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Volle Städte, leeres Land? So stemmt sich Tirschenreuth gegen Abwanderung

Städte wie Regensburg und München platzen aus allen Nähten. Gleichzeitig leiden ländliche Regionen in Bayern unter Abwanderung. Die Kommunen haben reagiert: Die Stadt Tirschenreuth zum Beispiel schafft es ganz gut, ihre Einwohnerzahl inzwischen stabil zu halten.

Von: Margit Ringer

Stand: 20.06.2017

Bürgermeister Franz Stahl (CSU) zeigt sich zufrieden, wenn er auf die neueste Einwohnerstatistik schaut: Knapp 8.900 Bürger zählt die Stadt Tirschenreuth. Sorge bereitet ihm zwar die Diskrepanz zwischen Geburten und Sterbefällen - aber die Entwicklung von Zu- und Wegzügen liest sich ganz gut. In Spitzenzeiten, vor knapp zehn Jahren, haben 400 Menschen die Stadt verlassen. Die Kreisstadt hat reagiert, ein neues Stadtentwicklungskonzept und ein eigenes Familienförderprogramm aufgelegt.

Geld pro Kind

Franz Stahl

Wer in der Stadt eine Wohnung kauft oder Haus baut, bekommt pro Kind einen Zuschuss von der Stadt: 1.500 Euro fürs erste Kind, 2.000 fürs zweite und nochmal 500 Euro für jedes weitere Kind. In Tirschenreuth gibt es sämtliche Schularten und ausreichend Kita-Plätze. "Ganz wichtig ist für junge Familien auch der medizinische Bereich. Wir sind zum Glück noch ganz gut aufgestellt, haben ein Krankenhaus und genügend Hausärzte", sagt Bürgermeister Stahl.

Außerdem sind die Lebenshaltungskosten gering: Mieten und Grundstücke, Essengehen, Kino und Kultur sind deutlich günstiger als in der Großstadt. Für die Autoversicherung zahlt man weniger, der Stadtbus kostet einen Euro, das Parken direkt auf dem Stadtplatz nichts.

Von Hessen in die Oberpfalz

Melanie und Karsten Heßing schätzen vor allem die kurzen Wege. Sie sind vor vier Jahren mit ihren beiden Kindern nach Tirschenreuth gezogen. Beide stammen aus Hessen und sind über Würzburg und Regensburg nach Tirschenreuth gekommen.

Landschaft des Stiftlandes bei Tirschenreuth

"Jetzt sind wir angekommen", sagen sie. Und sind in den vollen Genuss der Tirschenreuther "Welcome-Kultur" gekommen. Die beiden Kinder, 14 und 16, spielen Fußball, tanzen Hip-Hop im Verein, der Papa selbst kegelt und hat einen Grillverein mitgegründet. Die weichen Standortfaktoren punkten, wie die Vereine oder Kulturveranstaltungen, aber auch die Firmen.

"Wenn ich hier zu einer Firma gehe, dann bin ich nicht eine Kundennummer, sondern dann ist das die Familie Heßing."

Karsten Heßing

Beide arbeiten im Amt für Ländliche Entwicklung der Oberpfalz, das nach Tirschenreuth verlagert worden ist.

Wirtschaft brummt

Tirschenreuth

Ohne die Hilfe des Freistaates würde Tirschenreuth nicht so gut dastehen wie jetzt. Die Gartenschau 2013 wertete das Stadtbild immens auf. Und die Behördenverlagerung war ein Schub auch für die gesamte wirtschaftliche Entwicklung. "Wir sind in der nördlichen Oberpfalz nach der Stadt Weiden die Stadt mit den meisten Arbeitsplätzen - wir haben weltweite Unternehmen am Ort", schwärmt Stahl.

Wer Kultur einer Großstadt haben möchte, muss sich ins Auto setzen. In gut einer Stunde erreicht man Regensburg und Bayreuth, in zwei Stunden Prag und München. Familie Heßing vermisst nichts hier.

"Wir gehen nicht mehr weg. Am Anfang habe ich Bedenken gehabt wegen den Kindern. Aber hinterher muss ich sagen: Das war das Beste, was wir gemacht haben."

Melanie Heßing


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Kommentare

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h.p aus K, Mittwoch, 21.Juni, 17:16 Uhr

5. Umzug

Die Verkehrsanbindung der Stadt Regensburg wird die Fam. noch schmerzlich vermissen.

Ulrich Gode, Dienstag, 20.Juni, 11:46 Uhr

4. Volle Städte, Leere Dörfer

Wir wohnen im Speckgürtel von München, der u.a. für Rentner nicht mehr bezahlbar ist. Allerdings findet man auch auf dem Land nichts mehr. Trotz angeblich halbleerer Dörfer will niemand mehr Rentner als Mitbewohner.

Martin S. , Dienstag, 20.Juni, 10:49 Uhr

3. Prioritäten entscheiden

Tirschenreuth mag ein gutes Beispiel sein, wie es dennoch funktioniert. Aber leider ist das nicht immer so.
In unserer 7.000 Seelen Gemeinde (um nur mal bei den o.g. Beispielen zu bleiben) hat man den kostenlosen Stadtparkplatz kürzlich kostenpflichtig gemacht. Innerhalb der Stadt gibt es fast keine Parkplätze. Essen gehen ist schwierig, denn es gibt nur 4 Möglichkeiten, davon eine im sehr hochpreisigen Bereich, also nix für alle Tage. Die Mieten stehen denen in der nächstgrößeren Stadt nicht viel nach und Geld für unsere Kinder haben wir auch nicht bekommen. Kino und Kultur gibt's auch nicht. Es gibt 2 Schulen, 3 KiGä und gute Einkaufsmöglichkeiten. Arbeitsplätze sind in der nahen Stadt.

Wir sind bewusst wegen der Kinder und "wohnen im Grünen" weg aus der Stadt und hierher gezogen. Es kommt immer darauf an, welche Prioritäten man setzt: Stadttrubel und kurze Wege oder Ruhe und Natur. Und ja: Man braucht ein Auto und sollte es gar ein "böser" Diesel sein.

Ignaz, Dienstag, 20.Juni, 09:50 Uhr

2. Holt lauter Analphabeten ins Dorf

dann werdet Ihr glücklich.

Selim, Dienstag, 20.Juni, 09:49 Uhr

1. Verständnislosigkeit

Die Lebensqualität des einzelnen Menschen steigt, wenn die Populationsdichte geringer wird.
Mit steigender Populationsdichte der Menschen steigen Kosten, Umweltprobleme, Kriminalität, Agressivitäat, Bedarf an Infrastruktur...

Ich habe es noch nie verstanden, was so schlimm daran sein soll, wenn aus einer Region die Leute weg gehen.
Dann haben die Leute, die dort bleiben, mehr Platz.

  • Antwort von Martin S. , Dienstag, 20.Juni, 09:59 Uhr

    Naja, das Schlimme am (gravierenden) Wegzug ist, dass dann mangels Frequenz halt auch Geschäfte, Arztpraxen, Schulen/Kindergärten etc. schließen (müssen). Das wiederum wirkt sich natürlich negativ auf den Rest der dort noch Wohnenden aus. Und auf eventuell Zuzugswillige, die dann wegen fehlender Infrastruktur auch nicht kommen wollen.
    Da beißt sich die Katze immer in den Schwanz.

  • Antwort von Selim, Dienstag, 20.Juni, 10:50 Uhr

    Vielleicht gäbe es für das von Ihnen genannte Problem eine intelligentere Lösung, als auf Zuzug zu setzen?
    Es muß doch ein Konzept für einen stabilen Dauerzustand Mit Lebensqualität geben.
    Auf die Wachstumsspirale zu setzen erscheint mir zu hohl und nicht nachhaltig.