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Fall Peggy und NSU DNA-Spuren werfen weiter Fragen auf

Die DNA-Spuren des mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt am Fundort von Peggys Leiche geben Rätsel auf. Eine Vermischung der DNA-Spuren kann weitgehend ausgeschlossen werden. Die Proben wurden an unterschiedlichen Orten untersucht.

Stand: 14.10.2016

Die DNA von Uwe Böhnhardt haben Rechtsmediziner des Landeskriminalamts in München untersucht. Entgegen anders lautender Medienberichte waren die Rechtsmediziner in Jena  nur im Fall der gefundenen Leiche von Peggy involviert und nicht bei der jetzt gefundenen Spur von Uwe Böhnhardt.

Oberstaatsanwaltschaft will Verunreinigung nicht ausschließen

Dennoch will der Leitende Bayreuther Oberstaatsanwalt Herbert Potzel die grundsätzliche Möglichkeit einer DNA-Verunreinigung nicht ausschließen. Das sei Aufgabe der laufenden Ermittlungen, sagte der Leitende Bayreuther Oberstaatsanwalt Herbert Potzel. Grundsätzlich gebe es verschiedene Möglichkeiten, wie es zu einer DNA-Verunreinigung kommen könne. Mehr wollte Potzel dazu aber nicht sagen.

DNA-Spur auf Stoffstück sichergestellt

Am Donnerstagabend hatten Polizei und Staatsanwaltschaft mitgeteilt, dass der genetische Fingerabdruck Böhnhardts am Fundort des Skeletts von Peggy sichergestellt worden war. Die Gen-Spur war im Juli auf einem Stück Stoff gefunden worden, aber nicht an Peggys Skelett. Nach einem Abgleich von Datenbanken durch die Rechtsmedizin wurde ein entsprechender Treffer gemeldet. Wann und wie das Stück Stoff mit der Spur in das Waldstück in Thüringen gekommen ist, steht noch nicht fest.

"In welchem Zusammenhang diese DNA-Spur gesetzt wurde, wo sie entstanden ist und ob sie in Verbindung mit dem Tod von Peggy K. steht, bedarf weiterer umfassender Ermittlungen in alle Richtungen, die derzeit geführt werden und ganz am Anfang stehen."

Aus der Presseerklärung des Polizeipräsidiums Oberfranken und der Staatsanwaltschaft Bayreuth

Über die neuen Erkenntnisse seien auch das Bundeskriminalamt, der Generalbundesanwalt, das bayerische Landeskriminalamt sowie die thüringische Polizei unterrichtet worden.

Reaktionen auf den DNA-Fund

Susanne Knobloch, Mutter von Peggy

Susanne Knobloch, Peggys Mutter, ist nach Angaben ihrer Anwältin Ramona Hoyer über die Entwicklungen bestürzt. Sie sei tief erschüttert, sagte Hoyer. Nun brauche sie Zeit, alles zu verarbeiten.

Horst Seehofer, Bayerischer Ministerpräsident

Dass zwischen dem Fall Peggy und dem NSU ein Zusammenhang bestehen könnte, sei schrecklich, sagte der bayerische Ministerpräsident, Horst Seehofer (CSU). Nachdem ihn der Innenminister informiert hatte, habe er das noch nicht glauben können. "Es ist schon etwas was einen trifft, auch menschlich, wenn es dann so wäre, wenn es da direkt einen Zusammenhang gäbe zwischen dem Tod und einem Rechtsradikalen", so Seehofer. Er werde die Ermittler bitten, den Fall nochmal genau unter die Lupe zu nehmen.

Joachim Herrmann, Bayerischer Innenminister

Zunächst müsse nun ausgeschlossen werden, dass die DNA-Übereinstimmungen nicht auf einer Verunreinigung des überprüften Materials beruhen, sagte Innenminister Joachim Herrmann (CSU) bei einem Pressetermin in Herzogenaurach. Sollte die Verunreinigung ausgeschlossen werden können, würde es neue Perspektiven für die Ermittler geben. Es gehe dann darum, herauszufinden, wo Bezüge zwischen den Morden der NSU und dem Fall Peggy bestehen könnten. Zudem müssten die bislang bekannten Bewegungsbilder des NSU neu recherchiert werden.

Thomas de Maizière, Bundesinnenminister

Es sei ein "bemerkenswertes Ergebnis" der Kriminaltechnik, kommentierte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) die Entwicklungen im Fall Peggy. Es sei "unfassbar", dass nun der Verdacht bestehe, dass einer der NSU-Terroristen auch noch der Mörder von Peggy sein könnte.

Florian Knüppel, Bürgermeister Lichtenberg

Für Florian Knüppel, Bürgermeister von Lichtenberg, ist die neue Spur ein Hoffnungsschimmer. Es könne ein "Weg aus der Misere" sein. Denn es habe schon fast so etwas wie eine Stigmatisierung im Ort gegeben.

Böhnhardt auch bei anderem Kindermord erwähnt

Uwe Böhnhardts Name wurde bereits im Zusammenhang mit einem anderen ungelösten Kindermord genannt. Ein neun Jahre alter Junge war im Juli 1993 tot am Saale-Ufer in Jena entdeckt worden. Wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft sagte, war Böhnhardt damals ins Visier der Ermittler geraten und als Zeuge vernommen worden. 2014 hatte die Staatsanwaltschaft Gera wieder die Ermittlungen aufgenommen. Zum Zeitpunkt des Todes des Jungen war Böhnhardt 15 Jahre alt. Verschiedene Bekannte von Böhnhardt seien in Prozessakten immer wieder mit Kindesmissbrauch in Verbindung gebracht worden, sagte der Anwalt einer NSU-Opferfamilie. So auch der frühere Anführer des "Thüringer Heimatschutzes", Tino Brandt, der wegen Missbrauchs von Jungen im Gefängnis sitzt.

Kinderpornos auf Zschäpes Rechner

Auf dem Computer von Beate Zschäpe, dem letzten überlebenden Mitglied des NSU, hatten Ermittler kinderpornographische Dateien entdeckt. Die Staatsanwaltschaft Zwickau hatte das Verfahren 2013 allerdings eingestellt. Die Begründung: Die Strafe dafür wäre im Vergleich zu den Strafen für die terroristischen Taten "voraussichtlich nicht beträchtlich ins Gewicht" gefallen.

Keine Spuren von Peggy in NSU-Wohnmobil

Im ausgebrannten NSU-Wohnmobil seien zudem Kindersachen gefunden worden, deren Herkunft bis heute unklar sei, so die Vorsitzende des Thüringer NSU-Untersuchungsausschusses, Dorothea Marx (SPD). Sie fordert, dass diese nun unbedingt in den Fokus der Ermittlungen im Fall Peggy rücken müssen. Nun hat das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden die Kindersachen untersucht. Nach Angaben des BKA sei eine weibliche DNA gesichert worden. Allerdings stamme sie nicht von Peggy.

Knochen im Wald gefunden

Ein Pilzsammler hatte Anfang Juli Knochen in einem Waldstück in Thüringen entdeckt. 15 Kilometer entfernt von Peggys ehemaligen Wohnort Lichtenberg. Nur Tage darauf hatte die Staatsanwaltschaft Gera bestätigt, dass es sich dabei um die sterblichen Überreste von Peggy handelt. Die genauen Todesumstände sind nach wie vor unklar.

15 Jahre verschwunden

Peggy war am 7. Mai 2001 spurlos verschwunden. Ein geistig behinderter Mann aus Lichtenberg war zunächst 2004 vom Landgericht Hof wegen Mordes an Peggy verurteilt worden. In einem Wiederaufnahmeverfahren am Landgericht Bayreuth wurde er 2014 aber freigesprochen.

Chronologie im Fall Peggy


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