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Mobilität in München Spatenstich für zweite Stammstrecke

Fast zwei Jahrzehnte Planung münden seit 15 Uhr in den offiziellen Baubeginn der zweiten Stammstrecke für die Münchner S-Bahn. Wie der entlastende Bypass aussehen wird und warum er umstritten ist.

Von: Anton Rauch und Birgit Gamböck

Stand: 05.04.2017

3,8 Milliarden Euro wird die zweite Münchner Stammstrecke kosten, neun Jahre Bauzeit sind veranschlagt. 2026 sollen die ersten Züge durch die zwei sieben Kilometer langen Röhren in drei neue Bahnhöfe einfahren.

Bypass für verstopfte Verkehrsader

BR24 live auf Facebook

Wir berichten auf der Facebook-Seite von BR24 ab 15.00 Uhr vom Spatenstich am Münchner Marienhof. Seien Sie live dabei, wenn Bayerns größtes Bahnprojekt offiziell startet.

Mitten im Herzen Münchens wird der chronisch überlasteten Ader im bayerischen Nahverkehr ein lebenswichtiger Bypass gelegt. Die Operation beginnt am Nachmittag auf dem Münchner Marienhof. Dort werden Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), Ministerpräsident Horst Seehofer, der Bahnchef und die Verkehrminister von Bund und Land den Spatenstich setzen. Bis die Arbeiten mit großem Gerät auf dem Marienhof so richtig losgehen, werden aber noch viele Monate vergehen.

Drei Bahnhöfe tief unten

Die zweite Stammstrecke kommt als zweiröhriger Tieftunnel. Mit drei Stationen am Hauptbahnhof, am Marienhof und am Ostbahnhof in mehr als 40 Metern Tiefe soll die zweite Stammstrecke für S-Bahnen und Regionalzüge das Münchner S-Bahn-Netz leistungsfähiger machen. Versprochen sind Expresszüge und neue Verbindungen. Die Zahl der Züge durch die Innenstadt soll von etwa 30 auf 54 steigen. Schließlich hat die Metropolregion München heute schon fast drei Millionen Einwohner und ist Deutschlands Pendler-Hauptstadt.

"Jeder weiß, wie die Betriebssicherheit der S-Bahn nachgelassen hat. Die Zahl der Tage, wo es wieder mal heißt 'Störung auf der Stammstrecke', ist für mich unerträglich hoch geworden. Deswegen war es für mich das einzig Richtige, zu sagen, jetzt bauen wir diesen S-Bahn-Tunnel."

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter

Anwohner bezweifeln Nutzen

Kritiker bemängeln die hohen Kosten des Tunnels und sie bezweifeln den verkehrlichen Nutzen. Die Anwohner in Haidhausen, wo am Ostbahnhof eine riesige Baustelle droht, aber auch viele Pendler, sind skeptisch. Sie hätten einen Umlandring bevorzugt, der ihnen Stichfahrten bis in die Innenstadt ersparen würde. Die Bürgerinitiative Haidhausen will beim Spatenstich ihren Unmut äußern. Während sich Bahn und Politik am Marienhof vergräbt, werden die Gegner am Marienplatz vor dem Rathaus protestieren.

Infografik: Streckenverlauf und Bahnhöfe

Bürgerdialog und zwei Tage feiern

Um die Akzeptanz für das Milliardenprojekt zu erhöhen, feiert die Bahn heute und morgen am Münchner Marienhof ein großes Bürgerfest. Außerdem hat sie eine umfangreiche Infokampagne für die zweite Stammstrecke gestartet, mit einem Infopavillon, Bürgerversammlungen und im Internet.

Das Bürgerfest am Marienhof

Die Bahn lässt es zum Baustart krachen. Zwei Tage lang wird gefeiert, mit einer Schlemmermeile, Kinderattraktionen und Live-Acts. Höhepunkte sind die Auftritte der Wise Guys am 5. April um 17.00 Uhr und der CubaBoarischen am 6. April um 20.00 Uhr. Das Festgelände auf dem Marienhof ist an beiden Tagen jeweils von 14 bis 21 Uhr geöffnet. Moderiert wird die zweitägige Veranstaltung von BR-Moderatorin Fumiko Lipp.

Zehn Jahre Baustelle

Das Bauvorhaben ist gigantisch. Mit insgesamt vier Tunnelvortriebmaschinen mit Bohrköpfen von jeweils über acht Meter Durchmesser wird gegraben. Im Westen und im Osten wird es während der Bauarbeiten jeweils ein Betriebsgleis geben, mit dem die Bahn Aushub abstransportieren und Baumaterial herbeischaffen wird. Diese Verladestationen werden hinter der Donnersberger Brücke und beim Leuchtenbergring entstehen. Vor allem dort, wo die neuen Bahnhöfe gebaut werden, wird der Lkw-Verkehr dennoch drastisch.

"Natürlich wird es viele Baustellen in München geben, die auch ihre verkehrlichen Einflüsse haben. Aber wir werden definitiv nicht die nächsten zehn Jahre die Stadt lahmlegen."

Markus Kretschmer, Planungschef für den Bau der zweiten Stammstrecke

Der gebürtige Münchner weiß, wovon er spricht. Er hat unter anderem 2013 und 2014 für den Wüstenstaat Katar den U-Bahnbau anlässlich der Fußball-WM 2022 geleitet. 100 km Tunnel werden dort unter den Wüstensand getrieben. Da sollten sieben Kilometer in München doch zu schaffen sein.


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Poca Hontas, Freitag, 07.April, 14:54 Uhr

3. Grablegung für Münchens ÖPNV

Schwarze Tage für Münchens und Bayerns öffentlichen Verkehr, so muss man den 5. und 6.4.17 wohl nennen! Der Tunnelbau-Lobbyismus siegt über jedwede Vernunft und vor allem über die Bürgerinteressen, die mit alternativ-faktischen Parolen getäuscht werden. Dabei sit es leider so: Sündhaft teuer wird der Tunnelbau, nur drei Haltestellen und keine einzige neue Umsteigeverbindung bringt er, eine Takt-VERSCHCHLECHTERUNG für die S-Bahn Außenäste, und das alles nach (mindestens) zehnjähriger Bauzeit. Der dringend nötige Südringausbau sowie ALLE anderen Ausbauten des öffentlichen Nahverkehrs in ganz Bayern werden in dieser Zeit lahmgelegt sein, da das Geld dafür fehlen wird. Und wer profitiert wirklich davon? Dazu würde man sich viel mehr journalistische Darstellung wünschen!

Wolfgang Hesse, Freitag, 07.April, 09:57 Uhr

2. Tieftunnel München (sog. 2. Stammstrecke)

54 Züge = eine neue Nebelkerze
Das vorliegende Betriebskonzept weist 33 Züge pro Stunde für beide Strecken zusammen aus. Das sind gerade mal 10 % Zuwachs für 3,85 Mrd. Euro. Die jetzt plötzlich aus dem Hut gezauberten 54 Züge sind durch kein belastbares Konzept abgedeckt. Wo sollen sie auch herkommen? Alle 7 Außenstrecken im 10 Minuten-Betrieb würden maximal 7*6 = 42 Züge erfordern. Die könnte man mit 1. Stammstrecke, Süd- und Nordring perfekt bedienen.
Das nur als Beispiel für die ständige und andauernde Vernebelungstaktik über dieses durch und durch verkorkste Projekt, das unendliche Profite für die Bau- und Immobilienwirtschaft, aber fast nur Nachteile für die Fahrgäste bringt.

Uli, Mittwoch, 05.April, 23:39 Uhr

1. Dreiste Behauptungen der Politiker in Bezug auf andere Verkehrsprojekte

Dass endlich der Bau der 2. Stammstrecke begonnen wird, finde ich sehr erfreulich. Dass unsere Politiker aber behaupten, dass dadurch andere Projekte nicht benachteiligt werden, finde ich absolut dreist. Es ist schlichtweg eine Lüge! Wir wohnen in der Großen Kreisstadt Fürstenfeldbruck, die, obwohl stündlich mehrere Züge des Regional- und Fernverkehrs in Richtung Allgäu/Schweiz durch den Bahnhof rasen, nicht an den Regionalverkehr angeschlossen ist - und zwar, weil der Bahnhof baulich dafür nicht geeignet ist (zu niedrige Bahnsteige etc.). Auf unsere Nachfrage, wann es zu einer Sanierung käme, wurde uns von Seiten der Stadt gesagt, dass das aus finanziellen Gründen erst nach dem Ausbau der 2. Stammstrecke angegangen werden könnte. Dies ist ein offensichtliches Beispiel dafür, dass wegen der 2. Stammstrecke andere Projekte nicht realisiert werden können. Das ist den Herren Herrmann, Söder und Co. wohl nicht bewusst - oder sie lassen absichtlich die Bevölkerung darüber im Unklaren.