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Listerien-Skandal bei Sieber Behörden-Übereifer für Insolvenz verantwortlich?

Der Fall Sieber wandert noch lange nicht zu den Akten. Der Insolvenzverwalter erhebt schwere Vorwürfe gegen das Landratsamt Bad Tölz im Listerien-Skandal. Hat es möglicherweise überreagiert und zudem schlampig gearbeitet?

Von: Elmar Voltz und Anton Rauch

Stand: 23.09.2016

Großmetzgerei Sieber in Geretsried | Bild: picture-alliance/dpa

Der Fall Sieber entwickelt sich mehr und mehr zu einem Wirtschaftskrimi. Seit Wochen beschuldigen Sieber-Chef Dietmar Schach und Insolvenzverwalter Josef Hingerl die verantwortlichen Behörden der Schlamperei. Der Firmeninhaber und der Insolvenzverwalter behaupten, durch die Reaktion der Behörden sei Sieber in die Insolvenz getrieben worden.

Streitpunkt "Nachpasteurisierung"

Ein Kernpunkt des Streits: Nach Darstellung das Landratsamts Bad Tölz-Wolfratshausen hat Sieber keine nachpasteurisierte Ware hergestellt. Durch die sogenannte Pasteurisierung werden Keime und Mikroorganismen durch Erhitzen abgetötet. Das Landratsamt gab hierzu an:

"20.05.2016: Kontrolle des Betriebes durch die Spezialeinheit Lebensmittelsicherheit des LGL Oberschleißheim, die Regierung von Oberbayern und das Landratsamt Bad Tölz-Wolfratshausen mit umfangreicher Probenentnahme. Es wird festgestellt, dass die Firma Sieber keine in der Verpackung pasteurisierten Produkte herstellt."

Auszug aus der Pressemitteilung des Landratsamts vom 8.9.

Dokumente, die dem BR vorliegen, widersprechen den Behörden

Der Insolvenzverwalter erhebt schwere Vorwürfe.

Der Insolvenzverwalter dagegen sagt, dass Sieber sehr wohl nachpasteurisierte Ware hergestellt habe und 120 Tonnen Lebensmittel völlig zu Unrecht vom Markt genommen und vernichtet worden seien. Durch die Nachpasteurisierung habe keine Gefahr mehr durch Listerien bestanden. Sieber hätte diese Ware verkaufen können und wäre damit nicht ruiniert gewesen, so Hingerl.

Dem Bayerischen Rundfunk liegen umfangreiche Dokumente vor, die die Version des Insolvenzverwalters stützen. Sie belegen eindeutig, dass Sieber seit vielen Jahren Produkte herstellt, die nach dem Vakuumverpacken nachpasteurisiert werden.

Firmeninhaber Schach konnte dazu Dokumentationslisten über einzelne, von Mitarbeitern überwachte und unterschriebene Nachpasteurisierungsvorgänge vorlegen, darüber hinaus auch Datenblätter und Diagramme zur Temperaturkontrolle während des Erhitzens sowie zahlreiche Spezifikationsvereinbarungen mit Supermarktketten, in denen die Nachpasteurisierung und damit die Haltbarkeit der verschiedenen Produkte klar festgelegt wird.

Sieber Eigentümer Dietmar Schach

"Zusätzlich zu dieser maschinellen Erfassung wird nochmal ein Zeugnis, eine handschriftliche Urkunde verfasst, in der dieser Prozess nochmal dokumentiert wird. Mit den einzelnen Schritten, mit dem Mitarbeiter, mit der Kammer, in der der ganze Vorgang passiert ist und mit dem Erreichen der gewünschten Temperatur."

Dietmar Schach

Warum das Landratsamt trotzdem an seiner Behauptung festhält, ist für Schach unerklärlich:

"Das ist dieses, für meine Begriffe unfassbare Verhalten des Landratsamtes, weil man sich niemals die Mühe gemacht hat die Dinge wirklich anzuschauen und einfach hier eine Entscheidung getroffen hat, die aus meiner Sicht mit Tatsachen niemals zu begründen ist."

Dietmar Schach im BR-Interview

Listerien-Stamm CT1248

Unbestritten ist bislang: In einigen Sieber-Produkten wurde der Listerien-Stamm CT1248 gefunden, der deutschlandweit für rund 80 Erkrankungsfälle und bis zu acht Todesfälle verantwortlich sein soll.

Zwei Produkte von Sieber, die seit vielen Jahren standardmäßig nachpasteurisiert werden.

Bis auf einen Fall, das "original bayerische Wacholderwammerl" vom 16. März 2016, waren jedoch alle weiteren im Handel genommenen Proben von Sieber unterhalb des zulässigen Grenzwertes. Die Ware hätte damit als unbedenklich und verkehrsfähig gelten müssen.

Die Behörden argumentieren anders: Im Sinne des Verbraucherschutzes habe man den Ursprung dieses Erregers herausfinden wollen, und dabei habe alles auf die Produktion der Firma Sieber hingedeutet.

Im Betrieb der Firma Sieber wurde aber in für den Verkauf bestimmten Produkten nie ein positiver Listerien-Befund festgestellt, so Insolvenzverwalter Josef Hingerl. Das Landratsamt argumentiert dagegen mit einer Probenliste, in der Listerienfunde aus dem Sieber-Werk dokumentiert sind. Aber auch hierzu liegen dem Bayerischen Rundfunk Dokumente vor, die belegen, dass ein Teil dieser Proben falsch bewertet worden ist und Sieber damit, in diesem Punkt, zu Unrecht belastet wird.

Landratsamt verteidigt Schließung von Sieber und Lebenmittelvernichtung

Auch wenn sie für Sieber den Ruin bedeuten - die Maßnahmen der Behörden scheinen erfolgreich gewesen zu sein. Denn seit dem Produktionsstopp bei Sieber ist kein weiterer Listerien-Fall mit dem betroffenen Keim CT1248 mehr gemeldet worden, wie das Robert Koch Institut am Donnerstag auf BR-Anfrage bestätigt hat. Vorher habe man 2-3 Fälle im Monat gehabt, so das RKI. Auch der Tölzer Landrat Josef Niedermaier verteidigt die Vorgehensweise seines Hauses. Aus behördlicher Sicht sei der Fall Sieber "wasserdicht":

Josef Niedermaier

"Man hat bei Sieber sehr genau überlegt, was da sein könnte und hat die Maßnahmen danach abgestimmt. Man hat verboten, dass die Firma Sieber Ware in den Verkehr bringt. Und zu dieser Aussage stehen die Behörden übergreifend, vom Ministerium bis zum Landratsamt."

Landrat Josef Niedermaier

Listerienquelle im Betrieb gefunden

Niedermaier erwähnt in diesem Zusammenhang noch ein weiteres, bislang unbekanntes Detail. In einem vertraulichen Hygiene-Gutachten, das dem BR vorliegt, wird erstmals eine Quelle für die Listerien-Kontamination in der Produktion bei Sieber genannt: An einem Transportförderband sei ein so genannter "Hotspot" gefunden worden. Dieser müsse als die "wahrscheinliche Kontaminationsquelle gesehen werden", so das Gutachten. "Der Hygiene-Spezialist hat uns seine Verdachtsmomente gezeigt und die waren plausibel", so Niedermaier.

Kein Geld, um Produktion wieder aufzunehmen

Insolvenzverwalter Hingerl bleibt hartnäckig. Er habe Verständnis dafür, dass alle Seiten mit großer Nervosität an den Fall Sieber herangegangen sind, aber jetzt solle der Freistaat für das überzogene und teils fehlerhafte Handeln seiner Behörden gerade stehen und Schadensersatz leisten. Denn nur dann könne er, Hingerl, den Betrieb retten, einen Teil der Arbeitsplätze erhalten und irgendwann die Gläubiger bezahlen.

Der Insolvenzverwalter könnte die Produktion wieder aufnehmen, eine entsprechende Erlaubnis liegt vor. Allerdings fehlen die finanziellen Mittel. Josef Hingerl fordert deshalb eine Million Euro Entschädigung vom Freistaat Bayern und eine Bürgerschaft von zwei Millionen Euro, um den Betrieb wieder aufnehmen zu können.


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Kommentare

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Parteispende hilft immer, Freitag, 23.September, 21:14 Uhr

13. Lauter Spezln

Ob MUELLER-BROT

Ob BAYERN-EI

die CSU ist stets dabei.

Grantler, Freitag, 23.September, 18:48 Uhr

12. Behörden sind immer schuld

Man kann es dem BR einfach nicht recht machen: am Anfang haben die Behörden nicht gut genug hingesehen. Jetzt sind die Behörden übereifrig gewesen und jede Behauptung der Sieber-Anwälte wird medial aufgeblasen, Dass ein Betrieb für das, was er macht, zunächst selbstverantwortlich ist, reicht anscheinend nicht für eine Schlagzeile. .Auf alle Fälle kann es bei nachgewiesenen Listerien mit der mysteriösen " Nachpasteurisierung " nicht so ganz geklappt haben.

danke für nichts, Freitag, 23.September, 17:53 Uhr

11. Toller Job

zahlen das schon die Politiker und Behördenmitarbeiter selbst? Nein. Haha. Die Steuerzahler dürfens zahlen. super job.

Lutz Schnelle, Freitag, 23.September, 13:12 Uhr

10. Diktaturabgabe und Meinungsentsorgung

Listerien sind nicht sehr gesund, aber richtig ungesund ist die hochfrequente multiple Strahlung, mit der wir nicht nur von den Netzanbietern, sondern auch von der GEZ geröstet werden.

Wir suchen uns immer die Probleme heraus, die andere fertig machen, aber verheimlichen die, die wir selber verursachen. Die GEZ postuliert Sparsamkeit und säuft selber Champus, eine Unverschämtheit, so werden Demokratie und Meinungsfreiheit kontaminiert. Die GEZ sitzt im System wie ein Parasit, die ist nur noch sich selber für Milliardenvergeudung verantwortlich. Die GEZ soll sich marktwirtschaftlich orientieren, damit mal klar wird, was übrig bleibt.
Eine Weltanschauung, die dogmatisch daher kommt, ist Diktatur. Sich hinzustellen und "Demokratieabgabe" und "Grundversorgung" zu postulieren, das tut nur ein Lümmel.
Unserem Land kann nur ein Gesamtpaket helfen, mit dem größenwahnsinnige und aus dem Ruder gelaufene Projekte reformiert werden. Basteleien im System führen zu einem Flicklappen.

  • Antwort von waldler, Freitag, 23.September, 17:13 Uhr

    Können Sie Ihren Kommentar bitte noch einmal in klaren und auch verständlichen Worten wiederholen? Ich kann nämlich überhaupt keinen Zusammenhang mit dem BR-Artikel erkennen, außer vielleicht marginal in den ersten 5 Worten Ihres Kommentares.
    Bitte klären Sie mich auf, damit ich nicht dumm sterbe!

Oberbayer, Freitag, 23.September, 12:43 Uhr

9. Behörden-Übereifer verantwortlich?

Wird nun der Steuerzahler für die Folgen aufkommen / bezahlen müssen? Wundern würde mich das nicht.

  • Antwort von Ludwig, Freitag, 23.September, 15:46 Uhr

    Klar zahlt das der Steuerzahler. Wer finanziert denn die Behörden? Eben diese Behörden tun dann oft so als wären wir Untertanen.