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Tote Babys von Wallenfels Sechs Kinder wären lebensfähig gewesen

Nach dem Fund der sterblichen Überreste von acht Neugeborenen in Wallenfels liegen erste Ergebnisse der Erlanger Rechtsmedizin vor. Sechs der acht Babys wären demnach lebensfähig gewesen. Weitere Erkenntnisse brauchen allerdings Zeit.

Stand: 17.11.2015

Die rechtsmedizinischen Untersuchungen bestätigen, dass es sich bei den sterblichen Überresten um insgesamt acht Säuglinge handelt. Das gaben das Polizeipräsidium Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Coburg bekannt. Sechs von ihnen seien "potentiell lebensfähig gewesen". Die Rechtsmediziner stellten außerdem fest, dass zwei der Neugeborenen vermutlich nicht lebensfähig gewesen wären.

Der Zeitpunkt der Geburten kann aufgrund des Zustandes der Leichen jedoch nicht mehr festgestellt werden, auch zu den Todesursachen gebe es bisher keine Ergebnisse. Bis weitere Resultate vorliegen, unter anderem nach DNA-Untersuchungen, werden wohl noch mindestens vier Wochen vergehen.

Mutmaßliche Mutter in U-Haft

Als tatverdächtig sitzt eine 45 Jahre alte Frau in Untersuchungshaft, die mutmaßlich die Mutter der acht entdeckten toten Kinder ist. Sie hatte gestanden, einige Babys lebend zur Welt gebracht und getötet zu haben. Informationen zum möglichen Motiv für die Taten gibt es noch nicht.

Rolle des Noch-Ehemanns

Geprüft wird nach wie vor die Rolle des Noch-Ehemanns der 45-Jährigen, wie die Polizei mitteilte. Gegen ihn bestehe ein "gewisser Tatverdacht", er ist aber auf freiem Fuß. Das Paar hatte Medien zufolge sowohl gemeinsame Kinder als auch Kinder aus früheren Beziehungen. 15 Jahre lang sollen die beiden gemeinsam in dem Haus in der oberfränkischen Kleinstadt Wallenfels gelebt haben. Vor einigen Wochen trennte sich das Paar, die Frau zog aus.

Unterdessen laufen die Ermittlungen in dem Anwesen in der oberfränkischen Kleinstadt weiter, in dem die Polizei die sterblichen Überreste der Neugeborenen gefunden hatte. Die Spurensicherung ist dort noch aktiv.

Bestürzung und Trauer

Die Trauer und Bestürzung sind weiter enorm. "Viele haben das Gefühl, ihre Welt ist völlig aus den Fugen geraten", sagte Wallenfels Bürgermeister Jens Korn (CSU) zum Volkstrauertag am Sonntag (15.11.15). Er hoffe dennoch, dass durch all die Trauer in Wallenfels auch etwas Positives entstehe: "Dass wir noch enger zusammenrücken und dass wir noch mehr aufeinander Acht geben."

Psychologen rätseln über Tatgründe

Was sie zu den schrecklichen Taten angetrieben haben könnte, das versuchen nun Psychologen zu ergründen. Kriminalpsychologin Monika Frommel geht von einem Fall verleugneter Schwangerschaften aus. Die ehemalige Direktorin des Instituts für Sanktionenrecht und Kriminologie an der Universität Kiel spricht von einem "Symptom, das es gibt, seit es Frauen gibt". Psychisch gestörte Frauen, die ihre Schwangerschaft nicht wahrhaben wollten, gebe es in allen Schichten der Gesellschaft.

"Das Interessante ist, dass die Schwangeren selber darauf hereinfallen", sagte Frommel. "Es ist medizinisch erwiesen, dass der Leibesumfang bei verleugneten Schwangerschaften deutlich kleiner ist." Diese Frauen reagierten erschrocken, wenn die Wehen einsetzten und die Geburt beginne. Auch die Männer behaupteten dann oft, nichts mitbekommen zu haben.

Hemmschwelle herabgesetzt

Die Frau habe offenbar niemanden gehabt, dem sie sich in dieser Situation habe anvertrauen können, so der Münchner Psychologe Klaus Neumann. Die 45-Jährige sei "emotional so fern vom Geschehen", dass sie in der Lage sei, so eine Tat zu vollbringen. Es höre sich zynisch an, sagte Neumann, aber: "Wer einmal diesen Schritt getan hat, bei dem ist die Hemmschwelle so herabgesetzt, dass es egal ist, ob er ein Kind umbringt oder mehrere." Für die Frau sei es offensichtlich nicht möglich gewesen, zu verhüten, die Schwangerschaften abzubrechen oder die Kinder abzugeben. Genauso müsse man sich fragen, was mit dem Vater der Kinder gewesen sei, dass diese Fragen in der Familie nicht angesprochen werden konnten.

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Gedenkort und Klagewand


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