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Ex-Hotel Lederer am Tegernsee Mit Hitler gegen den Abriss

Am Ufer von Bad Wiessee steht eine heruntergekommene Hotelruine – berüchtigt als Schauplatz des Röhm-Putsches. Der ehemalige Besitzer, Josef Lederer, wehrt sich seit Jahren gegen ihren Abriss. Ausgerechnet die Nazis sollen ihm dabei helfen.

Von: Nathalie Stüben

Stand: 10.08.2017

Josef Lederer humpelt in Richtung Treppenhaus. Vorbei am grünen Schimmel, der am Eingang wuchert. Vorbei am Putz, der von Decken bröckelt. Sein Fuß bereitet ihm Probleme. Doch sobald der 78-Jährige anfängt, über die nationalsozialistische Vergangenheit des Hauses zu referieren, scheint der körperliche Schmerz vergessen.

"Genau hier ist auch Adolf Hitler entlanggestürmt, kurz bevor er seinen Duz-Freund Röhm im ersten Stock verhaftete. Hier, hier ist das passiert! Dieses Haus ist ein Mahnmal. Und das wollen sie jetzt allen Ernstes abreißen!"

Josef Lederer, ehemaliger Besitzer des Hotels

Seine Hände fliegen durch die Luft, seine Stimme überschlägt sich, seine Augen füllen sich mit Tränen. Josef Lederer fühlt sich alleingelassen und missverstanden. Vor allem vom Denkmalschutz.

Nach der Machtergreifung wurde der SA-Chef Röhm zu mächtig. Hitler liquidierte ihn im Sommer 1934.

Ja, es war Adolf Hitler persönlich, der in den frühen Morgenstunden des 30. Juni 1934 mit vorgehaltener Pistole in den ersten Stock stürmte, um SA-Chef Ernst Röhm zu verhaften. Der und seine viereinhalb Millionen Mann starke Schlägertruppe waren zu mächtig geworden. Röhm wollte eine sogenannte zweite Revolution; die SA sollte die zentrale Ordnungsmacht des NS-Regimes werden.

Hitler ging das zu weit. Mit gefälschten Beweisen für einen vermeintlichen Putsch im Gepäck fuhr er nach Bad Wiessee, in eben jenes Hotel. Röhm und weitere hochgradige SA-Führer hielten sich dort zur Kur auf. Hitler ließ sie verhaften und kurz darauf ermorden. Diese Ereignisse markierten das Ende der SA und den Aufstieg der SS. Als "Röhm-Putsch" gingen sie in die Geschichte des Dritten Reichs ein.

Das alles klingt zunächst einmal danach, als würde es den Kriterien eines Denkmals genügen. Diese sind im Bayerischen Denkmalschutzgesetzes festgelegt. Demnach sind Denkmäler ...

"... von Menschen geschaffene Sachen oder Teile davon aus vergangener Zeit, deren Erhaltung wegen ihrer geschichtlichen, künstlerischen, städtebaulichen, wissenschaftlichen oder volkskundlichen Bedeutung im Interesse der Allgemeinheit liegt."

Gesetz zum Schutz und zur Pflege der Denkmäler, Art. 1 (1)

Das Zimmer, in dem Hitler Röhm verhaftete, sieht heute völlig anders aus als 1934.

Doch es gibt einen Haken: Josef Lederers Vater übernahm die damalige "Pension Hanselbauer" am Westufer des Tegernsees 1936 und taufte sie auf den Namen "Hotel Lederer". Rund 30 Jahre später übergab er an seinen Sohn. Innerhalb dieser Jahrzehnte ließen sowohl Vater als auch Sohn das Haus mehrfach verändern.

Bis in die Neunziger hinein wurde saniert, renoviert, neu gestaltet, an- und umgebaut. Das Zimmer, in dem Hitler damals Röhm überraschte, erhielt zum Beispiel ein Bad, neues Mobiliar und einen Teppich mit roten geschwungenen Ls.

Genau damit begründet der Denkmalschutz, warum er das Haus nicht in seine Liste aufnimmt – und somit zum Abriss freigibt:

"[Die] Besichtigung zeigte jedoch, dass das Gebäude über die Jahre hinweg mehrmals unwiederbringlich verändert worden war. Um eine geschichtliche Bedeutung benennen zu können, muss der Ort, an dem die Bedeutung festgemacht wird, anschaulich begreifbar sein […]. Die ehemalige Pension Hanselbauer, wie sich diese 1934 zeigte, ist aber nach den vielen Umbauten und Erneuerungen weder von außen noch im Inneren ablesbar."

Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege

Noch steht das frühere "Hotel Lederer" am Westufer des Tegernsees. Noch.

Josef Lederer kann und will das nicht begreifen. "Es sind doch dieselben Wände, dieses Haus ist ein Zeitzeuge!" Doch mit dieser Einschätzung steht er in Bad Wiessee ziemlich allein da. Möglicherweise rollen bereits im Oktober die Bagger für den Abriss an.

Der aktuelle Besitzer will ein neues Luxusresort ans Ufer setzen. Für Josef Lederer verschwindet mit seinem ehemaligen Hotel nicht nur ein bedeutender Teil seines Lebens. In seinen Augen verschwindet auch ein Stück deutsche Geschichte.


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Nic, Freitag, 11.August, 11:02 Uhr

15. Bausünden am Tegernsee

Mit keinem Wort wird das tatsächliche Baujahr des Hotels erwähnt, das wäre doch auch mitentscheidend für den Denkmalschutz.oder nicht? Das Problem ist ja am Tegernsee stehen schon viele Bausünden herum, Schuhschachtelarchitektur im Malerwinkel usw.. Wann begreift man dort endlich, dass das Ursprüngliche, die traditionelle Architektur, die Natur und die bayerische Kultur das eigentliche Kapital der Region sind. Niemand fährt zum Tegernsee um dort den Charme von Neuperlach zu erleben. Das Hotel Lederer würde jedenfall besser in die Landschaft passen, als irgendein schmuckloser Neubau, warum also nicht renovieren und das Hotel mit antiken Möbeln einrichten, ich denke das würde auch bei den Urlaubern und Einheimischen gut ankommen,.

KidRock, Freitag, 11.August, 02:48 Uhr

14. Ist doch egal

So lange es kein Steuergeld kostet, ist es doch egal, was damit passiert. Aber wenn der Begriff Denkmal fällt, muss man schon aufpassen. Wenn man sich das Berliner Stadtschloss so ansieht und weiss wie viel Geld darin versenkt wurde... Überhaupt ist es schon eine reife Leistung, ein Symbol eines undemokratischen Systems durch ein Symbol eines anderen undemokratischen Systems zu ersetzen.

steamtrain, Freitag, 11.August, 01:40 Uhr

13. Denkmal?

Also den Bürgerbräu-Keller hat man auch platt gemacht und ich denke der wäre wahrscheinlich ein besseres "Denkmal" gewesen.

Wolfgang, Donnerstag, 10.August, 20:22 Uhr

12. Passen wir auf daß de rBesitz uns nicht besitzt und lästig wird.

Betreff Abriß sollte der Ort überlegen ob eine weitere Luxusherberg wünschbar ist oder ob kosteneffektiv das Haus soweit renoviert werdne kann daß Urlauber dort preisgünstig bei kostendeckenden Preisen wohnen können.

Damit hiesige Normalbürger Urlaub im Land sich leisten können benötigt es nur saubere Zimmer mit Dusche ohne weiteren Firlefanz.

Betreff "Staatstreich von Oben" und Nacht der langen Messer, ist Geschichte.

da gilt was auch imemr NEU für schützenswert gehalten wird, im gleichen Umfang anderes als obsolet aus dem Schutz entlassen.

Volkswirtschaftlich die Gesamsumme von umbauten Raum von Baudenkmälern, Museums-Wand-Quadratmetern, Kuratorenstellen, Depotfläche und Regalmetern in Archiven kosntant halten.

50m NSU-Prozeß-Akten neu archivieren, bitte, dann 50m andere Akten verbrennen.

Museumsankauf einer Plastik weil "wichtig", ähnlich viel Volumen verkaufen.

10m² Bild "unbedingt" ersteigern, andere 10m² als unwichtig verkaufen.

Klaus Leist, Donnerstag, 10.August, 18:52 Uhr

11. Hotel Denkmal

Mir entzieht sich ein ernstzunehmender Grund, warum der Ort einer Verhaftung zu einem staatlich zu schützenden Denkmal werden soll. Hier wurde der schwächere durch den stärkeren Gauner aus dem Feld geräumt, getreu dem Bonmot: Die Revolution frisst ihre Kinder. Somit erhielt Hitler die alleinige Führung über die NSDAP. Was ist an diesem Sachverhalt schutzwürdig? Hitler gehört zu den größten Verbrechern des 20. Jahrhunderts, die Erinnerung an ihn muss nicht geschützt werden.