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Einer der letzten Zeitzeugen Holocaust-Überlebender in Rosenheim

Der Holocaust-Überlebende Shlomo Graber hat heute in Rosenheim vor rund 1000 Schülern gesprochen. In der Aula des Ignaz Günther-Gymnasiums sind am Dienstag Schüler aus drei Rosenheimer Gymnasien zusammenkommen.

Von: Dagmar Bohrer-Glas; Susanne Pfaller

Stand: 20.06.2017

Shlomo Graber | Bild: Dagmar Bohrer-Glas / BR

Sein Name bedeutet so viel wie "friedfertig". Dazu passt der Titel seines jüngsten Buches: "Der Junge der nicht hassen wollte", das vergangenen Herbst erschienen ist. Viele Anfragen hatten ihn im vergangenen Jahr erreicht, dass er doch zu einer Lesung kommen möge. Keine einzige nahm Graber an. Aber jetzt  - als die Anfrage aus Rosenheim kam – sagte er zu. Warum – bleibt offen. Jedenfalls ist sein Besuch, vielleicht einer seiner letzten in Deutschland, auch deswegen ein ganz besonderer Moment.

Vor den Schülern hat der Zeitzeuge rund eineinhalb Stunden völlig frei und ohne Skript gesprochen.

"Ich kenne alle Daten noch auswendig. Mein Gedächtnis ist immer noch treu zu mir. Heute geh ich gerne in die Schule - die Jugend kann das (meine Erinnerungen Anm.d.Red.) weitertragen."

Zeitzeuge Shlomo Graber

In der Aula war es heiß und stickig. Lärmend zogen die Schüler ein, doch sobald Shlomo Graber anfing zu sprechen, hörten die Schüler gebannt und schweigend zu.

"Man hat das ja nicht alle Tage, dass man jemanden trifft, der aus dieser Zeit stammt und das Ganze überlebt hat. Auch dass jemand darüber reden will, ist ja keine Selbstverständlichkeit. Es war schon wirklich interessant!"

Schülerinnen aus Rosenheim

Selektion, die Auslöschung seiner Familie, Überleben im KZ, der Todesmarsch von Görliz. Das ist Teil des Lebenslaufs von Shlomo Graber.  Was er erzählte, war erschütternd.

"Dann ist ein älterer SS-Mann gekommen, schwer zu beschreiben, wie primitiv er war. Und er hat uns mitgeteilt: Ab heute seid ihr keine Menschen mehr, ihr seid Untermenschen, darum habt ihr eine Nummer. Namen gelten nur für Menschen. Dann hat er in die Luft geschossen und gesagt: Ich kann mit euch machen, was ich will."

Shlomo Graber.

Ich überlebte und wollte nur eines: Freiheit, heißt es in seinem Vortrag. Dann erzählt der 90-jährige noch von seiner Liebe zur Kunst, zur Malerei und zu seiner zweiten Frau Myrta. Den Erzählungen von Shlomo Graber folgte ein langer, herzlicher Applaus.

"Es einfach nicht für selbstverständlich zu nehmen, dass es uns eigentlich gut geht, dass wir sozialen Frieden haben. Damals war es in unserem Land überhaupt nicht selbstverständlich, und wir brauchen nur einmal die Nachrichten anmachen, und da wissen wir auch, dass es für viele Teile in der Welt nicht selbstverständlich ist. Und einfach die Wertschätzung, dass wir in Frieden leben können, das geht glaube ich manchmal unter. Die (Schüler, Anm.d.Red.) kennen es nicht anders. Die sind so aufgewachsen, ich letzten Endes auch schon, ich hab von der Nachkriegszeit nichts mehr mitgekriegt. Aber es ist eben weiß Gott nicht selbstverständlich."

Elternbeirats-Vorsitzender des Ignaz-Günther-Gymnasiums Thomas Tramp

Toleranz, Nächstenliebe und Respekt

Der 90-Jährige überlebte die Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Fünfteichen und Görlitz. In zahlreichen Vorträgen warb Graber seit mehr als 25 Jahren für Toleranz, Nächstenliebe und Respekt. Fanatismus und Gewalt lehnt der Holocaust-Überlebende kategorisch ab.

Shlomo Graber wurde 1926 in der Tschechoslowakei geboren und wuchs in Ungarn auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte er in Israel. Seit 1989 ist Basel seine neue Heimat. Der Vortrag in Rosenheim, der nach Angaben seines Verlages der letzte in Deutschland sein soll, kam auf Initiative des Elternbeirats des Ignaz-Günther-Gymnasiums zustande.


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