582

Nach Schießerei in Unterföhring Polizistin schwebt in Lebensgefahr

Die in Unterföhring bei München angeschossene Polizistin befindet sich weiter in Lebensgefahr. "Es geht ihr unverändert schlecht. Wir können keine Entwarnung geben", sagte ein Polizeisprecher.

Von: Lena Deutsch und Matthias Lauer

Stand: 14.06.2017

Polizeieinsatz Unterföhring | Bild: dpa-Bildfunk

Der Vorfall ereignete sich am gestrigen Dienstag gegen 8 Uhr. Nach Aussage des Polizeisprechers Marcus da Gloria Martins war eine Polizeistreife zum S-Bahnhof Unterföhring zwischen der Münchner City und dem Flughafen gerufen worden: Im Bereich des Bahnsteigs war ein Streit mit mehreren Beteiligten eskaliert. Jemand wollte ein Messer gesehen haben - das allerdings hinterher nicht gefunden wurde.

Täter polizeilich bekannt

Der Täter ist polizeilich bekannt: 2014 wurde wegen Besitz einer kleinen Menge Cannabis gegen ihn ermittelt. Das Verfahren wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt. Die Polizei geht davon aus, dass der Täter im Falle der Schießerei als Einzeltäter ohne ideologischen Hintergrund handelte.

Falsches Täter-Foto im Netz

Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins warnt: Derzeit kursiere ein Bild im Internet, das fälschlicherweise als Foto des Täters ausgegeben werde. Er bittet, davon abzusehen, dieses Foto weiter zu verbreiten. Es handelt sich um das Lichtbild eines Personalausweises, der am Tatort gefunden wurde. Dabei handele es sich aber nicht um das Abbild des Täters, sondern eines Zeugen, der die Tat mitansehen musste.

Ermittlung wegen versuchten Mordes

Die Staatsanwaltschaft wird Haftbefehl wegen versuchten Mordes beantragen. Die Ermittlungen gestalten sich laut eines Sprechers der Staatsanwaltschaft als schwierig, weil mehr als 200 Zeugen angehört werden müssen.

Auseinandersetzung in der S-Bahn

Dem Polizeieinsatz war eine Streiterei mit körperlicher Auseinandersetzung zwischen zwei Männern vorausgegangen, die sich in der S8 vom Flughafen nach München ereignete. In der S-Bahn befanden sich 300 bis 500 Passagiere. Nach einem Notruf fuhr zunächst eine Polizeistreife der Polizeiinspektion 26 Ismaning zum S-Bahnhof.

"Auf der Strecke von Ismaning nach Unterföhring kam es zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen zwei Personen. Eine Person hat die andere geschlagen. Beide waren in hohem Maße gewaltbereit. Zwei junge Polizisten haben den Schläger dann mitgenommen. Die andere Person wurde von Sanitätern behandelt."

Augenzeuge

Rangelei am Bahnhof

Die Streifenbeamten aus Ismaning nahmen auf dem Bahnsteig "völlig ohne Probleme" den Sachverhalt auf, so Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä. Als auf dem Gegengleis eine S8 Richtung Flughafen einfuhr, griff der mutmaßliche Täter "aus dem Nichts massiv körperlich an", so Andrä wörtlich. Ein Polizist sei dabei gestürzt und so sei eine Rangelei am Boden entstanden. Der Täter habe dabei die Waffe des 30 Jahre alten Streifenbeamten aus dem Holster genommen und damit auf die Polizistin gefeuert. Der Angreifer habe das Magazin der Waffe leergeschossen und sie auf dem Bahnsteig liegenlassen. Wie genau dies geschehen konnte, wird derzeit ermittelt. Auch die Polizistin selbst soll geschossen haben - ob vor oder nach ihrer Verletzung ist noch unklar.

Flucht und Festnahme durch Bundespolizei

Der tatverdächtige 37-jährige Oberbayer (dessen Wohnsitz derzeit unbekannt ist), floh Richtung Süden, verfolgt von zwei Beamten der Bundespolizei, die ihren Kollegen zur Hilfe gekommen waren. Ein dritter Bundespolizist kümmerte sich um die Verletzten. Am Pförtnerhaus Eingang West des Allianzgebäudes wurde der mutmaßliche Täter festgenommen.

Drei Schwerverletzte

Wie der Polizeisprecher bestätigte, wurde die 26-Jährige am Kopf getroffen. Sie schwebt in Lebensgefahr. Außerdem hätten zwei unbeteiligte Passanten einen Arm- und einen Beinschuss erlitten, sie seien aber nicht lebensbedrohlich verletzt worden. Der mutmaßliche Täter sei in der Folge von Polizisten niedergeschossen und ebenfalls schwer verletzt worden. Die Lage der lebensgefährlich verletzten Beamtin ist weiterhin sehr ernst, der mutmaßliche Täter wurde im Gesäßbereich verletzt und wird derzeit operiert. Derzeit geht die Polizei davon aus, dass er von der niedergeschossenen Beamtin angeschossen wurde.

"Diese sinnlose Tat macht uns sprachlos und betroffen. Wir gedenken in diesem Moment der verletzten Kollegin und den verletzten Unbeteiligten."

Hubertus Andrä, Polizeipräsident München

Seehofer kritisiert Gewalt gegen Beamte

Inzwischen hat sich CSU-Chef Horst Seehofer zu der Tat geäußert. Er beklagte die immer niedrigere Hemmschwelle bei der Gewalt gegenüber Beamten. Er hoffe, so Seehofer, dass die Polizeibeamtin mit den schweren Verletzungen fertig werde, dass sie überlebe.

"Wir brauchen ein verändertes Bewusstsein in der Bevölkerung, da müssen alle zusammenstehen. Dass klar ist in dem Moment: Es gibt für Widerstand gegen die Staatsgewalt keine Rechtfertigung."

Horst Seehofer, CSU-Chef

Großeinsatz beendet - S-Bahn fährt wieder

Nach dem Vorfall waren zig Einsatzfahrzeuge in der Bahnhofstraße. Mit Maschinenpistolen bewaffnete Beamte sicherten das Gelände. Inzwischen ist der Polizeieinsatz beendet und die Spurensicherung abgeschlossen. Der Bahnhof ist wieder zugänglich. Die S-Bahnen auf der Strecke verkehren wieder regelmäßig.

S-Bahnhof Unterföhring bei München: Hier fand der Polizeieinsatz statt

Die Dienstwaffe

Die Standardbewaffnung der Polizisten in Bayern, die wohl auch bei dem Schusswechsel am S-Bahnhof Unterföhring zum Einsatz kam, ist derzeit die P7 vom Hersteller Heckler & Koch. Es handelt sich dabei um eine halbautomatische Pistole mit einem achtschüssigen Magazin. Ab 2019 sollen Bayerns Polizisten Dienstwaffen eines neuen Typs erhalten.
Grundsätzlich tragen die Polizisten im Einsatz ihre Waffen doppelt gesichert. So ist die P7 zunächst im Trageholster befestigt, eine spontane Entnahme durch einen Laien gilt als kaum möglich, da ein bestimmter Entsicherungsgriff nötig ist, wie ein Polizeisprecher erläuterte. Außerdem ist die Waffe selbst auch noch gesichert. Eine Nutzung im Affekt durch einen Laien soll damit ausgeschlossen werden.

  • BR-Reporterin Lena Deutsch | Bild: BR/Lisa Hinder Lena Deutsch

    Polizeireporterin

  • Matthias Lauer | Bild: BR/Julia Müller Matthias Lauer

    Matthias Lauer, Moderator und Autor für den Hörfunk und Online, überwiegend für die Redaktionen Schwaben, Oberbayern, Bayern plus und BR24


582