7

Tag der Pflege Aus Zeitmangel ruhig gestellt?

Die Britin Florence Nightingale gilt als eine der Begründerinnen der modernen Pflege. Ihr Geburtstag am 12. Mai wird in Deutschland seit 50 Jahren als "Tag der Pflege" begangen. Allerdings gibt es über hundert Jahre nach Florence Nightinggales Tod Missstände in der Pflege, die die Britin wohl kaum für möglich gehalten hätte. Viele Pflegebedürftige - vor allem solche, die an Demenz leiden – werden mit Psychopharmaka ruhig gestellt. Der Hauptgrund dafür: Personalmangel.

Von: Nikolaus Nützel

Stand: 12.05.2017

Symbolbild: Eine Hand empfängt Pillen aus einer Dose | Bild: picture-alliance/dpa

In der Pflegeeinrichtung "Wohlbedacht" im Münchner Stadtteil Allach üben zehn Männer und Frauen mit einer Betreuerin, ihre Arme beweglich zu halten. Zwei der Demenzkranken, die hier "Gäste" genannt werden, sind aber nicht dabei, denn sie sind heute ausgesprochen unruhig, erklärt Annette Arand von der Leitung der Einrichtung. Eine Pflegerin hat sich mit einer älteren Frau alleine hingesetzt und streichelt ihr die Hand.

"So lange, bis einfach dieses Bedürfnis befriedigt ist, und dass sie vielleicht wieder an der Gruppe teilnimmt. Und der andere Gast ist gerade mit unserem Fahrer unterwegs und fährt eine Runde Auto, weil ihn das unheimlich beruhigt."

Leiterin Annette Arand

Alltag sieht oft anders aus

Demenzkranken die Hand zu streicheln oder mit ihnen Auto zu fahren – mit diesem Ansatz ist die Pflege-Einrichtung "Wohlbedacht" eine Seltenheit. Der Alltag in vielen anderen Heimen sieht anders aus. Nach Daten des wissenschaftlichen Instituts der AOK bekommen deutschlandweit 40 Prozent der Demenzkranken Medikamente aus der Wirkstoffklasse der Neuroleptika, die oftmals schläfrig und dämmrig machen.

Nach Ansicht des Neurologen Gunter Carl von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns gibt es oft gute Gründe, solche Psychopharmaka zu verordnen.

"Viele Demenzkranke leiden auch unter Angst, oder unter Wahnvorstellungen, Halluzinationen und Unruhezuständen, die manchmal für die Betroffenen selbst, aber auch für das Pflegepersonal und Angehörige äußerst unangenehm sind. Und aus diesem Grunde braucht man gelegentlich, wenn andere, vorhergehende nicht- medikamentöse Maßnahmen versagt haben, dann doch im Einzelfall ein solches Medikament, was diese Symptome reduzieren kann."

Neurologe Gunter Carl

Weiteres Problem: Personalmangel

Manuela Deiniger, die Pflegedienstleiterin der Einrichtung "Wohlbedacht", macht allerdings immer wieder die gleiche Erfahrung: Viele Ärzte wollen schneller zum Rezeptblock greifen, als sie es, nach vielen Jahren, die sie mit Demenzkranken gearbeitet hat, für angemessen hält.

"Was es heißt, mit Demenzerkrankten wirklich so einen Tagesablauf zu strukturieren, ist Ärzten überhaupt nicht klar. Und die empfinden jegliches für den gesunden Menschen abnormales Verhalten auch wirklich als behandlungsbedürftig. Und deswegen ist ein Arzt immer geneigt, zu sagen: da setzen wir was an."

Pflegedienstleiterin Manuela Deiniger

Ein noch größeres Problem sieht die Pflegedienstleiterin aber woanders: Ein oftmals dramatischer Personalmangel in vielen Pflegeeinrichtungen führe dazu, dass vor allem Demenzkranke Psychopharmaka bekommen statt Zuwendung. "Und wenn niemand Zeit hat, sich mit ihm zu beschäftigen, dann werden sie nach wie vor mit Medikamenten dort ruhig gestellt."

Auch der Neurologe Gunter Carl räumt ein: In der Pflege kämen weniger Beruhigungsmittel zum Einsatz, wenn es mehr Personal gäbe. Das sei aber ein politisches Problem, sagt der Vorstandsbeauftragte der Kassenärztlichen Vereinigung. "Unsere Gesellschaft ist offenbar nicht bereit, in die Pflegeeinrichtungen ausreichend Geld zu investieren, und die Gesellschaft ist auch nicht bereit offenbar, Pflege von alten Menschen, insbesondere Demenzkranken, wertzuschätzen."

Pflege als "Schicksalsfrage der Nation"

Nicht nur ein Problem, sondern einen Skandal sieht der Münchner Pflege-Fachmann Claus Fussek im massenhaften Einsatz von Psychopharmaka bei Demenzkranken. Es käme niemand auf die Idee wegen Erziehermangel zum Beispiel Kinder ruhig zu stellen. "In Pflegeheimen haben wir uns offensichtlich daran gewöhnt."

Deswegen wünscht sich Fussek, dass nicht nur am 12. Mai, also am Tag der Pflege, darüber gesprochen wird, was Pflegebedürftige wirklich brauchen:

"Pflege muss zur Schicksalsfrage der Nation erklärt werden, man muss es immer wieder gebetsmühlenartig sagen: Es betrifft uns alle."

Pflegeexperte Claus Fussek


7

Keine Kommentare mehr möglich. Hinweise zum Kommentieren finden Sie in den Kommentar-Spielregeln.)

as, Freitag, 12.Mai, 13:56 Uhr

8. Soviel Überschuss in der Staatkasse

und für alternde Menschen bleibt da nichts übrig, was einen würdevollen Lebensabend ermöglicht.

Traurig, was unsere Regierung da abliefert.

Es graut mich vor dem "Altendasein".
Ruhiggestellt und reingeschnallt und wehedam der keine Angehörigen in seiner Nähe hat, die hier auch mal (hoffentlich!) einschreiten.

nelson, Freitag, 12.Mai, 13:24 Uhr

7. Pflegetag

Guten tag
Die Probleme liegen nicht nur in der Pflege . Auch die Träger sind verantwortlich. Sie haben nur Interesse an Dokumentation , nicht an der Betreuung der Bewohner .
dazu kommt auch noch die Bezahlung ,ein Stundenlohn von 14 Euro ist " Wahnsinn " . Auch die Dienstplangestaltung hat keine Regelung . Sie können 7 Nächte arbeiten und müssen am übernächsten tag zum Frühdienst kommen . so geht es immer weiter !!!

allesodernichts, Freitag, 12.Mai, 11:41 Uhr

6. Misstände ,Misstände und nochmals Misstände das ist die Realität!

Eine Reform und noch eine Reform der Reform!
Bringt alles nichts ,und ändert nicht die teils unwürdigen Zustände.

Warum?
Weil der Staat zwar mehr Geld gibt,die Pflegeheimbetreiber aber mächtig an der Gebührenschraube gedreht haben ,und somit die Pflegebedürftigen trotz mehr Geld und Anspruch auf zusätzliche Betreung nichts davon spüren.

Man muss schon fast sagen wir haben auch hier kriminelle Strukturen.

Dazu kommt noch ,das Angehörige von Heimleitungen derart unter Druck gesetzt werden,man ihnen mit negativen Schufa Einträgen droht,oder Anregung einer Betreuung für den Pflegebedürftigen,wenn man Kritik übt.

Das ist Deutschland 2017 .

Schäuble schwimmt im Geld,aber man spart bei der Pflege .
Eine Schande für dieses reiche Land.

Elke , Freitag, 12.Mai, 09:11 Uhr

5. Aus Zeitmangel ruhig gestellt?

Aus Mangel an Polizeipersonal könnte man so auch die Gefährder und aggressive Islamisten ruhigstellen. Bei Ausschaffungen könnte so eine einfache Methode auch helfen.

  • Antwort von R.S., Freitag, 12.Mai, 11:10 Uhr

    Themaverfehlung !

Leonia, Freitag, 12.Mai, 08:30 Uhr

4. Versorgung ist derzeit organisatorisches Schubladendenken

Wer auf Unterstützung durch andere angewiesen ist, bekommt sie nur, wenn er mit seinem Gesundheitsproblem in eine der organisatorisch vorgesehenen Schubladen passt. Und auch dann nur die Hilfe, die dafür sorgt, dass das Problem nicht mehr auffällt. Das hat leider damit zu tun, dass echte Caritas nicht mehr existiert, sondern in einem (sorry) kapitalistischen System organisatorisch nicht darstellbar ist. Die vielen Sonderfälle sind dabei irrelevant und nur, wer wirtschaftlich in der Lage ist, sich die fehlende Unterstützung selbst zu leisten, kann auf ein einigermaßen würdevolles Leben hoffen.
Auch wenn noch keine Demenz vorliegt, sondern nur einmal die Woche Hilfe für eine größere Körperpflege für vielleicht eine halbe Stunde benötigt wird, bekommt man dafür keinen Pflegedienst, selbst wenn man ihn selbst bezahlt (weil keine Pflegestufe vorliegt). So beginnen die Probleme, vor denen man als Angehöriger steht und danach steigern sie sich, bis alle mit ihren Möglichkeiten am Ende sind.