123

Zornedinger Pfarrer Kardinal Marx steht hinter Rücktritt

Der Erzbischof der Erzdiözese München und Freising, Reinhard Marx, hat den Rücktritt des Pfarrers von Zorneding nach Morddrohungen als richtigen Schritt bezeichnet. "Es war ja keine spontane Aktion", sagte er am Rande der Freisinger Bischofskonferenz in Passau.

Von: Von Julia Binder und Birgit Grundner

Stand: 10.03.2016

Kardinal Reinhard Marx | Bild: picture-alliance/dpa

"Wir müssen aber jetzt alles tun, dass für ihn ein neuer Beginn möglich ist", so der Vorsitzende der Freisinger Bischofskonferenz zum Abschluss der zweitägigen Frühjahrsvollversammlung in Passau.

Dem Hass entgegentreten

Das Ziel sollte sein, in Zorneding wieder ein Klima des Vertrauens und guten Zusammenlebens zu erreichen.

"Wir sollten mit Ruhe und Gelassenheit, aber entschieden jedem Anflug von Hass entgegengetreten."

Kardinal Reinhard Marx

Die bayerischen Bischöfe beklagten einen mangelnden gegenseitigen Respekt und den Hass insbesondere in den sozialen Netzwerken und bei öffentlichen Kundgebungen. Wir müssen zu einer Debattenkultur zurückkehren, die vom Respekt und Anerkennung des Fremden geprägt sei, sagte Marx. Rassismus habe dort keine Chance hat, wo Menschen sich in ihrer kulturellen und religiösen Unterschiedlichkeit kennen- und gegenseitig respektieren lernen.

Zornedingern solidarisieren sich mit Pfarrer

Auf einer Kundgebung am Mittwochabend im oberbayerischen Zorneding haben mehr als 2.500 Menschen gegen Ausländerhass demonstriert. Ein Zeichen der Solidarität für den Priester, der nach rassistischen Morddrohungen zurückgetreten war.

Auch viele Kinder und Jugendliche nahmen an der Kundgebung auf dem Rathausplatz des oberbayerischen Ortes teil. Das Bürgerbündnis "Bunt statt Braun" hatte unter dem Motto "Rassismus entgegentreten!" zu der Kundgebung aufgerufen. 

Zu sehen waren Plakate mit Aufschriften wie "Oliver, wir stehen hinter dir" oder "Wofür steht eigentlich das C in CSU?" Unter anderem sprachen der evangelische Pfarrer, sowie die zweite Bürgermeisterin von Zorneding und die Vorsitzende des Asylhelferkreises bei der Solidaritätskundgebung. Zudem spielte eine Band.

Nach der Kundgebung formierten sich die Menschen zu einer Lichterkette. Fast alle hatten Kerzen oder Laternen dabei.

"Wir sind hier um Flagge zu bekennen, und um zu zeigen, dass ein Großteil der Zornedinger vielfältig und bunt ist. Dass wir uns dagegen stemmen, wenn einige wenige Gestrige meinen, sie müssen Menschen nur auf Grund ihrer Hautfarbe ausschließen und diskriminieren."

Zornedinger

Gegen eine menschenverachtende Hetze

Auch Prominente unterstützten die Kundgebung. Unter anderem waren Margarete Bause, Fraktionschefin der Grünen im Landtag, sowie Natascha Kohnen, Generalsekretärin der Bayern-SPD, und der Erzpriester der griechisch-orthodoxen Gemeinde in München, Apostolos Malamoussis, vor Ort.

"Wir wollen es nicht hinnehmen, dass in unserer Mitte Menschen durch Drohungen und Gewalt vertrieben werden. Alle diejenigen, die hetzen, alle, die wegschauen, alle, die schweigen, bereiten dadurch den Weg für die Brandstifter und für menschenverachtende Hetze."

Organisatoren der Kundgebung

Zur gleichen Zeit haben Jugendliche in der Gedenkstätte in Auschwitz-Birkenau Kerzen angezündet, um sich solidarisch mit Zorneding zu zeigen. Denn dem Zornedinger Pfarrer wurde unter anderem mit den Worten "Ab mit dir nach Auschwitz" gedroht.

"Einen Menschen hierher zu wünschen - das ist so giftig, so entsetzlich, so schäbig, so ekelhaft von gestern. Aber man kann so einen Drecks-Satz heute nicht mehr sagen, ohne dass einem laut und deutlich von vielen, vielen Menschen widersprochen wird: Und deswegen stehen wir alle heute Abend zusammen."

Aus der Solidaritätsbekundung der Jugendlichen an der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau

Trotz Solidaritätskundgebung keine Rückkehr

Olivier Ndjimbi-Tshiende

Olivier Ndjimbi-Tshiende wird aber trotz der Solidaritätsbekundungen auf der Straße, in Briefen und im Internet nicht in sein Amt zurückkehren. Das hat das Erzbistum München und Freising im Vorfeld der geplanten Lichterkette klar gestellt.

Einige Menschen auf der Solidaritätskundgebung sind enttäuscht, dass Pfarrer Ndjimbi-Tshiende nicht zurückkehren wird. Sie kritisieren, dass es erst zur Eskalation kommen musste, bis endlich etwas geschieht.

"Eigentlich schäme ich mich dafür, dass wir das nicht schon im November gemacht haben. Aber heute ist die allerletzte Sekunde, wo wir das tun müssen."

Zornedingerin

Aussöhnung mit ehemaliger CSU-Ortsvorsitzenden

Pfarrer Ndjimbi-Tshiende lässt über das Ordinariat mitteilen, dass er ohne Zorn oder Verbitterung auf seine Jahre in der Pfarrei zurückblicke. Insbesondere sei es ihm wichtig zu betonen, dass er sich mit der ehemaligen CSU-Ortsvorsitzenden Sylvia Boher ausgesprochen und versöhnt habe. Selbst gegenüber den Medien äußern will sich der Geistliche nicht.

Das Erzbistum München und Freising trage die Entscheidung des Priesters mit und bedauere sie. Welche Aufgabe er im Erzbistum in Zukunft übernimmt, ist noch nicht geklärt. Die Gottesdienste in der Pfarrei Zorneding werden bis auf Weiteres durch Vertretungspriester wahrgenommen.

Große Resonanz auf Online-Petition

Auch im Netz ist die Solidarität mit Pfarrer Olivier Ndjimbi Tshiende groß, die Onlinie-Petition "Unser Pfarrer soll in Zorneding bleiben" haben innerhalb eines Tages mehr als 50.000 Menschen unterzeichnet. Der Geistliche hat die Gemeinde allerdings bereits verlassen. Nach Auskunft des Ordinariats hat er nach der Rücktrittsankündigung vom Wochenende um seine sofortige Beurlaubung gebeten.

"Er ist weg", sagte ein Sprecher des Erzbischöflichen Ordinariats. Die Kirchenleitung rechnet nicht damit, dass eine Online-Petition den katholischen Priester umstimmen kann. Mittlerweile haben über 64.000 Menschen die Aufforderung "Unser Pfarrer soll in Zorneding bleiben" unterschrieben.

Die Katholische Pfarrkirche von Zorneding

Am Sonntag hatte Olivier Ndjimbi-Tshiende die Gemeinde im Gottesdienst über seinen Weggang aus der Pfarrei unterrichtet. Ausschlaggebend seien "die Erfahrungen der letzten Zeit." Die Situation sei sehr belastend für ihn gewesen. Näheres führte er nicht aus.

Riesiger Rückhalt für den Pfarrer

Die Kirchengemeindemitglieder reagieren zum Teil schockiert. Der evangelische Pfarrer Manfred Groß berichtet, sein katholischer Kollege habe ihm mehrmals erzählt, dass er auch in seiner Zeit vor Zorneding immer wieder wegen seiner Hautfarbe beleidigt worden sei.

Julia Peters Klopp, die aus Zorneding stammt, hat die Petition initiiert.

"Dieser Vorgang ist deshalb so entsetzlich, weil Pfarrer Olivier nicht geht, weil er möchte. Er geht, weil er Morddrohungen erhalten hat, nachdem er sich gegen fremdenfeindliche Äußerungen lokaler Politiker positioniert hatte. Wenn wir den Weggang des Pfarrers nun stillschweigend akzeptieren, überlassen wir kriminellen Nationalsozialisten das Feld. Wir signalisieren, dass es in Deutschland wieder so weit ist, dass eine Gruppe, die Angst verbreitet, nicht mit Gegenwehr zu rechnen hat."

Aus der Petition von Julia Peters-Klopp

Deshalb möchte die Initiatorin der Petition, Julia Peters-Klopp, dass "unser Pfarrer bleibt - und dass die Bevölkerung aufbegehrt gegen diese Art der Machtergreifung".

Ende einer Eskalation

Es ist das Ende einer Eskalation - ein Musterbeispiel dafür, was Worte anrichten können. Im Oktober 2015 hatte die Zornedinger CSU-Politikerin Sylvia Boher im Parteiblatt "Zorneding Report" gegen eine "Invasion" afrikanischer "Militärdienstflüchtlinge" gehetzt. Der Pfarrer - ein gebürtiger Kongolese - widersprach ihren Thesen, worauf Bohers Parteifreund Johann Haindl ihn als "Neger" titulierte (siehe Kasten unten). In den folgenden Monaten erhielt Ndjimbi-Tshiende Schmähbriefe und massive Drohungen, bis er jetzt einen Schlussstrich zog.


123

Keine Kommentare mehr möglich. Hinweise zum Kommentieren finden Sie in den Kommentar-Spielregeln.)

Carolin, Sonntag, 13.März, 10:35 Uhr

44.

Ich wohne im Norden Deutschlands und kann zu den Vorfällen in Zorneding nicht viel sagen - Trotzdem: Morddrohungen sind inakzeptabel und schlimm, ich befürchte sie richten sich aktuell gegen viele Leute, nicht nur in rechtsextremer, auch in linksextremer Version. Ich erlebe hier in der Gesellschaft durch Politik gefördert und ebenso oftmals durch einen Medienapparat, der mitzieht, dass jedoch angebrachte Kritik zur Flüchtlingspolitik am Liebsten im Keim erstickt werden soll, bevorzugt durch Titulierung man wäre ja rechts, kurzgesagt: Kritik nicht gestattet. Das kann nicht die Zukunft für Deutschland und seine z,T. schwer errungenen Grundwerte sein. Auch das finde ich muss gesagt sein. Von außen betrachtet fliehen tatsächlich viele junge Männer vorm Militärdienst. Persönlich fürchte ich, dass wir die Welt nicht retten, indem wir alleinig alle aufnehmen, insbes. nicht, wenn sich darunter viele Wirtschaftsflüchtlinge befinden, von denen einige (!) ein ganz anderes Rechtsverständnis haben.

bondestave, Donnerstag, 10.März, 22:42 Uhr

43. Neuer Pfarrer

Wie lange wird der polnische Ersatz-Pfarrer, der zufällig greifbare italienische Monsignore, der irische Priester, ein flämischer Parochiepaap, ein niedersächsischer oder Paderborner Amtsbruder in Zorneding geduldet werden, bis denen jemand mit dem nackerten ..... ins Gesicht springt? Ist der Zorneding-genehme Priesternachwuchs schon in der Ausbildung? Liegen die Bewerbungen für die Pfarrstelle den zuständigen CSU-Gremien schon vor? Es ist beschämend, was da abläuft?

Wutbürger, Donnerstag, 10.März, 21:22 Uhr

42. Klartext

Es wäre schön, wenn auch der durchgeistigte Marx zurücktreten würde. Der kann sich nach Afrika absetzen und dort seiner Berufung nachgehen: die Bemitleidung der schwarzen Bevölkerung! Da er zu alt ist, auf Imam umzuschulen, kann er sich ja in einer christlichen afrikanischen Gemeinde niederlassen. Geh mit Gott, Marx, aber geh...

Rütten Heinz-Theo + Walburga, Donnerstag, 10.März, 17:09 Uhr

41. Priester verläßt Zorneding

Es ist mehr als traurig, das ein Priester in Deutschland so angegriffen und bedroht wird, der sich der Armen und Verlassenen anvertraut, um sein Leben kämpfen muß.
Die Gemeinde weis was sie verlieren, wir wünschen dem Priester alles Gute und Gottes Segen. Wir beten für Ihnen und die Gemeinde.

  • Antwort von Mittsechziger, Donnerstag, 10.März, 21:25 Uhr

    Der kann sich in Afrika noch vielen Armen und Verlassenen widmen. Denn hier wäre er doch reif für die Rente gewesen. Dort kann er sich nützlicher einbringen. Wird nicht so viel verdienen wie hier, aber dort lebt es sich preiswert. Es gibt so viel reales Elend in den armen Ländern, da kann er sich mal praktisch einbringen, anstatt im Exil von Mitleid und Hilfe herum zu salbadern.

  • Antwort von Wolf, Freitag, 11.März, 19:24 Uhr

    @mittsechziger(da dauerts ja nimmer sooo lang)
    Hass und Häme,mehr haben sie ja wohl nicht drauf, die Republik kann auch auf sie sehr gut verzichten. Da Zahl ich lieber für farbige Mitbürger in die Rentenkasse als für " Biodeutsches" Gesindel.

Thomas, Donnerstag, 10.März, 15:50 Uhr

40. Hat wohl etwas Zeit gebraucht

bis sich Herr Kardinal Marx entschlossen hat öffentlich dazu Stellung zu beziehen. Na ja, besser spät als nie.