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Polizeieinsatz bei Bayreuth 30 Jahre im Elternhaus isoliert

Nach der Grundschule wurde er nie mehr gesehen: Die Polizei hat einen 43-jährigen Mann aus seinem Elternhaus befreit. Dort lebte er seit 30 Jahren zusammen mit seinen Eltern – abgeschnitten von der Außenwelt.

Von: Anne Axmann

Stand: 04.10.2016

Der Mann hatte als Kind die Grundschule besucht und dann für eine "kurze Zeit" eine Gesamtschule, so Polizeisprecher Jürgen Stadter. "Aber irgendwann gab es dann eine Untersuchung mit dem Ergebnis, dass er nicht schulfähig sei." Damals sei der Mann etwa 13 Jahre alt gewesen, schätzt Stadter. Der Nordbayerische Kurier hatte den Fall am Wochenende publik gemacht.

Verwahrlost, aber nicht unterernährt

Die Polizei hatte einen Hinweis auf den Mann erhalten und ihn bereits am 21. September aus der Isolation geholt, erklärte Stadter weiter. Er sei verwahrlost gewesen, aber nicht unterernährt. Der Mann ist nun im Bezirkskrankenhaus Bayreuth untergebracht und wird versorgt, so Chefarzt Michael Schüler zum Bayerischen Rundfunk. Derzeit werde geprüft, ob der 43-Jährige psychisch krank oder geistig behindert ist.

"Wir wissen noch nicht genau, seit wann der Mann dort ohne ständigen Kontakt zur Außenwelt war und wie konkret das aussah - ob er zum Beispiel die Möglichkeit gehabt hätte, das Anwesen zu verlassen."

Polizeisprecher Jürgen Stadter

Laut Chefarzt Schüler fehle dem Mann die natürliche Sozialisierung, die Jugendliche ab dem Teenager-Alter erleben. Rollenverhalten, zwischenmenschliche Kontakte, Beziehungen, Konkurrenzverhalten in Ausbildung und Beruf – all das habe der Mann nicht erfahren.

Durch das System gerutscht

Unklar ist auch, wie der Fall so lange unentdeckt bleiben konnte. Schließlich besteht in Deutschland Schulpflicht. Wenn ein Kind als nicht schulfähig eingestuft wird, muss es zumindest anderweitig betreut werden.

"Nimmt ein Schüler ohne berechtigten Grund nicht am Unterricht oder an den sonstigen verbindlichen Schulveranstaltungen teil, so kann die Schule beim Landratsamt die Durchführung des Schulzwangs beantragen."

Landratsamt Bayreuth auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks

Nun muss geklärt werden, wie der Mann durch das deutsche Sozialsystem "rutschen" konnte. Die Polizei ermittelt außerdem gegen die Eltern. Sie könnten sich der Körperverletzung durch Unterlassung strafbar gemacht haben, erklärte Polizeisprecher Stadter. Die Frage ist auch, ob sie ihre Sorgfaltspflicht verletzt haben. Was die Eltern zu den Vorwürfen sagen, teilte die Polizei nicht mit. Ob die Vorwürfe gegen die Eltern haltbar seien, müsse sich aber noch zeigen.

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  • zur Sendungshomepage Regionalnachrichten Franken von 6.00 bis 18.00 Uhr, jeweils zur halben und zur vollen Stunde, Bayern 1

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