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Tote Babys von Wallenfels Angeklagte legt Geständnis ab

Im Babymord-Prozess um die acht Babyleichen von Wallenfels hat die Mutter zugegeben, sich nicht ausreichend um ein Baby gekümmert zu haben. Unmittelbar nach der Geburt sei sie "wie weggetreten" gewesen, berichtete die Angeklagte.

Von: Carlo Schindhelm

Stand: 12.07.2016

Der Verteidiger der 45-jährigen Angeklagten verlas eine Erklärung seiner Mandantin. Darin beschreibt sie, wie ihre Mutter sie zu einer Sterilisation gedrängt habe. Ihr Mann habe sie zur Klinik gebracht. Den Termin habe sie jedoch platzen lassen und stattdessen einen Tag und eine Nacht in einer nahegelegenen Pension verbracht.

Geburt in der Küche

Der Vater der Babys im Gerichtssaal

Als sie erstmals bemerkt habe, dass sie schwanger ist, habe sie ihr Mann zu einer Abtreibung gedrängt. Das habe sie aber nicht gewollt, weshalb es zu einem heftigen Streit gekommen sei. Niemandem habe sie sich anvertrauen können, berichtete die Frau. Wahrscheinlich habe sie das Baby in der Küche stehend zur Welt gebracht. Genau könne sie sich aber nicht erinnern. Das Kind sei auf den Boden gefallen, dabei sei die Nabelschnur gerissen. Bei den weiteren sieben Kindern habe sie ähnlich gehandelt.

"Fassade" sollte gewahrt bleiben

Anschließend habe sie wohl sauber gemacht und das Neugeborene in ein Handtuch gewickelt und in den Saunaraum der Wohnung gebracht, heißt es in der Erklärung. Seine Mandantin sei eine Mutter, die versuchte, alles mit sich alleine auszumachen und eine "Fassade" nach außen zu wahren, so der Verteidiger.

Staatsanwaltschaft spricht von "sexuellem Egoismus"

Das Ehepaar wollte keine Kinder mehr, um sich eine weitere finanzielle und zeitliche Belastung durch die Erziehung zu ersparen, heißt es in der Anklage. Dennoch hätten sie aus Gleichgültigkeit und sexuellem Egoismus wie gewohnt ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt. Eine Sterilisation habe die Frau nicht durchgeführt. Die 45-jährige Mutter sei in den Jahren 2003 bis 2013 so achtmal schwanger geworden. Die Kinder gebar sie laut Staatsanwalt ohne ärztliche Hilfe zu Hause und erstickte sie kurz nach der Geburt mit einem Handtuch.

Ihr 55-jähriger Ehemann sei dabei nicht anwesend gewesen. Von den acht Säuglingen seien mindestens vier lebensfähig gewesen. Ihr Ehemann habe von den acht Schwangerschaften gewusst, davon ist die Staatsanwaltschaft überzeugt. Er habe auch damit gerechnet, dass seine Frau die gemeinsamen Babys nach der Geburt umbringt. Er habe jedoch nichts dagegen unternommen und durch seine Untätigkeit die Angeklagte in ihrem Handeln "bestärkt".

Nur vier Fälle vor Gericht

Durch einen Zufall wurden die Baybleichen Mitte November vergangenen Jahres in einer Wohnung in Wallenfels im Landkreis Kronach entdeckt. Die Mutter der Kinder wurde kurz darauf festgenommen. Seitdem sitzt sie in Untersuchungshaft. Obwohl acht tote Babys gefunden wurden, lautet die Anklage nur auf Mord in vier Fällen. Nach der gerichtsmedizinischen Untersuchung der Leichen lässt sich nicht mit Bestimmtheit nachweisen, ob vier der Neugeborenen tatsächlich lebend zur Welt kamen, beziehungsweise ob sie nach der Geburt lebensfähig gewesen wären.

Drei Sachverständige geladen

Für viele Unbeteiligte und auch für das Umfeld der Familie in dem knapp 3.000 Einwohner zählenden Städtchen Wallenfels stellt sich nach wie vor die Frage, warum die Mutter nicht durch Verhütung oder mit der Freigabe zu Adoptionen ganz legal ein "Kümmern müssen" um weitere Kinder verhinderte. Nicht zuletzt deshalb wird neben den 24 Zeugen besonders den drei geladenen Sachverständigen aus der Psychiatrie, Psychologie und Rechtsmedizin eine besondere Bedeutung in dem Prozess zukommen.

Anwalt: Mordmerkmale nicht gegeben

Die Verteidiger der Mutter, Till Wagler und Julia Gremmelmaier

Till Wagler, der Anwalt der 45-Jährigen, verweist im Vorfeld der Verhandlung im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk auf "Neonatizid". Ein Fachbegriff, der die Tötung eines Neugeborenen bis zu 24 Stunden nach der Geburt durch die eigene Mutter beschreibt und einhergeht mit einer Kombination aus psychosozialen Belastungsfaktoren. Wagler sieht deshalb die von der Staatsanwaltschaft als Mordmerkmal ins Feld geführten niederen Beweggründe nicht. Deshalb wird sowohl die Frage der Schuldfähigkeit, als auch die Frage, ob es sich in dem Fall tatsächlich um Mord, oder um den mit einem geringeren Strafmaß versehenen Totschlag handelt, vor Gericht wohl intensiv diskutiert werden.

Interesse an Prozess enorm

Ein Urteil im Babyleichen-Prozess soll bereits am 20. Juli fallen. Laut Gerichtssprecher Daniel Kolk ist das öffentliche Interesse enorm. Mehr als 20 Journalisten aus ganz Deutschland seien als Berichterstatter zu dem Prozess zugelassen worden.


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