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NS-Dokumentationszentrum Landtagsabgeordnete kritisieren Kosten am Obersalzberg

Ein Baubeginn für die dringend nötige Erweiterung des NS-Dokuzentrums Obersalzberg ist nicht in Sicht. Heftig wurde heute im Landtag debattiert - vor allem über die Kostensteigerung auf 21 Millionen Euro.

Von: Arne Wilsdorff und Lorenz Storch

Stand: 10.03.2016

Obersalzberg | Bild: Institut für Zeitgeschichte München-Berlin / Foto: Max Köstler, Berchtesgaden

Blauäugigkeit und Managementfehler – das waren die Vorwürfe der Abgeordneten an den Bauherrn Freistaat, die Architekten und die Ausstellungsplaner. Wie könne es 21 statt 15 Millionen Euro kosten, wenn man das NS-Dokuzentrum auf dem Obersalzberg statt für jährlich 33.000 auf 170.000 Besucher ertüchtigt.

Streitpunkt Tunnelrundweg unter der Anlage

Der Streit geht vor allem darum, ob die Bunkeranlagen unter Hitlers ehemaligem Berghof mit einem neuen Tunnel als Rundweg erschlossen werden. Der Vertreter der obersten Baubehörde des Freistaats, Helmut Bäumler, verteidigt die Kostensteigerung durch einen Bunkerrundgang. Der Erweiterungsbau, der in den Berg hineingesetzt werde, koste 2,4 Millionen Euro. Die Kosten für den Bunker betragen 3,3 Millionen.

Für SPD-Kulturpolitikerin Isabell Zacharias gehört das unbedingt zum Konzept.

"Insofern ist das nicht die Frage Bunkeranlage ja oder nein, sondern: was ist es uns wert, dass solche Orte ein Nie-Wieder darstellen. Was ich mir vorstellen kann, dass man die Bunkeranlage nicht sofort, sondern drei oder vier Jahre später baut. Aber ich glaube nicht, dass wir hier sparen sollten."

Isabell Zacharias

Viele junge Leute besuchen das Dokumentationszentrum

Es handelt sich um einen 35 Meter langen Tunnel, der allein mehrere Millionen Euro kosten soll, unter anderem wegen des aufwändigen Brandschutzes und der Entlüftung. Zu bedenken geben die Haushaltspolitiker zudem, dass der Obersalzberg ein Täterort ist – auch Opferorte wie die KZ-Gedenkstätten brauchten Investitionen und sollen nicht ins Hintertreffen geraten.

Vorausgesetzt, der Landtag gibt grünes Licht, könnten die Bauarbeiten auf dem Obersalzberg wie geplant noch heuer beginnen. Doch bis der Haushaltsaussschus grünes Licht für einen Neubau gibt, müssen noch viele Fragen geklärt werden.

170.000 statt erwartete 33.000 Besucher

Das NS-Dokumentationszentrum auf Hitlers einstigem Urlaubsberg ist ein Erfolg: Es kommen weit mehr Besucher als ursprünglich erwartet. Statt 33.000 Besuchern kommen jährlich bis zu 170.000. Aber weil die Kosten für den faktischen Neubau mittlerweile auf 21 Millionen Euro geschätzt werden - hat jüngst der Haushaltsausschuss sein Veto eingelegt. Es sollen fünf Millionen Euro eingespart werden. Der Ausbau des Gedenkorts Obersalzberg an sich wird jedoch von allen Parteien unterstützt.

Historiker setzen auf die Erweiterung

Das Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) hofft, die geplante Erweiterung des Doku-Zentrums auf dem Obersalzberg trotz der erwarteten Kostensteigerung realisieren zu können.

"Der Entwurf ist sehr gut. Eine internationale Jury hat sich beim Wettbewerb einstimmig dafür entschieden."

Axel Drecoll, Leiter der zuständigen Abteilung im IfZ, im Gespräch mit dem BR

Ausdrücklich machen sich die Ausstellungsmacher für die Erschließung des Bunkers stark. Etwa die Hälfte der Besucher sagt in Befragungen ausdrücklich, sie kämen, um die Bunker zu sehen. Das 6,2 Kilometer lange Stollensystem, das ab 1943 errichtet wurde und noch wesentlich größer werden sollte, ist das wichtigste Realexponat auf dem Obersalzberg.

Bunkeranlage am Obersalzberg

Ein kleiner Teil ist bereits zu besichtigen, doch es entstehen schon jetzt häufig Wartezeiten, weil die Besucher auf dem gleichen Weg den Stollen verlassen müssen, auf dem sie hinein gehen. Nach einem Ausbau könnten wegen inzwischen verschärfter feuerschutzrechtlicher Bestimmungen nur noch 50 Menschen gleichzeitig in der Bunkeranlage sein - bei bis zu 1.500 Besuchern täglich wären lange Schlangen vorprogrammiert. Durch den Ausbau mit dem Zusatztunnel würde ein Rundweg möglich. Auf diese Weise verprechen sich die Historiker vom IfZ auch mehr Aufmerksamkeit für ihre Ausstellung, die zum Teil als "Epilog" an den Ausgang des Tunnelrundgangs angegliedert werden soll.

"Wir können Besuchern nicht sagen, ihr müsst draußen bleiben", sagte Axel Drecoll vom IfZ dem BR. Es bestehe an einem solchen Ort eine Pflicht zur Transparenz. Eine Zugangsbeschränkung riskiere zudem, den Täterort zu überhöhen.


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Ulrich Lötzsch, Mittwoch, 09.März, 15:38 Uhr

1. Tunnelrundweg unter "Berghof" - Gelände

Am Obersalzberg bilden das Dokumentationszentrum, die Ablauforganisation, die Umgestaltung seiner Umgebung und oben das Teehaus den unbestritten passenden Rahmen für einen Blick in die Vergangenheit dort. Dass „etwa die Hälfte der Besucher ausdrücklich sagen würde sie kämen, um die Bunker zu sehen“ ist absolut nicht glaubwürdig! Die meisten der Besucher kommen doch um auch einmal irgendwie etwas „Berghof-feeling“ zu bekommen, ihre Neugierde und/oder ihre Meinung zu befriedigen. Ewiggestrige habe ich bei vielen Besuchen nicht ausgemacht. Und die wenigsten wissen etwas von den dort zusammengestückelten unterirdischen Verbindungseinrichtungen, erst gebaut in den bröckelnden Endsiegjahren um sich bis zuletzt verkriechen zu können.
Wer darin "das wichtigste unterirdische Realexponat“ sieht und zum Rundlauf-fake aufmotzen will, hat den Sinn von Historie und die Entscheidung für eine angemessene Vergrößerung des Dokumentationzentrums nicht begriffen.
Ulrich Lötzsch