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Plädoyers im Babyleichen-Prozess Anwalt fordert Freispruch für Vater

Im Prozess um die toten Babys von Wallenfels hat die Staatsanwaltschaft für die angeklagte Mutter lebenslange Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung gefordert. Der Anwalt des Vaters plädierte auf Freispruch.

Stand: 15.07.2016

In seinem Plädoyer führte der Anwalt des 55-Jährigen aus, dass sein Mandant nichts von den vielen Schwangerschaften seiner Frau mitbekommen habe und er deshalb auch nicht verurteilt werden könne. Keiner der beiden Angeklagten machten von seinem Recht aufs letzte Wort Gebrauch.

Verteidiger: Mutter hat Schwangerschaft verdrängt

Der Verteidiger der Mutter hatte zuvor auf ein konkretes Strafmaß in seinem Plädoyer verzichtet. Die 45-Jährige habe die erste Schwangerschaft nach der Geburt ihrer lebenden Kinder verdrängt. Deshalb sei sie bei der Geburt in Panik geraten und habe das Kind getötet, erklärte Verteidiger Till Wagler. Er verwies in seinem Plädoyer auf den Begriff "Neonatizid". Ein Fachbegriff, der die Tötung eines Neugeborenen bis zu 24 Stunden nach der Geburt durch die eigene Mutter beschreibt und einhergeht mit einer Kombination aus psychosozialen Belastungsfaktoren. Soziale Isolation, die Tendenz, Probleme in sich rein zu fressen, das Gefühl, die Situation nicht bewältigen zu können – das alles sei bei seiner Mandantin gegeben. Deshalb sehe er die von der Staatsanwaltschaft als Mordmerkmal ins Feld geführten niederen Beweggründe nicht.

"Finden Sie ein gerechtes Urteil"

Auch sehe der Anwalt nach den Aussagen seiner Mandantin vor Polizei und Ermittlungsrichter nur drei statt vier Tötungen als gesichert. Dabei handle es sich nicht um Mord, sondern um Totschlag, angesichts der Umstände des Neonatizids auch um Totschlag in minder schweren Fällen. "Finden Sie ein gerechtes Urteil, welches allen Facetten dieses Falls berücksichtigt", erklärte Verteidiger Till Wagler in seinem Plädoyer.

Besondere Schwere der Schuld

Staatsanwalt Martin Dippold plädierte im Fall der 45-jährigen Mutter wegen vierfachen Mordes auf eine lebenslange Freiheitsstrafe. Zudem sieht er bei der Frau die besondere Schwere der Schuld gegeben. Das ist die höchste Bestrafung, die das deutsche Strafrecht vorsieht, da nach 15 Jahren keine Haftentlassung möglich ist. Gegen den 55-jährigen Ehemann der Frau beantragte die Staatsanwaltschaft vier Jahre Haft wegen Beihilfe zum Mord.

"Menschlich ist das Ganze einfach nicht mehr nachvollziehbar."

Martin Dippold, Staatsanwalt

Die Anklage wirft der Mutter vierfachen Mord vor, dem Vater Beihilfe zum Mord. Zu Prozessbeginn räumte die 45-Jährige ein, sich nicht ausreichend um die Neugeborenen gekümmert zu haben. Im Verlauf des Prozesses sagten mehrere Zeugen und Sachverständige aus.

Sachverständiger: Angeklagte körperlich und geistig gesund

Unter anderem erklärte der Psychiater Cornelis Stadtland, dass die Frau körperlich gesund ist und es bei ihr keinerlei Anzeichen einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung gebe. Ihre fünf lebenden Kinder habe sie nicht vernachlässigt und ordentlich versorgt.

Es liege nach der Beurteilung des Sachverständigen bei der Frau auch keine psychiatrische Erkrankung vor, die eine verminderte Schuldfähigkeit begründen könnte. Nach Ansicht des Sachverständigen empfindet die Frau ihren getöteten neugeborenen Kindern gegenüber auch keine echten Schuldgefühle.

Acht tote Babys in Wallenfels

Mitte November 2015 entdeckt eine Anwohnerin in Wallenfels (Lkr. Kronach) die sterblichen Überreste eines Säuglings. Die alarmierte Polizei findet wenig später acht in Plastiktüten und Handtücher gewickelte Babyleichen. Umgehend nimmt die Staatsanwaltschaft Coburg Ermittlungen auf. Verdächtigt wird die Mutter, von der zunächst jede Spur fehlt. Trotzdem wird sie kurz darauf festgenommen. Die Ermittler werfen ihr vor, zwischen 2003 und 2013 insgesamt acht Kinder in ihrer Wohnung zur Welt gebracht und mindestens vier davon vorsätzlich getötet zu haben. Anfang April 2016 erhebt die Staatsanwaltschaft Coburg Anklage wegen Mordes gegen die Mutter und wegen Beihilfe gegen den Vater.


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