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Filmen statt Helfen Münchner Polizei will konsequent gegen Unfall-Gaffer vorgehen

Die Münchner Polizei will konsequent gegen Gaffer vorgehen, die Fotos oder Videos von dem Unfall gestern Nachmittag in der Innenstadt ins Netz stellen. Laut Polizei waren noch bevor die Einsatzkräfte eintrafen 150 bis 250 Schaulustige an der Unfallstelle.

Von: Lena Deutsch und Günther Rehm

Stand: 23.11.2017

Unfall am 22.11.2017 in München, Paul Heyse-Straße, Kreuzung Landwehrstraße | Bild: BR/Manuel Rauch

"Wir schauen uns ganz genau an, was kommt dazu online. Dann haben wir einen Ermittlungsansatz, und diese Person schnappen wir uns dann auch", sagte Pressesprecher Marcus da Gloria Martins dem BR. Durch die Veröffentlichung von derartigem Material drohe eine Anzeige wegen Verstoß gegen das Kunsturhebergesetz (§ 22). Demnach dürfen Bildnisse nur mit Einwilligung des Abgebildeten verbreitet oder öffentlich zur Schau gestellt werden.

Polizei musste Gaffern mit Gewalt drohen

Beim Unfall gestern seien Platzverweise ausgesprochen worden, so da Gloria Martins. Außerdem habe die Polizei mit der Anwendung von Gewalt drohen müssen. Erst dann seien einige Schaulustige zurückgewichen.

Weil die Versorgung der Verletzten absolute Priorität hatte, konnte die Polizei laut da Gloria Martins gestern nicht die Personalien einzelner Gaffer aufnehmen. Dennoch betont er, dass das Filmen und Fotografieren am Unfallort als Straftatbestand gelte, wenn dadurch der höchstpersönliche Lebensbereich der abgebildeten Personen verletzt werde. Nach §201a StGB kann das mit einer Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft werden.

"Alleine die Unverfrorenheit, an ein Unfallfahrzeug heranzutreten, in dem noch jemand drin ist, und da dann mit der Kamera draufzuhalten, das zeugt schon von sehr viel Kaltschnäuzigkeit und fehlender Sensibilität."

Polizei-Pressesprecher Marcus da Gloria Martins

Einsatzkräfte behindert? Bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe drohen

Wenn durch Gaffen – egal ob dabei gefilmt wird oder nicht – Personen behindert werden, die Hilfe leisten wollen, dann ist das ebenfalls ein Straftatbestand. Laut §323c StGB drohen dann eine Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe. Gleiches gelte für unterlassene Hilfeleistung. Laut da Gloria Martins kann das einigen Gaffern vorgeworfen werden:

"Wer an einem verunfallten Fahrzeug steht, in dem noch jemand Hilfsbedürftiger drinnen ist, der macht sich der unterlassenen Hilfeleistung strafbar."

Polizei-Pressesprecher Marcus da Gloria Martins

Das war bei dem Unfall gestern in der Nähe des Hauptbahnhofs der Fall. Laut Polizei standen einzelne Gaffer direkt bei den Unfallautos und filmten durch die Scheiben.

Experte: Gaffer sind schäbige Menschen

Gaffer folgen nach den Worten von Professor Alfred Gebert aus Münster einem Trieb von früher. Das erklärte der Wirtschaftspsychologe im BR-Interview. Die Frage, die sich der Mensch blitzschnell stelle, laute: Droht Gefahr? Deshalb schaue er hin. "Dann merken wir aber nach Bruchteilen von Sekunden: 'Ah ja, für uns besteht keine Gefahr.' Und dann müssten wir normalerweise helfen. Nur wenn da schon andere sind, dann helfen wir nicht mehr, sondern lassen die Professionellen kommen."

Wer Unfallopfer filme und das Video in die sozialen Netzwerke stelle, fühle sich – in Erwartung Tausender Klicks – wie ein "berühmter Dokumentarfilmer", so Gebert. "Aber im Grunde bin in ein ganz schäbiger Mensch, der sich an dem Leid anderer ergötzt."

Aus Geberts Sicht müssen Gaffer "überall verteufelt werden". Der Experte nimmt die Schulen – Stichwort "Medienerziehung" – und die Fahrschulen in die Pflicht. Sie müssten ihren Schülern beibringen, bei einem Unfall weiter auf den Verkehr zu achten und nicht zum Unfallgeschehen zu schauen.

"So was macht ein vernünftiger Mensch nicht"

Analog zum Pranger im Mittelalter plädiert der Wirtschaftspsychologe dafür, die Gesichter der Gaffer in der Zeitung abzudrucken. Die Botschaft, die damit verbunden sei, laute: "Seht her, das ist einer dieser blöden Voyeuristen. So was macht ein vernünftiger Mensch nicht."


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Ablenker, Freitag, 24.November, 00:24 Uhr

10. Gafferthema überlagert die eigentlichen Informationen

Dürftige Aussagen zum Unfallgeschehen und Ursache? Wer hat was falsch gemacht? Hat der Blaulichtfahrer sein Wegerecht strapaziert?
Zu schnell oder Unachtsamkeit?

Informationen, die ich eigentlich erwarten würde. Das "Gaffing" ist für mich nebensächlich.

  • Antwort von kritikwürdig, Freitag, 24.November, 14:10 Uhr

    so sehe ich das auch.
    Aber das Gafferthema bringt mehr Quote, deshalb bedient sich auch der BR dieses Stillmittels.

  • Antwort von Ablenker, Freitag, 24.November, 15:32 Uhr

    Der BR hat meines Wissens nicht den Quotendruck wie die privaten, werbefinanzierten Katastrophensender.
    Ich denke, es war eher ein Anliegen der Polizei das Thema herauszustellen insbesondere dann, wenn polizeiliches Einschreiten gegen diese Personen notwendig war.

  • Antwort von EP, Sonntag, 26.November, 15:06 Uhr

    Es gibt einen Bericht über den Unfall:
    https://www.br.de/nachrichten/oberbayern/inhalt/unfall-auto-muenchen-paul-heyse-strasse-100.html
    Aber hier geht es eben um die Gaffer und Hobbyfilmer.
    Smartphones einsammeln, Bilder und Filme löschen, und die Besitzer der selbigen zum Aufräumen der Unfallstelle verpflichten. Dieser Kommentar wurde von der BR-Redaktion entsprechend unseren
    Kommentar-Richtlinien bearbeitet.

Maier M., Donnerstag, 23.November, 23:55 Uhr

9. Verbote, Strafen, Forderungen?

Eigentlich braucht es nur eine gesunde Portion Verstand und Anstand. Mehr nicht.

Ich sage ja immer, das Internet kann sehr stark verblöden, wenn man es nicht sinnvoll zu nutzen weiß. Offenbar haben die Leute keine sinnvollen Aufgaben und einen Geltungsbedürfnis. Likes im Netz sind mit die dümmsten Bekundungen, um andere zum Geld verdienen zu animierren. Durch diese Methode fällt jede Grenze.

Carl, Donnerstag, 23.November, 23:51 Uhr

8. Gaffer begaffen

Ich frage mich immer, wie reagiert eigentlich ein filmender Gaffer, wenn er beim Filmen von anderen gefilmt wird?

Und an Josef (3)

Wenn Sie den Unterschied zwischen "Zeuge sein" und "Gaffer sein" nicht mehr spüren/selbst erkennen, dann gibt mir das schon zu denken. Der Griff zum Handy sollte nur EINEM Zweck dienen: Die Rettung/Polizei rufen. Oder die Autoscheibe damit einschlagen, um die Tür öffnen zu können. Wenn die Profi-Retter schon da sind, dann schleunigst aus dem Weg gehen, den Opfern dabei in Gedanken wünschen, dass sie bald wieder völlig genesen - was denn sonst.

Carl, Donnerstag, 23.November, 23:39 Uhr

7. "Soziale" Medien

Die immer wieder fälschlicherweise als "sozial" bezeichneten Medien sind nix anderes als kommerzielle Internetplattformen. Geldwert und Profit wird dadurch erzeugt, dass Spektakuläres veröffentlicht und möglichst oft angeklickt wird. Wahrheitsgehalt oder Menschenwürde spielen bei diesem Geschäftsmodell überhaupt keine Rolle,würden es sogar beeinträchtigen. Die Plattformen bedienen die anscheinend enorme Bedürftigkeit bei vielen Menschen, endlich mal Aufmerksamkeit und Anerkennung (Likes) zu bekommen, EGAL WOFÜR. Ich mache mir auch Sorgen um die Leute, die diese Anerkennung und Likes dann auch tatsächlich geben, anstatt dem Bildveröffentlicher mal so richtig die Meinung zu geigen, ob er noch alle Tassen im Schrank hat, sowas ins Netz zu stellen und die Opfer dadurch ein zweites Mal zu Opfern zu machen. Wo bleibt der Widerspruch beim Zielpublikum? Mir grauts, ehrlich, wie die Empathie immer mehr den Bach runter geht und welches Vorbild solche "Erwachsene" für Kinder abgeben.

Roswitha Kapser, Donnerstag, 23.November, 21:26 Uhr

6. Münchner Polizei will harte Strafen für Unfall-Gaffer

Diese Menschen, die hier filmen und fotografieren sind unterste Schublade. Und da bin ich noch sehr diplomatisch in meiner Formulierung. Das ist eindeutig ein Verstoß gegen Art.1 des GG, 'Die Würde des Menschen ist unantastbar', und sollte mit Höchststrafen belegt werden. Jeder Geschädigte, also die Unfallopfer, sollte diese unverschämten Personen, die filmen und fotografieren anzeigen und auf Schmerzensgeld u.s.w. verklagen. Das hört sich vielleicht old school an aber: Sowas tut man einfach nicht! Wenn man schon von selbst nicht drauf kommt, sollte man wenigsten gehen, wenn einen die Polizei wegschickt, aber nicht mal soweit reicht´s im Kopf; ich schreibe bewusst nicht 'im Hirn', denn das scheint hier komplett zu fehlen. Ja wo sind wir denn? Haben diese Gaffer und Filmer keinen Respekt mehr vor dem Leid der Opfer? Es gibt eine Goldene Regel im Umgang mit Mitmenschen: Was du nicht willst das man dir tut, das füg auch keinem andern zu!