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Zurückgelassene Personaldokumente "Visitenkarten" der Terroristen

Ob bei den Anschlägen in Paris oder nun in Berlin: Jeweils wurden am Tatort Personaldokumente der Täter bzw. Verdächtigen gefunden. Zufall? Nein, sagt ein Experte dem ARD-Politikmagazin report München - das sei Teil einer psychologischen Kriegsführung der Terrornetzwerke.

Von: Stefan Meining

Stand: 21.12.2016

Ein Ausweis der Bundesrepublik Deutschland eines Asylbewerbers mit dem Vermerk «Aussetzung der Abschiebung (Duldung) - Kein Aufenthaltstitel! Der Inhaber ist ausreisepflichtig!», fotografiert am 09.10.2015 in Neuenhagen (Brandenburg).  | Bild: picture-alliance/dpa, Patrick Pleul

Am 7. Januar 2015 stürmen mit Kalaschnikows bewaffnete Männer die Pariser Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo". Sie ermorden zwölf Menschen, mehrere werden schwer verletzt. In einem Fluchtwagen finden die Sicherheitskräfte den Personalausweis eines der beiden Täter. Medien und Sicherheitsexperten vermuten zunächst einen schweren Fehler der Terroristen, da der Ausweis die Sicherheitskräfte schnell auf die richtige Spur bringt. Auch nach den Pariser Anschlägen im November 2015 entdecken die Fahnder unversehrte Ausweispapiere der Attentäter.

Und nun Berlin: Auch im Lastwagen, mit dem am Montagabend zwölf Menschen in den Tod gerissen worden waren, fand die Polizei ein amtliches deutsches Dokument eines Tunesiers. Zu allen drei Anschlägen hat sich der sogenannte "Islamische Staat" bekannt. Warum sollten Terroristen persönliche Dokumente sozusagen als "Visitenkarte" an ihren Tatorten zurücklassen? Diese Vorgehensweise kann laut Recherchen des ARD-Politmagazins report München sehr wohl als Teil einer wohlüberlegten, psychologischen Kriegsführung verstanden werden.

Schaffung eines "Heldenmythos"

Zum einen schaffen die Täter auf diese Weise in der islamistischen Szene für sich einen "Heldenmythos", zum anderen stellen sie die Behörden bloß und verstärken Tendenzen, Flüchtlinge oder Zuwanderer aus muslimischen Ländern unter Generalverdacht zu stellen. Für den Psychologieprofessor Jan Kizilhan von der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen macht es aus Sicht der Dschihadisten durchaus Sinn, sich zu der Tat zu bekennen bzw. Wert darauf zu legen, wer diese Tat verübt hat.

"Sie wollen damit ihrer Gemeinschaft eine Botschaft als Märtyrer hinterlassen."

Jan Kizilhan, Psychologieprofessor von der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen 

Der Tod eines Täters könne - so Kizilhan, der vor kurzem das Buch "Die Psychologie des IS" veröffentlichte - gegenüber dem ARD-Politmagazin report München auch bei der Familie, den Bekannten und Kameraden einen "tiefen Eindruck hinterlassen, sie vielleicht sogar dadurch an die Terrororganisation über den Bund des Blutes verbinden". Aus der Sicht des Täters wäre es eine Art Mahnung des "Märtyrers", wonach "die nachfolgenden Generationen motiviert am gleichen Kampf teilnehmen" sollten, so Kizilhan.

"Die Terrororganisation legt großen Wert darauf, dass die Kämpfer in der globalen Welt der Medien sich durch Videoausschnitte, Selbstberichte und Enthauptungen präsentieren. Diese Präsentationen werden nach dem Tod der Täter wie ein 'Juwel' behandelt und in den Medien publiziert. Sie dienen der Mobilisierung neuer Kräfte, vor allem aus der Jugend. Es geht darum, die Jugend und insgesamt die bestimmte Bevölkerungsschichten für den Krieg und Kampf zu begeistern, zur Bestätigung und Rechtfertigung der Handlungen der IS."

Jan Kizilhan, Psychologieprofessor von der Dualen Hochschule Villingen-Schwenningen 


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