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Pegida Montagsdemos "München ist eine Stadt der Vielfalt"

Im Gegensatz zu Dresden sind es nur wenige Münchner, die bei Pegida-Veranstaltungen gegen die angebliche Islamisierung des Abendlandes demonstrieren. Wir haben mit der Münchner Extremismus-Expertin Britta Schellenberg gesprochen.

Stand: 23.11.2015

Polizei trennt Pegida-Anhänger und -Gegner am 9. November 2015 an der Münchner Freiheit. | Bild: BR/Holger Schmidt

Als Mitarbeiterin am Centrum für Angewandte Politikforschung in München haben Sie sich intensiv mit dem Thema Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit beschäftigt. Warum gibt es in München viel weniger Pegida-Anhänger als in Dresden?

Wir haben in München eine ganz andere Struktur vorliegen als in Dresden. Die Abwehr gegenüber islamfeindlichen und rechtsradikalen Bewegungen ist deutlich größer.

Das hat verschiedene Gründe: Im Gegensatz zu Dresden ist München eine Großstadt der Vielfalt – so haben Münchener oft ganz unterschiedliche Lebens- und Familienbiographien, auch ausländische. Es gibt in München anders als in Dresden viele Muslime, sie gehören dazu. Die meisten Münchener finden, dass ihre Stadt von der Vielfalt profitiert und durch Offenheit prosperiert. Sie leben gerne in ihrer Großstadt der Vielfalt.

Sie sprechen von einer lebendigen Zivilgesellschaft. Was heißt das?

Lebendige Zivilgesellschaft gegen Menschenfeindlichkeit heißt, dass Bürger sich hier einmischen und auch gut organisiert sind in ihrem Protest gegen Rechtsradikalismus und Rassismus. Wir haben gesehen, dass in München durchaus große Massen auf die Straße gehen. Sie demonstrieren gegen den Pegida-Ableger Mügida und Bagida und treten für Demokratie und die Rechte der Menschen ein.

München und Bayern hat allerdings leider auch eine gewalttätige und aggressive rechtsradikale Szene. Aber zahlreiche Bürger der Stadt ebenso wie Organisationen und Institutionen, so Bürgerbündnisse, Gewerkschaften, Kirchen und der Oberbürgermeister, früher Herr Ude, heute Herr Reiter, zeigen hier Gesicht gegen Hetze, Rassismus und Muslimfeindlichkeit. In Dresden ist die Gesellschaft weniger vielfältig und die Abwehrhaltung gegen Rassismus nicht so breit organisiert.

Welche Rolle spielt Münchens besondere Sozialstruktur dabei?

Der eine Punkt ist, dass München eine Stadt der Vielfalt ist – mit bald 40% Menschen mit Migrationshintergrund. Wir leben mitten in der Einwanderungsgesellschaft, München ist anziehend, viele Menschen zieht es hierher, München ist auch deshalb relativ reich.

Bitta Schellenberg

Ein weiterer Punkt sind die gut organisierten zivilgesellschaftlichen und staatlichen Institutionen. Die Stadt München ist stark in ihrem Engagement gegen Menschenfeindlichkeit. So durch die Klarheit des Oberbürgermeisters und nicht zuletzt durch die bei ihm angesiedelte Stelle für Demokratie. Die Stadt ist stark, weil hier Menschen wie Kardinal Marx von der katholischen Kirche oder Landesbischof Bedford-Strohm von der evangelischen Kirche wirken und weil sie in Bayern anders als in Sachsen tatsächlich Einfluss haben. Die Christen sagen ganz klar: Wir lassen uns von den  Menschenfeinden nicht vereinnahmen für ein Abendland, das nichts mit Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit zu tun hat. Das alles hat einen großen Einfluss auf die lokale Debatte und schließlich auch auf die Positionierung von Bürgern in der jeweiligen Stadt.

Auch in Deutschland nimmt die Angst vor islamistischen Terror zu. Heißt das, dass Pegida auch in München wieder mehr Unterstützung bekommt?

Der islamistische Terror macht sicherlich heute, gerade nach den Anschlägen von Paris, vielen Menschen Angst. Pegida allerdings schürt Angst – insbesondere gegen Muslime und Menschen, die hier bei uns Zuflucht suchen. Pegida schürt auch Angst gegen demokratische Politiker. Pegida versucht rechtsradikale Gesellschafts- und Weltdeutungen an die Bürger zu bringen und wird damit zur Bedrohung für unsere demokratische Gesellschaft der Vielfalt.

Gerade aufgrund der aktuellen Herausforderungen darf der Rechtsextremismus in Deutschland und das Problem des Rassismus nicht unter den Tisch gekehrt werden. Auch die Stadt München hat bittere Erfahrungen mit Rechtsextremismus gesammelt, u.a. wurden hier mindestens zwei Menschen von der rechtsextremen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ ermordet. Es wird in Zukunft darum gehen die Gefahren nicht gegeneinander auszuspielen. Sondern weiterhin Gesicht zu zeigen - und zwar gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit.


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