trotzdem hat Prostitution immer noch einen Beigeschmack.

"Und so ist es bei uns auch. Der Paragraf 175 ist zwar gestrichen, aber in vielen Köpfen ist diese gedankliche Mauer immer noch da. Und das wollen wir einfach durchbrechen, dass wir sagen: Leute, wir sind ganz normal, wie ihr auch. Und ich frag Dich auch nicht, was Du abends mit Deiner Frau zuhause machst."

Johannes Träumer

Leben im Schrank

Es scheint irre schwer zu sein, einfach nur den Menschen wahrzunehmen - gleichgültig ob homo-, bi-, trans- oder heterosexuell. Aus Furcht vor einem unfreiwilligen Outing konstruierten nicht wenige Kollegen ein Fantasieleben mit Fantasiefreunden, so Träumer. Sie lebten "im Schrank". Auch seine ersten 10 Jahre bei der Polizei waren von Ausreden geprägt.

"Weil ich mir in der Arbeit überlegen musste, was hab ich wem schon erzählt, welche Begründung fällt mir ein, warum auf die nächste Weihnachtsfeier wieder niemand mitkommt. Das war wahnsinnig anstrengend, ich hab damit Energie gebunden zu überlegen: Was sage ich, wie verhalte ich mich? Das ging soweit, dass ich mich selber beobachtet habe, wenn ich mit den Kollegen beim Rauchen war, wie halte ich meine Zigarette, damit ja kein Verdacht aufkommt."

Johannes Träumer

Wie viel Energie ihn das gekostet hat, stellte er erst fest, als er das Vesteckspiel bei den Kollegen einstellte. Dennoch kann und will er nicht jedem empfehlen, sich unter allen Umständen zu outen.

Diskriminierende Sticheleien

Das ist auch in der Großstadt nicht wirklich anders. In München trifft sich regelmäßig der offene Stammtisch des VelsPol im Glockenbachviertel. Wolfgang Appenzeller ist der offizielle Beauftragte für Homosexuelle bei der Bundespolizei. Für die bayerische Polizei gibt es so eine Stelle bislang nicht. Offen übt keiner seiner Kollegen Kritik an seiner Lebensweise - die Ebene ist viel subtiler:

"Das äußert sich in so Kleinigkeiten wie Zimmerbelegung beim Einsatz. Also welcher Heterokollege geht denn freiwillig mit einem Schwulen aufs Zimmer? Der wird für die nächsten Jahre damit aufgezogen. Wenn man Streife fährt und man mal öfter mit dem schwulen Kollegen fährt, dann hab ich auch die Erfahrung gemacht, dass es immer wieder Kollegen gibt, die sticheln: 'Hey, ihr wart aber ganz schön oft miteinander auf Streife.' Ob's da was gibt oder sowas. Ob da was läuft."

Wolfgang Appenzeller, Polizist

Männerbild bei der Polizei

Dabei seien aber nicht die Schwulen und Lesben an sich das Problem, sagt Appenzeller. Der Kern ist viel tiefer verwurzelt ...

"Wenn man Polizei hört, da denkt man einen Kerl, an Autorität, an an Durchsetzungsfähigkeit. Und wenn man das Stereotyp schwul hernimmt, die Klischeetunte, Federboa schwingend, weich, das reibt sich. Die Polizei, das ist halt immer noch ein Kerlshaufen, auch wenn wir einen hohen Frauenanteil haben, aber Polizei ist grundsätzlich ein Testosteronladen. Und da haben viele ein Problem mit diesem Stereotyp."

Wolfgang Appenzeller, Polizist

Lesbische Polizistinnen hingegen haben wohl überhaupt keine Probleme in diese Richtung. Sie werden akzeptiert wie sie sind.

"Die Standardfrau, sag ich jetzt mal, konnte sich ja auch durchsetzen. Wenn die Frau jetzt eher in Richtung maskulin geht, übertrieben gesagt, da hat keiner Bedenken, weil sie strebt dem althergebrachten Bild ja noch entgegen, die wird sich leichter tun als die Standardfrau. So zumindest die Denke. Deswegen haben Frauen wesentlich weniger Probleme sich zu outen. Wird auch von den Kollegen ganz anders aufgenommen."

Johannes Träumer

Lieber anonym bleiben

Am VelsPol-Stammtisch in München sitzen einige, die gerne über den Verein und ihren beruflichen Alltag reden, aber ihren Namen oder ihr Foto wollen sie bei BR24 nicht sehen. Sie wollen lieber anonym bleiben. Sicher ist sicher.

"Ich halte es für wichtig, dass Toleranz oder besser: Akzeptanz gegenüber Kollegen mit anderer sexueller Orientierung bereits in der Ausbildung zum Thema gemacht wird. Velspol unterrichtet die Anwärterinnen und Anwärter der Landespolizei, Wolfgang Appenzeller unterrichtet die jungen Kollegen der Bundespolizei. Die Reaktionen sind sehr positiv. Das ist ein guter Weg, das Thema Vielfalt immer stärker innerhalb der Polizei zu verankern. Velspol hat schon so manches erreicht. Neben der Wirkung nach außen ist es wichtig, dass der Verein in möglichst jeder Dienststelle bekannt wird."

Anonymer Polizeibeamter

Tatsächlich hat es der Verein um Johannes Träumer vor einiger Zeit geschafft, in den Stundenplan der jungen Landespolizisten aufgenommen zu werden - zwei Stunden lang darf er die angehenden Polizisten offiziell über VelsPol aufklären. Es sind die kleinen Schritte, die ihm und seinen Mitstreitern Auftrieb und täglich neue Energie geben - für den Kampf um die Gleichbehandlung.

"Ich möchte am liebsten nie mehr einen Kollegen sehen, der meint, er ist der Einzige."

Johannes Träumer


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Ute, Sonntag, 06.August, 09:29 Uhr

7. Sexuelle Abhängigkeiten und öffentlicher Dienst

na ja ... Das ist bei einem normalen Familienpapa halt anders. Den hat Papa Staat in der Hand.

Politesse , Sonntag, 06.August, 09:27 Uhr

6. Solange die Leute ihre Sexualität

im Griff haben ...

Lotty, Sonntag, 06.August, 08:30 Uhr

5. Transsexualität

"gleichgültig ob homo-, bi-, trans- oder heterosexuell."
Wieso ist hier in diesem Artikel, wo es um sexuelle Orientierung geht, Transsexualität mit aufgezählt? Mittlerweile sollte doch klar sein dass Transsexualität nichts mit Sexualität zu tun hat. Transsexualität ist ein Körperproblem, Transsexuelle Menschen haben ein Wissen über ihr Geschlecht, bei gegengeschlechtlichen Körpermerkmalen.

Wir finden es nicht Zieführend, dass seitens der Medien ein falsches Bild in die Öffentlichkeit getragen wird. Unserer Meinung nach haben Medien den Zweck aufzuklären.

Stephania, Samstag, 05.August, 17:28 Uhr

4. Schwule Polizisten

können auch gute Polizisten sein. In keinem Beruf und in keinem Land sollte es eine Rolle spielen ob ein Mensch schwul oder lesbisch ist.

MaryS, Samstag, 05.August, 15:05 Uhr

3. Heute erscheinen frühere Sanktionen wegen Homosexualität oder Ehebruch absurd

Die veränderten Bedingungen und Einstellungen kommen allen zugute. Bei Adoptionen sollten nur die charakterliche Eignung und die Möglichkeiten, Kindern ein liebevolles und förderliches Zuhause bieten zu können, eine Rolle spielen. Alle guten Wünsche für die VelsPol-Initiative.