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Münchner Amoklauf im OEZ Verdacht: Waffenhändler war eingeweiht

Der mutmaßliche Waffenlieferant des Attentäters vom Olympiaeinkaufszentrum in München war möglicherweise auch Mitwisser und Helfer des Attentats. Diesen schwerwiegenden Vorwurf erhebt der Opferanwalt Yavuz Narin, der mehrere Angehörige der OEZ-Mordopfer vertritt.

Von: Thies Marsen

Stand: 17.07.2017

Die Tatwaffe von David S., eine Pistole vom Typ Glock 17 | Bild: picture-alliance/dpa/Sven Hoppe

Narin fordert deshalb, den für Ende August geplanten Prozess gegen den Waffenhändler zu vertagen oder aufzuspalten. Die Münchner Staatsanwaltschaft glaubt hingegen nicht, dass der Waffenhändler auch Mitwisser war. Sollte sich dieser Verdacht jedoch erhärten, dann könnten neue Erkenntnisse auch in den Prozess einfließen, der am 28. August beginnen soll.

Ein Jahr danach

Der sogenannte OEZ-Amoklauf jährt sich kommenden Samstag zum ersten Mal. Der Täter, David S., der neun Menschen erschossen und sich anschließend selbst gerichtet hat, kann nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Doch seinem mutmaßlichen Waffenhändler soll demnächst in München der Prozess gemacht werden: Der 32-jährige Philipp K. ist angeklagt wegen fahrlässiger Tötung und unerlaubtem Waffenhandel.

Verdacht: Beihilfe zum Mord

Sollte Philipp K. aber nicht nur Lieferant der Tatwaffe gewesen sein, sondern auch Mitwisser, dann müsste er womöglich wegen Beihilfe zum Mord belangt werden. Es gibt durchaus Indizien, die dafür sprechen. Bekanntlich waren der OEZ-Attentäter und sein mutmaßlicher Waffenhändler im sogenannten Darknet ins Geschäft gekommen, einem anonymen Teil des Internets. Dem BR liegt ein Chat-Protokoll vor, in dem ein weiterer Teilnehmer des Darknet-Forums behauptet, Philipp K. habe gewusst, wofür der spätere Mörder David S. die Waffe brauchte und er habe ihm sogar Tipps für einen Amoklauf gegeben.

"Sieg Heil" oder "Heil Hitler"

Eines der beiden Treffen zur Übergabe von Waffe und Munition hat laut BR-Informationen zudem außergewöhnlich lange gedauert: David S. und Philipp K. waren mehrere Stunden gemeinsam in Marburg unterwegs, deutlich länger als für eine Übergabe nötig. Zudem scheint Philipp K., ebenso wie David S., rassistische und rechtsextremistische Einstellungen gehabt zu haben. „Er hat seine Chatverläufe im Darknet regelmäßig mit „Sieg Heil“ oder „Heil Hitler“ beendet“, so Opferanwalt Yavuz Narin. „Er hat wohl in der Vergangenheit immer wieder an Wehrsportübungen teilgenommen und hat sich antisemitisch geäußert.“

Anonymer Hinweisgeber

Oberstaatsanwältin Anne Leiding.

Die Staatsanwaltschaft München I bestätigte dem BR, die rechtsextremen Äußerungen des Angeklagten und auch die Existenz eines anonymen Hinweisgebers, der ihn der Mitwisserschaft beschuldigte. Allerdings habe der Hinweisgeber von den Sicherheitsbehörden Gegenleistungen für eine konkrete Aussage verlangt. Schließlich sei der Kontakt abgebrochen. Seine Angaben hätten sich nicht erhärten lassen. „Das Problem in solchen Verfahren ist, dass es regelmäßig Trittbrettfahrer gibt, die solche Behauptungen aufstellen“, so Oberstaatsanwältin Anne Leiding.

Darknet-Server beschlagnahmt

Der Darknet-Server wurde beschlagnahmt.

Opferanwalt Yavuz Narin erhofft sich unterdessen weitere Aufklärung, eventuell auch über die Identität des anonymen Hinweisgebers, durch eine Polizeiaktion, die es Anfang Juni in Karlsruhe gegeben hat. Dort hatten Beamte den Betreiber der Darknet-Plattform, über die der OEZ-Waffendeal eingefädelt wurde, festgenommen und dessen Server beschlagnahmt.

Forderung: Prozess verschieben

Opferanwalt Yavuz Narin.

Gegen den Betreiber ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft Mannheim, seine Server und Computer werden von der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt ausgewertet. Daraus könnten sich weitere Erkenntnisse über Philipp K. ergeben, die auch für den Prozess in München relevant sein könnten, glaubt Narin. Er fordert deshalb, den für Ende August geplanten Prozess gegen Philipp K. aufzuschieben oder vorerst nur die Verstöße gegen das Waffengesetz zu verhandeln, damit die Tötungsdelikte einem späteren Prozess vorbehalten bleiben. Dann könnte Philipp K. doch noch wegen Beihilfe zum Mord belangt werden statt wegen fahrlässiger Tötung.

"Für meine Mandanten ist es in erster Linie wichtig, zu wissen, was überhaupt geschehen ist, warum ihre Kinder am hellichten Tag vor der Haustür abgeschlachtet worden sind. Darauf haben meine Mandanten einfach einen Anspruch."

Opferanwalt Yavuz Narin


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