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Wirtshaus-Gast bricht sich Sprunggelenk Anwalt fordert "Stuhlprobe" vor dem Essen

In einem Wirtshaus in Wolnzach will ein Mann sein Schnitzel genießen. Dann kracht der Stuhl unter ihm zusammen, der Gast bricht sich das Sprunggelenk. Er will Schmerzensgeld. Sein Anwalt findet, eine "tägliche Stuhlprobe" hätte der Wirt schon vornehmen müssen.

Von: Susanne Pfaller

Stand: 20.06.2017

Der Wirtshausstuhl | Bild: BR-Studio Ingolstadt

Es war im November 2015, als sich der Wirtshausbesucher in Wolnzach im Landkreis Pfaffenhofen sein linkes Sprunggelenk brach. Eigentlich wollte er sein Schnitzel essen, aber der Stuhl krachte unter ihm zusammen. Offenbar, weil die Verleimung der Sitzfläche mit der Leiste, in der wiederum die Stuhlbeine befestigt sind, nachgegeben hatte.

Vor dem Landgericht Ingolstadt klagt der Mann auf 10.000 Euro Schmerzensgeld und 1.500 Euro Schadensersatz für Physiotherapiekosten.  

Anwältin des Beklagten: Rüttel-Pflicht ist praxisfremd

In dem Streit hat die Richterin einen Gast befragt, der den Unfall beobachtet hat. Auch die Cousine des Wirtes war als Zeugin geladen. Klar wurde, dass der Stuhl just in dem Moment aus dem Leim ging, als der auf ihm sitzende Gast sein Schnitzel verspeisen wollte. Offen blieb die Frage, wie alt der besagte Stuhl genau war und warum die Verleimung nicht mehr gehalten hat.

Nach Ansicht von Hermann Hammermeier, Rechtsanwalt des Klägers, trifft den Wirt eine weitreichende Verkehrssicherungspflicht. Dazu gehört nach seiner Rechtsauffassung auch eine "tägliche Stuhl-Probe". Demnach hätte der Wirt täglich an seinen Wirtshausstühlen rütteln müssen, um zu sehen, ob diese noch sicher sind.

Dieser Auffassung widersprach die Anwältin des Wolnzacher Wirts, Iris Maria Jandel. Die Juristin nannte eine derartige Rüttel-Pflicht praxisfremd. Die Stühle in der Wolnzacher Wirtschaft seien maximal 20 Jahre alt und entsprächen "voll dem Standard in bayerischen Wirtstuben".  

Stühle regelmäßig in der Hand

Da vor dem Unglücksfall im November nichts auf einen Defekt des Stuhles hingewiesen hätte, sei ihr Mandant nicht in der Verantwortung. Zudem hätten er und seine Hilfe die Stühle beim Reinemachen regelmäßig in der Hand und würden diese kontrollieren. Die Richterin wird ihre Entscheidung erst am 11. Juli verkünden. Schon heute machte sie deutlich:

"Einen täglichen Rüttel-Test praktiziert wohl keine Wirtschaft in ganz Bayern!"

Richterin

Ein Vergleich in dem Streit ist ausgeschlossen. Darauf wies die Rechtsanwältin des Beklagten hin. Seine Haftpflichtversicherung wolle für künftige Fälle keinen Präzedenzfall schaffen.  


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Helmut, Dienstag, 20.Juni, 22:04 Uhr

3. Stuhlprobe

Den Begriff "Stuhlprobe" habe ich bisher immer anders verstanden. ;-)

Erfahrungssammler, Dienstag, 20.Juni, 16:58 Uhr

2. Allgemeines Lebensrisiko

Wenn etwas passiert, muß in unserem System grundsätzlich ein Schuldiger her, sonst hätten ja die Heerscharen von Rechtsverdrehern kein Brot mehr.
Also: erst mal klagen.
Früher lief sowas unter allgemeinem Lebensrisiko bzw. selber schuld oder vielleicht noch blöd gelaufen, Pech gehabt.

Jose, Dienstag, 20.Juni, 12:40 Uhr

1. Stuhlprobe ...


Natürlich muss man für einen technisch guten Zustand sorgen und die Versicherung sollte diesen Schaden auch begleichen, doch täglich an jedem Bein rütteln?
Wenn ja wie stark? Prüfprotokoll? Prüfvorrichtung?

Zumal der Gast ja bereits einige Zeit auf dem Stuhl gesessen haben muss wenn er erst beim Futtern zerbrochen ist... da hätte er doch zuvor ein Wackeln oder Knarzen feststellen müssen... Dieser Kommentar wurde von der BR-Redaktion entsprechend unseren
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