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Online-Shopping Ausbeutung bei Paketzustellern?

Im Internet bestellen ist bequem und günstig. Für diesen Komfort werden aber immer noch viele Mitarbeiter von Paketzustelldiensten schamlos ausgenutzt: Mit Tricks bei Arbeitszeiten und Lohn. Recherchen des Politikmagazins Kontrovers und Panorama 3 des NDR zu den Schattenseiten der schönen neuen Lieferwelt!

Von: Astrid Halder

Stand: 28.06.2017

Andrej (Name von der Redaktion geändert) arbeitet in der bayerischen Provinz als Paketbote für einen Subunternehmer von Hermes. Wie viele seiner Kollegen kommt er aus Südosteuropa und spricht kaum Deutsch. Der Bulgare will unbedingt reden und berichten, wie er um seinen Lohn gebracht wurde. Aber niemand soll erfahren, dass er dem Bayerischen Rundfunk ein Interview gibt. Deshalb treffen wir ihn abends, nach seinem Arbeitstag, an einen einsamen Feldweg. Er ist noch in Dienstkleidung und trägt ein hellblaues Hermes T-Shirt.

"Wenn Du Dich beschwerst, dann wird Dir gekündigt. Und dann findest Du keine Stelle mehr in Deutschland. Das sind die Drohungen"

Hermes-Paketbote Andrej

Arbeitsstunden falsch abgerechnet

Gerade hat Andrej den Subunternehmer gewechselt, weil er sich vom bisherigen ausgebeutet fühlte: In seinem Arbeitsvertrag stand zwar der Mindestlohn, doch auf seinem Stundenzettel fehlten regelmäßig ungefähr zehn Arbeitsstunden - pro Woche!

"Die Zeiten, die auf dem Lohnzettel erscheinen, das sind sowieso keine realen Zeiten, sondern Zeiten, die der Chef nach seinem Ermessen aufschreibt. Alles ist eine Lüge."

Hermes-Paketbote Andrej

Standardisierte Zertifizierung macht Vorbereitung auf Kontrollen möglich

Kann das sein? Hermes wirbt seit 2012 mit einem TÜV-Zertifikat für faire Arbeitsbedingungen. Auch bei Andrejs Chef waren Kontrolleure. Die müssten solche Unstimmigkeiten doch bemerken? Denn am Telefon bestreitet Andrejs Chef, Arbeitsstunden zu unterschlagen.

Doch unsere Recherchen decken auf: Die Subunternehmer können sich gut auf Kontrolltermine vorbereiten! Der ehemalige Hermes-Subunternehmer Gion Eppe hat das mehrmals erlebt.

"Dieser Zertifizierer hatte von Hermes vorgegeben einen Bogen, auf dem alle Sachen standen die er abfragen sollte. Aber diesen Bogen, den hatten wir ja ein halbes Jahr vorher auch schon bekommen und konnten uns auf den Bogen vorbereiten."

Gion Eppe, ehemaliger Hermes-Subunternehmer

Subunternehmer finanziell am Limit

Gion Eppe spricht so offen, weil er von Hermes ohne Angabe von Gründen plötzlich gekündigt wurde. Davor hatte er die Zertifizierung mehrmals bestanden - obwohl er zugibt, dass auch seine Paketboten oft zu wenig Geld bekamen.

"Ich hätte nicht mehr zahlen können auch wenn ich gewollt hätte. Ich bin ja so schon am Limit gewesen. Und nicht mal das, es ging ja sogar ins Minus."

Gion Eppe, ehemaliger Hermes-Subunternehmer

Zur finanziellen Lage dieses Subunternehmers möchte sich Hermes nicht äußern. Insgesamt betont das Unternehmen aber:

"Wir arbeiten mit unseren Servicepartnern vertrauensvoll und entsprechend langfristig zusammen."

Paketdienstleister Hermes

Auch bei DPD massive Probleme bei den Subunternehmern

Subunternehmer, die unter Druck stehen? Das gibt es nicht nur bei Hermes. Vor vier Wochen probten einige bayerische DPD Servicepartner den Aufstand. Sie fuhren mit über 100 Paketzustellern zur DPD-Zentrale nach Aschaffenburg und forderten Tarifverträge mit gerechten Arbeits- und Einkommensbedingungen. Auf die Transporter waren Protestplakate mit Sprüchen wie "Wir sind keine Sklaven" und "Wir wollen gesetzmäßige Arbeitszeiten" geklebt.

"Wir bekommen von DPD die Aufgabe, Touren zu reduzieren und den verbleibenden Fahrern mehr Pakete und Stops zu geben, was einfach nicht mehr möglich ist."

Thomas Göpel, Subunternehmer von DPD

Der lukrative Trick mit dem Subunternehmermodell

Auf Anfrage von Kontrovers schreibt DPD: "Mit allen Systempartner, die ab 1.7.2017 vertraglich mit uns zusammenarbeiten, werden die Rahmenbedingungen und Vertragskonditionen in beidseitigen Verhandlungen festgelegt." Warum aber setzt die Branche so stark auf das Subunternehmermodell? Schließlich könnten Hermes und DPD die Paketboten direkt anstellen.

"Da versucht jemand, vor allem Sozialversicherungsbeiträge zu sparen, arbeitsrechtlichen Schutz zu vermeiden und trotzdem die volle Kontrolle über das Geschehen zu haben."

Prof. Richard Giesen, Arbeitsrechtler an der Ludwigs-Maximilian Universität München

Der Gang an die Öffentlichkeit einiger DPD Subunternehmer hat Wirkung gezeigt, DPD wird in den nächsten Tagen mit ihnen verhandeln. Hermes hat gestern nach unserer Anfrage Andrejs ehemaligen Chef überprüft. Man bestreitet die Vorwürfe. Trotzdem wurde der Subunternehmer gekündigt.


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Klaus Z., Donnerstag, 29.Juni, 07:46 Uhr

17. Ausbeutung bei Paketfahrern

Eine sensationelle, neue und bahnbrechende Erkenntnis, dass der Unternehmer schon vorher wusste, was der TÜV prüft. Fahren Sie mit Ihrem Fahrzeug zum TÜV, dann wissen Sie auch vorher, was geprüft wird. Es wäre dagegen erschreckend, wenn der Prüfer nach Gutdünken prüfen könnte, wonach ihm gerade ist. Selbstverständlich weiß der Vertragspartner, was geprüft wird, nämlich das, was die Gesetze, Sozialvorschriften und Verträge verlangen, z.B. die Einhaltung der Zahlung des Mindestlohns oder des Arbeitszeitgesetzes. Und wenn er alle diese Vorgaben nachweislich erfüllt, dann bekommt er ein Zertifikat, welches genau das bescheinigt, nicht mehr und nicht weniger.

Wenn der Unternehmer aber trickst und dem Prüfer frisierte Unterlagen zur Verfügung stellt, dann kommt das irgendwann raus. Und wenn der Auftraggeber das erfährt, wird die Zusammenarbeit beendet. Dann kann man sich natürlich vor die Kamera stellen und behaupten, man wisse nicht, warum der Vertrag beendet wurde ...

Lumpatz, Donnerstag, 29.Juni, 01:01 Uhr

16. Geiz ist geil

Auch da zeigt sich wieder: Geiz ist geil. Die Verbraucher tragen zur Ausbeutung mit bei., in dem sie den gnadenlosen Konkurrenzkampf um immer billigere Angebote unterstützen. Möglichst kein Porto bezahlen, selbstverständlich auch nicht für die Rücksendung von Waren.

Paketheini, Donnerstag, 29.Juni, 00:02 Uhr

15. Paketzusteller

Alle Leute bestellen online, die Läden in den Innenstädten machen reihenweise zu, die Arbeitsplätze dort gehen verloren , die Straßen und Autobahnen verstopfen zusehends, die Fahrer der Lieferdienste werden immer mehr ausgebeutet. Außerdem sind es oft selbst ständige Fahrer, die garantiert die Rentenkassen nicht aufbessern , aber die Politik interessiert das alles nicht, Hauptsache die Arbeitslosenzahlen sind schön. Die ganzen Statistiken der Politik sind total verlogen.
Der ganze Scheiß Kapitalismus wird sich niemals ändern, Ausbeutung von Mitmenschen wird immer schlimmer in diesem Turbokapitalistischem System.
Wir brauchen dringend einen anständigen Mindestlohn, und zwar für alle , auch für selbstständige. Die Forderungen der Linken Partei ist kein Wahlkampf Geplänkel ,
sondern Menschen Grundrecht für alle !!!

  • Antwort von Jürgen , Donnerstag, 29.Juni, 10:31 Uhr

    In diesem Zusammenhang ausgerechnet die Linken als das leuchtende Beispiel herauszustellen, ist schon paradox. Die haben schon einmal ein turbokommunistesches System auf deutschem Boden geführt und sind vor knapp 30 Jahren grandios gescheitert. Und zwar nicht nur wegen fehlender Reisefreiheiten oder Schießbefehl, sondern vor allem aufgrund der ökonomischen und ökologischen Unzulänglichkeiten des Systems und der Unfähigkeit der "Betreiber". Es gibt aktuell kein einziges kommunistisches System auf diesem ganzen Planeten, welches funktioniert und in dem es den Menschen besser geht als bei uns.

  • Antwort von campus, Sonntag, 09.Juli, 11:01 Uhr

    Bitte die Linken nicht immer als "Kommunisten" verteufeln, das ist zu billig. Denn sie sind das nötige Gegengewicht in unserer Demokratie, die schon zu lange und zu sehr auf Privatisierung und Dividenden gesetzt hat. Ohne sie wird unser Land nie gerechter und sozialer werden.
    In den USA gilt ja Sozialdemokratie schon länger als Kommunismus. Wohin so etwas führt, sieht man ja heute.

Cosi, Mittwoch, 28.Juni, 22:53 Uhr

14. Auch die Post

Auch die Post liefert ihre Pakete teilweise erst um 17 Uhr.
Die kriegen teilweise erst um 10 Uhr ihre Pakete zum Ausfahren.
Früher gab es einen Postboten für Post und Pakete heute sind diese Dienstleistungen oft getrennt.

Nadine, Mittwoch, 28.Juni, 21:56 Uhr

13. Wohlstand für alle

Tja, der Wähler könnte ja die Lage am Arbeitsmarkt d.h. Lohndumping ändern, doch bei 10% FDP, 50% CSU und 10% AFD dürfte alles gesagt sein: kein Gehalt für arbeitende Leute. Ach, wie wünsch ich mir doch ne linke Politik, mit Wohlstand für alle.

  • Antwort von Oliver M., Mittwoch, 28.Juni, 22:23 Uhr

    Linke Politik mit Wohlstand für alle? Träumen Sie weiter! Auch die Linke wird das dafür benötige Geld nicht auftreiben - jedenfalls nicht, ohne woanders Probleme zu schaffen. Ist alles zu eng miteinander verzahnt ...

  • Antwort von Akademiker, Mittwoch, 28.Juni, 23:36 Uhr

    Ich fürchte auch träumen Sie leider leider weiter.....
    Ich habe sage und schreibe 2x erfolgreich studiert und hab dran geglaubt, dass sich Anstrengung und Bildung irgendwo und irgendwann finanziell "lohnen"...... Irrtum !!!!!!!!!!!!!
    Die Paketzusteller sind nur die Spitze des Eisbergs. Dumpinglöhne, Befristung und weitere Ausbeutung der Bürger alias Lohnsklaven is leider leider oft zur Regel geworden.Nebenbei steigende Mieten........ Da spielt es dann auch keine Rolle ob Lehre oder Uni.
    Deutschland züchtet sich ein Heer von Armutsrentnern. 36000 Euro brutto im Jahr bringt aktuell 30 Euro x 40 Jahre des gleiche Gehalt , gäbe 1200 Euro netto
    witzlos für sehr sehr viele Berufsgruppen

  • Antwort von Ingo Knietow, Donnerstag, 29.Juni, 07:41 Uhr

    @Nadine
    Sie haben in Ihrer Aufzählung von Parteien, die die arbeitenden Leute nicht berücksichtigen die SPD vergessen. Ein Schröder als Genosse der Bosse oder Ude/Reiter in München, die es nicht auf die Reihe bekommen für noraml arbeitende Menschen vernünftigen Wohnraum zu schaffen. Damit dürfte doch auch alles gesagt sein.