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Der Fall Peggy Gibt es Verbindungen zu NSU-Rechtsterroristen?

Der Fall Peggy ist ein ungelöstes Puzzle - das immer mehr Fragen aufwirft: War der NSU-Mann Uwe Böhnhardt auch an ihrem Mord beteiligt? Zwischen den beiden undurchsichtigen Fällen tauchen unerwartete Verbindungen auf. Ein Puzzle an Indizien, die sich nur schwer zusammenfügen. Die deutlichste Spur: der Fund von Böhnhardts DNA.

Von: Ronja Dittrich, Adrian Roser und Christina Schmitt

Stand: 19.10.2016

Vergangener Donnerstag: Uwe Böhnhardts DNA wird an einem Stück Stoff festgestellt - in unmittelbarer Nähe des Fundorts von Peggys Leiche.

"Mein erster Gedanke war: Das kann nicht wahr sein. Das kann nicht stimmen."

Tim Assmann, NSU-Prozessberichterstatter der ARD

"... Dass es irgendwie ein Fehler gewesen sein muss, eine Verunreinigung im Rechtsmedizinischen Institut."

Christian Stücken, Kontrovers-Reporter

"Aber dann trat wieder das ein, was einen die Erfahrung aus dem NSU Prozess gelehrt hat: Dass es einfach immer wieder Überraschungen gegeben hat und dass in diesem Komplex scheinbar tatsächlich nichts unmöglich ist."

Tim Assmann, NSU-Prozessberichterstatter der ARD

Wie kommt die DNA an den Fundort?

Wie verlässlich ist das DNA-Ergebnis? Könnte es eine Verunreinigung gewesen sein? Die Leichen von Peggy und Böhnhardt wurden beide hier in Jena untersucht, aber im Abstand von fünf Jahren. Und die DNA-Probe vom Stoff wurde weit entfernt analysiert - in München. Das BKA schließt eine Verunreinigung aus. Offen bleibt: Wie kommt die DNA an den Fundort?

Islamfeindlicher Angriff auf Peggys Familie

Wenige Tage nach Peggys Verschwinden erhält ihre Mutter einen fremdenfeindlichen Brief mit beleidigendem Inhalt.

Eine weiteres Indiz ist bereits 15 Jahre alt: ein Brief, der erst jetzt in den Fokus der Ermittlungen gerät. Wenige Tage nach Peggys Verschwinden bekommt ihre Mutter einen fremdenfeindlichen Brief. Laut Polizeiakten, die Kontrovers vorliegen, bricht sie danach zusammen: "Der Brief ist beleidigenden Inhalts. In schlimmster Weise geschrieben. Offensichtlich von einem äußerst rechts orientierten Menschen." Handelt es sich dabei um ein mögliches Bekennerschreiben des NSU? Doch warum gerät die Familie in den Fokus von Rechtsextremen? Sachsen-Anhalt, vor zwei Tagen: Die Anwältin von Peggys Mutter mit einem Versuch der Einordnung:

"Es ist so: Ihr damaliger Lebensgefährte war türkischstämmig und sie hat sich dem Islam zugewandt."

Ramona Hoyer, Rechtsanwältin

Der Brief: ein islamfeindlicher Angriff auf Peggys Familie. In den Ermittlungen hatte er bisher keine Rolle gespielt. Für Katharina König vom NSU-Untersuchungsausschuss in Thüringen ein weiteres Versäumnis der Behörden.

"Der Brief an die Mutter ist meines Erachtens ein entscheidender Hinweis gewesen und hätte es vor allem auch damals schon sein können."

Katharina König, Die Linke, Abgeordnete im Thüringer Landtag

Kein Hinweis auf NSU-Mitglieder in den Akten

Kontrovers-Reporter Christian Stücken recherchiert seit fünf Jahren an dem Fall Peggy. Er hat den Tag ihres Verschwindens minutiös rekonstruiert:

"Also wenn es jemand aus dem engeren Kreis des NSU gewesen wäre, davon bin ich überzeugt, dass man dann irgendwie zumindest eine ähnliche Personenbeschreibung in den Zeugenaussagen, in den Akten gehabt hätte, die die Polizei zusammengestellt hat. Aber sowas findet man gar nicht."

Christian Stücken, Kontrovers-Reporter

Hat Uwe Böhnhardt etwas mit Kindesmissbrauch zu tun?

Doch ein weiteres Indiz: der Laptop von Beate Zschäpe. Gefunden in der ausgebrannten Wohnung des NSU. Darauf Nacktfotos von Kindern. Ein Hinweis auf Missbrauch von Kindern? Das weitere Umfeld von Uwe Böhnhardt ist noch ein Puzzleteil: Immer wieder kam es dort nachweisbar zu Fällen von Kindesmissbrauch.

"Es ist kein Novum, dass es innerhalb der Neonazi-Szene, ja sowohl Pädophilie gibt, als auch direkte Finanzaktivitäten, um sozusagen über Kinderpornographie oder auch Frauen-, Menschenhandel Geld zu verdienen."

Katharina König, Die Linke, Abgeordnete im Thüringer Landtag

Ermordeter Junge 1993 im Umfeld von Bönhardt

Uwe Bönhardts Name taucht schon 1993 in Zusammenhang mit einem Kindsmord auf.

So wie im rechtsextremen Thüringer Heimatschutz. Hier war das NSU-Trio bis zu seinem Untertauchen organisiert. Der dortige Chef, Tino Brandt, sitzt derzeit in Haft: wegen Kindesmissbrauchs - in 66 Fällen. Böhnhardts Name taucht sogar schon 1993 in Zusammenhang mit einem Kindsmord auf. Damals wird die Leiche des neunjährigen Bernd am Saale-Ufer in Jena gefunden. Neben ihm: ein Bootsmotor, zugelassen auf Enrico T.- damals ein Freund Uwe Böhnhardts.

"Enrico T. ist damals aufgetaucht im Mordfall Bernd in Jena – und tauchte dann wieder auf im Kontext NSU: Er ist einer der mutmaßlichen Waffenbeschaffer."

Tim Assmann, NSU-Prozessberichterstatter der ARD

Damals ist er der Hauptverdächtige. Auch Böhnhardt selbst wird vernommen. Das Brisante: Der Fundort der Leiche in Jena ist nur etwa einen Kilometer entfernt von seinem damaligem Wohnort - und direkt neben einer Garage, in der er sich öfter aufgehalten haben soll. Doch die Beweise reichten damals nicht – das Verfahren wurde eingestellt.

Ermittlungen werden wieder aufgenommen

Jetzt werden die Ermittlungen wieder aufgenommen – auch in zwei weiteren ungeklärten Kindstötungen im Raum Jena. Grund: Der DNA-Fund bei Peggy. Auch in ihrem Fall wird weiter ermittelt. Es gibt Hinweise aus dem Umfeld von NSU-Opfern. Es heißt, es habe einen Neonazi-Treff gegeben in der Nähe des Fundorts von Peggys Leiche. Ein weiteres Puzzleteil?

"Wenn es sich bestätigt, dass Enrico T. in der Nähe des Fundortes der Leiche von Peggy eine Hütte hatte, dann ist natürlich sofort die Verbindung zu dem Mord an dem kleinen Jungen in Jena von '93 offensichtlich."

Katharina König, Die Linke, Abgeordnete im Thüringer Landtag

Zweifel bleiben. Es ist weiterhin offen, ob die Puzzleteile am Ende ein schlüssiges Bild ergeben.


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Herby, Freitag, 21.Oktober, 15:24 Uhr

8. Peggys Umfeld

bestand vor allem aus zugezogenen Neubürgern Lichtenbergs, welche Wurzeln und Verbindungen zu den neuen Bundesländer hatten.
Bekannt ist, dass von denen einer wegen Kindesmissbrauchs einsitzt. Es kann also auch Verbindungen zu Kinderpornoringen, die mit der rechten Szene zusammenhängen, geben oder gegeben haben. Böhnhardt ist aller Wahrscheinlichkeit nicht der Mörder, aber als eiskalter Gewaltverbrecher könnte er der Leichenentsorger gewesen sein, den ein "Bekannter" der sich selbst nicht mehr zu helfen wusste, um einen Gefallen gebeten hatte.
Da Fundort, DNA-Spuren, Gedenkstätte und die sogenannte Waldhütte, alle im einstelligen Kilometerbereich beieinander liegen, sollte es zudenken geben,
ob Peggy nicht bereits seit längerer Zeit in einem Kinderpornoring eingebunden war? Da sie schon einige Zeit vor ihrem Verschwinden auffällige Wesensveränderungen zeigte.

  • Antwort von Angelika Oetken , Freitag, 21.Oktober, 18:41 Uhr


    @Herby,

    die "zugezogenen Neubürger": wissen Sie, woher die genau kamen? Das wäre sehr interessant, weil Kinderhändlerbanden selbstverständlich zwar unter relativ genauer Beobachtung stehen, aber selten gefasst werden. Das hat viele Gründe und wäre ein extra Thema wert. Nur so viel: es ist gut möglich, dass da eine kriminelle Gruppierung einen neuen Standort gesucht hat. Und die Wahl auf Lichtenberg fiel, weil es schon Verbindungen gab. Vor neofaschistischen Terroristen wird schon sehr lange gewarnt. Bekannt ist auch, wie stark die Verflechtungen mit organisierter Pädokriminalität sind. Da wir aber in unserer Gesellschaft erst seit wenigen Jahren offener über den ganz alltäglichen Kindesmissbrauch sprechen, beginnen die verschiedenen Professionen, die sich mit der Bekämpfung dieser Art von Schwerstkriminalität beschäftigen, erst jetzt sich untereinander auszutauschen. Das Gebot des "Nichtmerkens" und Verschweigens war bis zum Missbrauchstsunami zu groß.

    VG Angelika Oetken

  • Antwort von Herby, Sonntag, 23.Oktober, 11:28 Uhr

    Frau Oetken,
    ich glaub eher der oder die Mörder haben sich im Grenzgebiet Thüringen/Bayern (Nordhalben-Rodacherbrunn) gut ausgekannt und dort öfters aufgehalten.
    Die Knoblochs haben eine Zeit lang in Nordhalben gewohnt, bevor sie nach Lichtenberg zogen. Es könnte der Versuch gewesen sein, Abstand von der Szene zu halten, was aber scheinbar nicht funktionierte. Lichtenberg und der Fundort liegen nicht so nah beisammen wie in der Presse berichtet wird, es gibt auch keine schnelle Straßenverbindung. Man muss den halben Frankenwald durchqueren oder über durch thürinisches Gebiet fahren um von L nach R zu kommen.

  • Antwort von Angelika Oetken , Sonntag, 23.Oktober, 16:12 Uhr


    Danke @Herby!

    zu einem von der taz online gestellten Artikel kommentierte der Forist "Anamolie" Folgendes:

    "Mich treibt ein vll etwas kruder Gedanke um. Peggy´s Nachname war Knobloch. Ein in der rechten Szene reizbefrachteter Name in Bezug auf die Jüdin Charlotte Knobloch und ihren Bankersohn. Der Mutter von Peggy wurde 11 Tage nach dem Verschwinden der Tochter ein Nazi-Hassbrief, abgefangen durch die Polizei zugesandt, der die Partnerschaft der Mutter mit einem muslimischen Türken, wie auch ihre Konvertierung zum Islam thematisierte. Könnten das nicht Trigger respektive Motive für einen fanatischen, pädophilen Nazi Böhnhardt gewesen sein, die Ermittler schon 2001 auf eine mutmaßlich richtige Spur hätten führen können ?
    So blind kann man doch nicht sein."
    (taz, "Der Falsch Verdächtiger", 17.10.2016)

    VG
    Angelika Oetken

  • Antwort von Herby, Montag, 24.Oktober, 10:43 Uhr

    Hallo Frau Oetken,
    ob Böhnhardt wirklich pädophil war, wird man nicht mehr so leicht feststellen können, ich habe da mehr seinen Nazikumpel Enrico T. in Verdacht, der zwielichtige Typ soll angeblich in der Nähe von Rodacherbrunn eine Hütte oder Wochenendhäuschen besitzen. das als Nazi-Unterschlupf diente. Ob der Hassbrief wirklich mit dem Verschwinden des Mädchens zusammenhängt, ober nur eine Folgeerscheinung war, der Fall hatte bundesweit für Aufsehen gesorgt, möchte ich nicht beurteilen .

    VG Herby

Markus, Donnerstag, 20.Oktober, 12:01 Uhr

7.

Alle Theorien bezüglich Böhnhardt als Täter scheitern vorrangig daran, dass Peggy bereits ab Sommer des Vorjahres des Verschwindens Zeichen eines sexuellen Missbrauchs gezeigt hat und weitere Zeichen einer von ihr empfundenen Bedrohungslage ab eine Woche vor Verschwinden.
Dass Bönhardt aber ein Jahr lang Peggy missbraucht hat, aber niemals in Lichtenberg gesehen wurde, ist unmöglich. Der Täter muss daher jemand sein, der ohne Verdacht zu erregen sich in Lichtenberg bewegen konnte, also jemand aus Lichtenberg oder jemand, der Lichtenberg regelmäßig besucht hat. Solange keine Verbindung zwischen einer solchen Person und Bönhardt hergestellt werden kann, gehe ich davon aus, dass die Spur auch nichts mit dem Mord an Peggy zu tun hat.
In der Umgebung des Fundortes lag gemäß der damals veröffentlichten Fotos massenhaft Müll, es dürften sich daher dort Spuren von hunderten bis tausenden Menschen finden.

  • Antwort von Angelika Oetken , Donnerstag, 20.Oktober, 14:05 Uhr


    Wichtiger Hinweis @Markus!

    Das Eine muss das Andere nicht ausschließen. Grundsätzlich sind alle Konstellationen denkbar, die wir aus ähnlichen Fällen auch kennen. Sie schreiben: "dass Peggy bereits ab Sommer des Vorjahres des Verschwindens Zeichen eines sexuellen Missbrauchs gezeigt hat und weitere Zeichen einer von ihr empfundenen Bedrohungslage ab einer Woche vor Verschwinden"

    Können Sie beschreiben, welche Zeichen das waren und wie Peggys Umfeld darauf reagiert hat?

    Danke!

    VG
    Angelika Oetken

  • Antwort von Herby, Freitag, 21.Oktober, 15:34 Uhr

    Der "massenhafte Müll", Reste von blauen Müllbeuteln stammt höchstwahrscheinlich von der Spurensicherungsmannschaft die die Beutel noch nicht aufgeräumt hatten! Das Waldgebiet ist nämlich Naturschutzgebiet (grünes Band) und keinesfalls eine Müllhalte!

Sebastian, Donnerstag, 20.Oktober, 09:25 Uhr

6. Abwarten...

Ich glaube den Ermittlern kein Wort.

BKA-Chef Ziercke hatte gelogen was den angeblichen Selbstmord der Uwes in dem Wohnmobil angeht.

Er hat also nachweislich gelogen und damit die wahren Täter geschützt.

Und was Frau König von sich gibt ist absurd. Pädophile sind doch eher in den linken Parteien zu finden.. Cohn Bendit, Volker Beck, Edathy usw.

Ganz billiger Versuch den eigenen Schmutz auf andere abzukippen.

Edathy und Ziercke müssen festgenommen werden. Die haben damit zu tun. Das ist offensichtlich.

Wo ist Edathy?

Truderinger, Donnerstag, 20.Oktober, 08:47 Uhr

5.

Und da gibt es tatsächlich noch Menschen, die ernsthaft behaupten, vom Islam gehe mehr Gefahr aus als von rechtem Terror! Hoffentlich sehen diese Menschen an diesem erschütternden Fall, dass ideologische Perversion oftmals mit sexueller korreliert.

  • Antwort von Angelika Oetken , Donnerstag, 20.Oktober, 14:10 Uhr


    Radikalität und Übergriffigkeit, die in Terror mündet, ist immer gefährlich, insbesondere wenn sie politisch und/oder religiös unterfüttert und so gerechtfertigt wird. Wie aus Kindern mit Potential gefährliche junge Menschen werden können, schildert der Hamburger Kinder- und Jugendpsychiater Andreas Krüger in einem Artikel, der im Spiegel unter "Biografien der Vorhölle" veröffentlicht wurde.

    VG
    Angelika Oetken

Gretchen, Donnerstag, 20.Oktober, 06:07 Uhr

4. Gemeinsamkeiten

Eine Parallele gibt es jedenfalls:

Die NSU-Morde wurden lange als Dönermorde verfolgt. Währenddessen ging die Mordserie weiter.

Beim Fall Peggy wurde der Falsche verurteilt. Das hat dem wahren Täter fast 13 Jahre Zeit verschafft. Die Spuren könnten verwischt werden.

In beiden Fällen haben Polizei und Staatsanwalt unglaubliche Fehler gemacht und dadurch eine Aufklärung sehr erschwert.