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Arztbesuch im Internet Kommt das Aus für Online-Praxen?

Bislang ist es üblich, bei gesundheitlichen Beschwerden zum Arzt zu gehen. Beratungsgespräche und Untersuchungen von Angesicht zu Angesicht und dann eine Diagnose – das ist die Regel. Bei Online-Ärzten ist das anders: Sie beraten über das Internet und stellen eine Ferndiagnose. Doch das könnte sich bald ändern.

Von: Katharina Kerzdörfer

Stand: 30.05.2016

Tabletten auf PC-Tastatur | Bild: BR

Wanda Wirth ist regelmäßig im Internet. Bei einem leichten Schnupfen oder Kopfschmerzen bestellt sie rezeptfreie Medikamente in der Regel online. Für sie hat das wesentliche Vorteile:

"Ich persönlich bestelle online rezeptfreie Sachen. Sie sind weitaus günstiger, als wenn ich in die Apotheke gehen würde. Ich bekomme sie direkt nach Hause geliefert, ich habe beruflich nicht immer die Zeit, dass ich sage, ich kann mich nach den Öffnungszeiten der Apotheke richten."

Wanda Wirth

Mausklick oder persönliche Beratung?

Wanda Wirt ist Typ1-Diabetikerin, über eine Insulinpumpe bekommt sie das Insulin, das ihr Körper nicht produzieren kann. Dieses oder andere rezeptpflichtige Medikamente möchte sie nicht übers Netz bestellen, auch dann, wenn sie von einem Online-Arzt verschrieben werden.

"Da ist mir die persönliche Beratung, die persönliche Ansprache, die medizinische Kompetenz schon vorrangig. So schön das mit online alles ist, aber ich persönlich möchte einen persönlichen Ansprechpartner und eine persönliche Beratung."

Wanda Wirth

"Gesundheit!" hat schon mehrfach über Online-Praxen berichtet, die über das Internet rezeptpflichtige Medikamente verschreiben, wie z.B. die Website "Dr. Ed". Ärzte behandeln von Großbritannien aus online, per Ferndiagnose. Das ist dort erlaubt.

2013 gaben wir per Fragebogen an, an einer Blasenentzündung zu leiden. Nach nur zehn Minuten erhielten wir die Nachricht, dass wir ein Rezept für ein Antibiotikum bekommen. Kostenpunkt damals: 12.30 Euro plus neun Euro Behandlungsgebühr. Nach zwei Tagen war das Antibiotikum da.

Opioid per Mausklick

Auf einer anderen Website konnten wir 2015 über einen Online-Arzt in Rumänien sogar das starke Schmerzmittel Tramadol bestellen. Der Wirkstoff ist ein so genanntes Opioid. Der Toxikologe Prof. Florian Eyer sieht das kritisch.

"Problematisch ist sicher, wenn man sich so etwas mit einem Klick und ein paar Fragen bestellen kann, weil es ein Medikament ist, das ein klares Abhängigkeitsprofil hat."

Prof. Dr. med. Florian Eyer, Toxikologe, Klinikum rechts der Isar München

Verbot reiner Ferndiagnosen in Deutschland

Wie ist die Rechtslage in Deutschland? Hier besteht einerseits ein Verbot für reine Ferndiagnosen von Ärzten, andererseits müssen deutsche Apotheken bislang Rezepte aus EU-Ländern anerkennen. Das besagt die so genannte Patientenmobilitätsrichtlinie der EU. Eine rechtliche Grauzone, die das Bundeskabinett wohl schließen möchte. Vor kurzem hat es einen Entwurf auf den Weg gebracht, der im August in Kraft treten soll.

Apotheker dürfen Medikamente demnach nicht mehr abgeben,

"wenn vor der ärztlichen oder zahnärztlichen Verschreibung offenkundig kein direkter Kontakt zwischen dem Arzt oder Zahnarzt und der Person, für die das Arzneimittel verschrieben wird, stattgefunden hat."

Auszug aus dem Gesetzesentwurf

Beim Bundesgesundheitsministerium fragen wir nach, was genau unter "offenkundig" zu verstehen ist und ob Online-Praxen mit dem Gesetz faktisch verboten sind, weil deutsche Apotheken keine Rezepte mehr von ihnen akzeptieren dürfen. Wir erhalten eine ausführliche, aber allgemeine Antwort. Unter anderem heißt es: Die Regelung "flankiert bestehende, im ärztlichen Berufsrecht niedergelegte Regelungen wie das Verbot der Fernbehandlung."

Stärkung des Arzt-Patienten-Kontakts

Dr. Max Kaplan von der Bayerischen Landeärztekammer fordert seit langem, den direkten Arzt-Patienten-Kontakt per Gesetz zu stärken. Nur so können richtige Diagnosen gestellt werden.

"Als Hausarzt ist es besonders wichtig, dass ich eine Person in ihrer gesamten Haltung auch vor mir habe, allein in ihrer Mimik, in ihrer Gestik. Ich kann nicht einschätzen, wie stark das Beschwerdebild ausgeprägt ist, ob hinter einem Beschwerdebild Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Rückenschmerzen oder eher psychische Probleme versteckt sind. Das kann ich über eine Kamera, über Skype oder Video sicherlich nicht beurteilen. Und deswegen stellt für mich der unmittelbare Arzt-Patienten-Kontakt eine ganz wichtige Voraussetzung für die richtige therapeutische Maßnahme dar."

Dr. med. Max Kaplan, Facharzt für Allgemeinmedizin und Präsident der Bayerischen Landesärztekammer

Anders sieht das "Dr. Ed" aus London. Das Online-Angebot soll sogar ausgebaut werden. Gründer David Meinertz sagt, "Dr. Ed" sei genauso sicher wie der Besuch in der Arztpraxis.  

"Wie viele Arztbesuche können Sie aufzählen, in denen sich der Arzt, die Ärztin eine halbe Stunde Zeit genommen hat, das persönliche Gespräch gesucht hat? Das alles kommt in der Realität, jedenfalls für den Kassenpatienten, nicht vor. Was wir sagen, ist, für die wenigen Behandlungen, die wir anbieten, können wir eine genauso adäquate Beratung anbieten, wie der niedergelassene Arzt oder Ärztin."

David Meinertz, Geschäftsführer und Gründer von Dr. Ed

Welche Chancen hat das neue Gesetz?

Schließt dieser Entwurf nun die rechtliche Grauzone oder hat er keine Wirkung, weil er gegen Europarecht verstoßen würde? Prof. Alexander Ehlers glaubt, dass die geplante Änderung vor den Gerichten landen wird. Seiner Ansicht nach verstößt der Entwurf gegen europäisches Recht.

"Ich glaube, es ist eher ein Appell, es ist eher der Versuch, gewissen Entwicklungen Einhalt zu gebieten. Ich glaube aber, dass das Internet und der Einsatz von modernen Kommunikationsmitteln im Gesundheitswesen und in der Medizin nicht aufzuhalten sind."

Prof. Dr. Dr. med. Alexander Ehlers, Fachanwalt für Medizinrecht und Facharzt für Allgemeinmedizin, München

Folgen für Patienten

Das neue Gesetz könnte medizinische Online-Angebote nicht aus dem Internet verbannen. Online-Praxen wird es wohl auch mit der Änderung geben. Für Patienten heißt es also, auch weiterhin ein kritisches Auge bei Online-Angeboten zu haben. Sie können seriös sein, aber eben auch nicht.


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