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Münchner S-Bahn Ausschreibung erst ab 2030

Der Freistaat Bayern will den Münchner S-Bahnbetrieb erst ab 2030 europaweit ausschreiben. Geplant ist ein sogenanntes Drei-Stufen-Konzept. Bis dahin bleibt die Deutsche Bahn der Betreiber.

Von: Lorenz Storch und Anton Rauch

Stand: 03.02.2016

In der ersten Stufe läuft der Vertrag mit der Deutschen Bahn unverändert bis 2019 weiter. In einer zweiten Stufe ab Dezember 2019 wird das gesamte Netz für weitere zwölf Jahre ausgeschrieben, hier dürfte ebenfalls die Deutsche Bahn zum Zug kommen. Erst dann folgt die europaweite Ausschreibung in mehreren Losen und damit mehr Wettbewerb.

Betriebssicherheit "oberstes Gebot"

Bayerns Innen- und Verkehrsminister Joachim Herrmann will damit sicherstellen, dass die S-Bahnen in München auch während der Bauzeit für den zweiten Stammstreckentunnel weiter planmäßig fahren. Die Betriebssicherheit sei das oberste Gebot, so Herrmann.

In die Zeit der ersten Vertragslaufzeit ab Dezember 2019 fällt der Ersatz der heutigen Fahrzeugflotte durch Neufahrzeuge, die geplante Inbetriebnahme der zweiten Stammstrecke und die damit einhergehende Erweiterung des Verkehrsangebots. Auf eine Aufteilung des Netzes in mehrere Lose soll in dieser Phase verzichtet werden.

Aufspaltung soll kommen

Nach 2030 soll sich der Platzhirsch Deutsche Bahn dann dem Wettbewerb stellen – daran lässt der Freistaat keinen Zweifel. Der zweite Vertrag soll erneut für voraussichtlich rund zwölf Jahre vergeben werden. Dabei strebt die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) eine Aufteilung des Netzes in mehrere Lose an.

Der Chef der staatlichen Bayerischen Eisenbahngesellschaft, Johann Niggl, hatte sich im Vorfeld bereits für mehr Wettbewerb auch bei der Münchern S-Bahn ausgesprochen.

"Es ist tatsächlich so, dass der Erfolg der letzten 20 Jahre dem Wettbewerb zu verdanken ist - dadurch, dass wir wettbewerbsfähige Preise bekommen haben, also niedrigere Preise, und wir den Preisunterschied wieder investieren konnten."

Johann Niggl, Chef der Bay. Eisenbahngesellschaft

Reaktionen auf Entscheidung

Die Reaktionen auf die Entscheidung des Freistaats fallen sehr unterschiedlich aus. Bernhard Roos, der verkehrspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion kritisiert die Ankündigung des Freistaats als verkehrspolitisch "hochproblematisch". Wenn der Bahn der Betrieb nur bis 2020 zugesichert werde, werde sie nicht die nötigen Verbesserungen vornehmen. Die Bahn brauche deshalb Planungssicherheit weit über 2020 hinaus. Der DGB Bayern und die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) in Bayern begrüßen, dass der Betrieb nicht überstürzt ausgeschrieben wird. Sie kritisieren allerdings die generelle Vergabepraxis der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG). In einer Pressemitteilung heißt es: "Die BEG trifft in ihren Ausschreibungen keinerlei Regelungen für das Personal." Die Gewerkschaften befürchten deshalb Lohndumping bei den Auftragsvergaben und Qualitätseinbußen für die Kunden.

Der Chef des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds (MVV), Alexander Freitag, zeigte sich zufrieden mit der Entscheidung, dass die Münchner S-Bahn vorerst weiter von der Bahn betrieben wird. Die Stammstrecke sei die dichtbefahrenste Eisenbahnstrecke in Deutschland, da sei es aus Sicht der Fahrgäste gar nicht möglich einen zufriedenstellenden Betrieb zu gewährleisten, so Freitag. "Und wenn sie das noch überlagern würden mit einem Betreiberwechsel, der das System nicht kennt, dann wird es natürlich besonders kritisch." Jetzt erwarte er sich allerdings Verbesserungen für die Fahrgäste, so der MVV-Chef. Er sei auch überzeugt, dass die S-Bahn künftig wirtschaftlicher betrieben werden könne.

840.000 Fahrgäste täglich

Die Deutsche Bahn hatte vor einer Aufteilung des Netzes gewarnt. Der Betrieb des Münchner S-Bahn-Netzes ist eine Mammutaufgabe: 840.000 Fahrgäste täglich, mehr als 250 Züge. Hier findet ein Drittel des gesamten Schienenverkehrs in Bayern statt. Wenn dort nicht mehr alles in einer Hand ist, drohe der Betrieb noch instabiler zu werden, warnt die Deutsche Bahn. Dabei ist die S-Bahn München ohnehin schon störanfällig.

"Die Fahrgäste sind schon arg gebeutelt von den vielen Störungen, die wir im S-Bahn-System haben, insbesondere auf der Stammstrecke. Manches ist vielleicht auch unvermeidbar, aber im Störungsfall wäre ein besseres Management wünschenswert. Schnellere Information an die Fahrgäste, wie komme ich weiter, wo enden die Züge."

Norbert Moy, PRO Bahn auf B5 aktuell

Alle setzen auf die zweite Stammstrecke

Abhilfe soll die zweite Stammstrecke schaffen. Sie ist eine weitere Unbekannte, auch wenn Politiker wie Bayerns Verkehrsminister Joachim Herrmann immer wieder betonen:

"Wir brauchen diesen neuen S-Bahn-Tunnel, wir wollen ihn und wir müssen jetzt die finanziellen Grundlagen dafür klarstellen."

Joachim Herrmann (CSU) Verkehrsminister Bayern

Klar ist jedoch bisher nur, dass die zweite Stammstrecke - wenn sie kommt - nicht vor 2025 fertig wird.

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Gößmann M., Mittwoch, 03.Februar, 19:34 Uhr

10. zum o. a. Zitat des Herrn "Mr. BEG"

Sehr geehrter Herr Niggl - auf wessen Kosten gingen denn Ihre tollen wettbewerbsfähigen Preise? Was denken oder schätzen Sie wie viele Arbeitsplätze bei der Bahn das gekostet hat und noch kosten wird? Das Sie noch ruhig schlafen können? Sie haben mit Ihren Entscheidungen erreicht dass die Preise für Fahrgäste NICHT gesunken sind! Sie vernichten mit Ihrer tollen Vergabe an Drittanbieter teure, gut bis hervorragend ausgebildete Arbeitsplätze von Bahnfachkräften! Diese Vergabepolitik bringt niemandem etwas Gutes, außer ein paar Einzelnen die sich dadurch die Taschen wieder voll machen - koste es was es wolle. Die Bahn gehört nicht in private Hände dass wusste selbst Otto von Bismarck schon. Schämen Sie sich für Ihr Vernichtungswerk, welches unsere Väter und Urväter sehr mühsam zu dem Unternehmen gemacht haben was es ist - eine der besten und sichersten Eisenbahnen der Welt.

Nürnberger, Mittwoch, 03.Februar, 14:59 Uhr

9. Bauernopfer Nürnberg

Joachim Herrmann zur Münchner S-Bahn
"Wir brauchen die Stabilität beim Betrieb"

Und in Nürnberg braucht man diese wohl nicht? Hier zählt nur Billig Billig Billig!

Damit bestätigt sich, was schon lange vermutet wurde, nämlich das die Vergabe der Nürnberger S-Bahn an NX das Bauernopfer für die Münchner S-Bahn ist. Denn bei der Münchner S-Bahn würde man sich nicht trauen diese einem Privaten Anbieter zu überlassen.

Kern Liane, Mittwoch, 03.Februar, 13:19 Uhr

8. Gelten für den Freistaat andere Rechte und Pflichten als für Kommunen?

Warum muss dann eine Kommunen alles ausschreiben, obwohl oftmals mit regionalen Anbietern viel besser zusammengearbeitet werden kann als mit Anbietern oder Firmen von irgendwoher? Korruptionsbekämpfung mag ja sinnvoll sein, sollte aber auch vernünftige Grenzen haben. Vor allem, wenn der Freistaat hier auch entscheiden darf wie er will.

Bernd NB, Mittwoch, 03.Februar, 12:24 Uhr

7. Traumwelt BEG

Entschuldigung, aber in welcher Traumwelt lebt Herr Niggl eigentlich?? Wo sind seit der Privatisierung (Stufe 2 der Bahnreform) 1996 die Preise denn gesunken? Jedes Jahr pünktlich zum Fahrplanwechsel von Weihnachten werden die Fahrpreise erhöht, jedes Jahr abwechselnd mit anderen fadenscheinigen Begründungen, Herr Niggl hat offenbar die Chaosübernahmen des meridian, der agilis, des National Express (NRW) offenbar vergessen, jedes Mal bei einer Übernahme durch private Betreiber, herrschte ein Heilloses Chaos. Irgendwie scheint die BEG den Bezug zur Realität vollendens verloren zu haben....

  • Antwort von Till Wolfart, Mittwoch, 03.Februar, 12:44 Uhr

    Da haben Sie vollkommen recht. Siehe Nürnberg.
    Es wäre besser die Verantwortlichen würden sich an der Schweiz orientieren. Da wird nicht dauernd am Schienenverkehr gespart, sondern die Bahn als wichtiger Teil der Infrastruktur gefördert.

  • Antwort von oberlandler, Mittwoch, 03.Februar, 13:33 Uhr

    Man sollte aber auch den ganzen Kommentar von Herrn Dr. Niggl lesen und verstehen können: "Es ist tatsächlich so, dass der Erfolg der letzten 20 Jahre dem Wettbewerb zu verdanken ist - dadurch, dass wir wettbewerbsfähige Preise bekommen haben, also niedrigere Preise, und wir den Preisunterschied wieder investieren konnten." Das bedeutet nichts anderes, als dass die Bestellung der Verkehrsleistungen für die BEG günstiger geworden ist und dadurch mehr Züge fahren können. Der Fahrpreis für den Pendler ist ja wieder ganz was anderes. Bei den Übernahmen ist es mittlerweile schon egal, ob DB oder Privatbahn - Probleme gibt es überall.

airport, Mittwoch, 03.Februar, 11:45 Uhr

6. S-Bahn eine nicht endende Story

Das es so weitergehen soll bis 2030 ,ist eine Watsch,n für alle Benutzer dieses Verkehrsmittels.
Die Politik muss den verantwortlichen Leuten im Bahnkonzern klar machen ,das man nicht ständig die Preise erhöhen kann .
Die Qualität der angebotenen Dienstleistung aber immer schlechter wird.
Der MVV und die S Bahn München vertrauen auf die jährliche Genehmigung ihrer Tariferhöhung durch die Politik.
Seit 20 Jahren befahre ich die Strecke der S1,ein Buch würden all die Störungen und Falschinformationen füllen.
Da die Meldungen der Störungen im S Bahn System über Frankfurt gesteuert werden, wundern mich die vielen falschen Fahrgastinformationen nicht.
Das andere Anbieter schlechter sind glaube ich nicht,denn die Standards werden festgeschrieben,wenn der Anbieter bessere Züge und vielleicht pünktlicher fährt habe ich nicht dagegen.