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An Europas Grenze Gefälschte Pässe für die Flucht

Hunderttausende Flüchtlinge suchen in Deutschland und Europa Zuflucht oder Arbeit. Doch hat ein beträchtlicher Teil von ihnen den Zielort nur mit falschen Papieren oder vorgetäuschter Identität erreicht. Auf europäischem Boden ist Griechenland zu einem wichtigen Standort von Passfälschern geworden. Report München hat in der düsteren Welt der Passfälscherindustrie recherchiert.

Von: Bernd Niebrügge

Stand: 19.01.2016

Flüchtlinge auf dem Victoria Square | Bild: picture-alliance/dpa

Der Victoria Square genießt den zweifelhaften Ruhm, Athens zentraler Platz der organisierten Kriminalität zu sein. Wir suchen Kontakt zu Passfälschern aus Pakistan. Sie sollen einen Großteil des Geschäfts kontrollieren. Ein überraschender Tipp aus Justizkreisen führt zum Ziel. Die beiden Mitglieder der Fälscherbande agieren vor uns völlig ohne Scheu. Wir können sie  begleiten, als sie einen  gefälschten Pass für einen Flüchtling aus dem Iran abholen.

Die Fälscher

Gefälschter syrischer Pass | Bild: BR

Ihr weltweiter Austausch von Fotos und  Passdaten erfolgt ganz offen über das App viber oder auch WhatsApp.  Dann bringen uns die Fälscher zu einem ihrer Zwischenlager. Es ist ein kleines Zweizimmer-Appartement. Die Geschäfte laufen gut, meinen sie.  Bis zu 250 Pässe pro Woche, da kämen hunderttausende Euro zusammen.

Gefälschte ID-Chips aus China

In der Fälscherwerkstatt sehen wir Pässe aus Frankreich,  Albanien, Portugal, Griechenland, Kanada und den USA - bereit zur Fälschung oder bereits frisiert. Selbst elektronische ID-Chips würden in China gefälscht und nach Athen geliefert. Doch kommen die Kunden damit überhaupt nach Europa durch?

"Klar  - außerdem gibt es in diesem Grenzgebiet, wo die Leute zu Fuß rübergehen, keine Scanner zur elektronischen Überprüfung. Niemand kontrolliert dort die Pässe so wie am Flughafen. Und bei einfacher Sichtkontrolle kommen alle rüber."

Fälscher

Der Kampf der griechischen Polizei

Aber was unternimmt der griechische Staat gegen das Passfälschergeschäft? Wir begleiten verdeckte Ermittler der Polizei. Sie verhaften eine Gruppe von Iranern. Nur einer hat einen Pass dabei – mutmaßlich gefälscht. Die Polizei glaubt, sie warten alle auf gefälschte Papiere. Am nächsten Morgen zeigt man uns hunderte gefälschte Dokumente und Blankovorlagen - das Ergebnis eines erfolgreichen Schlages gegen einen internationalen Passfälscherring im letzten Herbst. Doch wo landen die gefälschten Dokumente, die einen Besitzer gefunden haben ?"In jedem Land der EU, nicht nur in Deutschland", erklärt der Forensikexperte der griechischen Polizei.

Der Anwalt

Staatsgefängnis "Koridallos"

Im Staatsgefängnis "Koridallos" treffen wir Zacharias Kesses. Er ist Anwalt, verteidigt zwei der Angeklagten aus dem gesprengten Passfälscherring. Wir würden den Anwalt gerne begleiten, einen Mandanten sprechen, aber das geht nicht. Später findet sich dann aber eine ganz andere überraschende Lösung. Vom Büro des Anwalts aus können wir mit einem seiner Mandanten direkt aus seiner Zelle sprechen. Die USA, so der Anwalt, wollen seine Auslieferung, vermuten IS Kontakte - der Inhaftierte widerspricht.

Fälschergeschäft im Gefängnis

Wir wissen, ob es Inhaftierten möglich ist, vom Gefängnis aus das Fälscher-Geschäft weiter zu  führen?

"Natürlich. Jeder kann auch vom Gefängnis aus arbeiten. Ungefähr 90 Prozent der Arbeit erledigt man ja am Telefon. Also kann jeder, der ein Telefon hat und die richtigen Leute kennt, auch im Gefängnis seine Arbeit weitermachen."

Inhaftierter

Der Minister

Wir konfrontieren den zuständigen Minister Nikolaos Toskas mit dieser Art der Haftarbeit. Doch der verweist auf die vielen Passfälscher schon in den Herkunftsländern der Flüchtlinge und findet die griechische Situation weniger problematisch.

"Selbst wenn wir davon ausgehen, dass das alles zutrifft, sprechen wir hier über eine kleine Zahl von Pässen und Dokumenten, die irgendwelche Leute, die als Strafgefangene einsitzen, anfertigen lassen können."

Nikolaos Toskas, stellvertretender Innenminister

Die Flüchtlinge

Die Flüchtlinge und Immigranten, die wir am zentralen Omonia Square von Athen treffen, profitieren von der zurückhaltenden Strafverfolgung des Staates. Die jungen Männern aus Bangladesch, Pakistan, Iran und Nordafrika warten hier auf gefälschte Pässe. Für sie ist ein Flüchtlingsstatus oder Asyl in Europa schwer zu erreichen. Deshalb haben sie vorgesorgt. Einen Originalpass, aus dem Heimatland kann uns nur einer zeigen. Die meisten haben ihre Pässe auf dem Weg nach Griechenland zerrissen und ins Meer geworfen.


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