135

Ärger mit Direktversicherungen "Erst angelockt, dann abgezockt"

Sechs Millionen Bürger haben mit einer sogenannten Direktversicherung für ihr Alter vorgesorgt. Doch eine Gesetzesänderung sorgt dafür, dass sie Sozialbeiträge zahlen müssen. Es geht um viel Geld. Rentner fühlen sich vom Staat betrogen. Axel Mölkner-Kappl hat eine Veranstaltung in Ingolstadt besucht.

Von: Axel Mölkner-Kappl

Stand: 23.01.2017

Altersarmut (Symbolbild) | Bild: pa/dpa

Ein Wirtshaus in Ingolstadt – das Nebenzimmer ist überfüllt. Mit 25 Teilnehmern haben die Gastgeber gerechnet, gekommen sind rund 80. Eingeladen hat der Verein der Direktversicherungsgeschädigten. "Direktversicherungen – Das Verlustgeschäft unseres Lebens" steht auf einem großen Transparent.

Vom Staat betrogen?

Versammlung in Ingolstadt - Josef Spisla hört zu

Alle im Saal verbindet, dass sie - wie es Staat und Politik ihnen geraten haben - privat für das Alter vorgesorgt haben. Sie alle haben zumeist in den 80er und 90er Jahren eine so genannte Direktversicherung abgeschlossen.  Das ist eine Lebensversicherung, die der Arbeitnehmer mithilfe seines Arbeitgebers abschließt. Dafür wird ein Teil des monatlichen Bruttogehalts in die Direktversicherung einbezahlt. Sie alle haben so im Lauf der Jahre einige Zehntausend Euro zurückgelegt, die sie mit Eintritt der Rente verzinst ausbezahlt bekommen. Soweit, sogut.

Doch dann hat der Bundestag zum 1. Januar 2004 in einem Gesetz beschlossen, dass bei der Auszahlung von Direktversicherungen Beiträge für die Kranken- und Pflegeversicherung fällig werden. Und zwar nicht zu knapp. Wer zum Beispiel 50.000 Euro angespart hat, muss davon 8.750 Euro, verteilt über zehn Jahre, an die Kranken- und Pflegekasse zahlen. Ein dicker Brocken, der dann natürlich im Alter fehlt.

Josef Spisla zum Beispiel, der gut verdient hat, muss rund 13.000 Euro an Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträgen aus seiner Direktversicherung abführen.

"Ich hab eine Firmendirektversicherung abgeschlossen. Die habe ich dann mit 63 in Anspruch genommen. Ich war also erstaunt, dass die Krankenkasse von mir Geld haben wollte."

Josef Spisla

Doppelte Belastung

Und zwar nicht nur den Arbeitnehmeranteil an der Krankenversicherung. Denn das Gesetz besagt, dass die Betroffenen auch den Arbeitgeberanteil zahlen müssen.

"Das ist im Moment so, dass ich viel mehr bezahlen muss als jemand, der noch aktiv arbeitet. Der kommt nie auf den Betrag, den ich bei der Krankenkasse entrichten muss."

Josef Spisla

8.000 Euro sind es bei Johann Reh. Ihn ärgert besonders, dass sich der Staat etwas herausnimmt, was der Privatmann gar nicht darf.

"Die Richter sagen, es ist in Ordnung. Warum können Richter das Gesetz so beugen? Wenn ich heute als Normalbürger einen Vertrag abschließe, habe ich mich an den Vertrag zu halten. Diesen Vertrag kann ich nicht brechen, es sei denn mit beiderseitigem Einverständnis und für beide ohne Nachteil."

Johann Reh

Betroffene wollen nicht aufgeben

Zur Versammlung geladen hat der "Verein der Direktversicherungsgeschädigten"

Johann Reh will jedoch nicht aufgeben. Wer nicht kämpft, der habe schließlich schon verloren, sagt er. Vielleicht habe er auch das Glück, das Geld wiederzubekommen. Und auch Kurt Lindinger vom Verein der Direktversicherungsgeschädigten gibt die Hoffnung nicht auf.

"Wir haben ja mittlerweile acht bis zehn Verfassungsbeschwerden vorliegen. Und jetzt hoffen wir mal, dass da in der nächsten Zeit was geht. Ich bin, was meine Person angeht, zuversichtlich dass das Bundesverfassungsgericht für uns was macht."

Kurt Lindinger

"Erst angelockt, dann abgezockt" heißt es auf einem Faltblatt des Vereins. Sie fordern den Stopp der Zwangsabgabe und die Rückerstattung der bezahlten Beträge. Denn sie fühlen sich betrogen und sehen es nicht als ihre Aufgabe an, die Löcher in den Sozialkassen zu stopfen, nur weil sie rechtzeitig und vernünftig fürs Alter vorgesorgt haben. 


135

Keine Kommentare mehr möglich. Hinweise zum Kommentieren finden Sie in den Kommentar-Spielregeln.)

Reinhard Wanzek, Samstag, 04.Februar, 13:03 Uhr

104. Betrug an uns Direktversicherten

Ich freue mich, daß immer häufiger Journalisten sich diesem Thema widmen. Jetzt stehen wieder Landtagswahlen und die Bundestagswahl vor der Tür. Das ist die Zeit, in der Politiker ein offenes Ohr für die Sorgen der Bürger vortäuschen.
Der erhoffte Heilsbringer der sPD, Herr Schulz, will sich um die Gerechtigkeit und den sozialen Frieden kümmern. Er und seine Genossen müssen sich daran messen lassen, ob sie dieses Unrecht, welches ihre Partei federführend 2004 durch das sog. Gesundheitsmodernisierungsgesetz in Kraft setzte, endlich beseitigen.
Sie sollten sich damit beeilen, den so schlicht sind die abgezockten und betrogenen betroffenen Dirketversicherten doch nicht, daß sie eine Partei, die so offensichtlich das Recht gebrochen hat, wählen werden. Das betrifft natürlich auch CDU/CSU und die Grünen.

Johann Dürrwanger, Donnerstag, 02.Februar, 19:14 Uhr

103. Krankenkassen Beitrag Direktversicherung

Da diese Ungerechtigkeit durch ein Gesetz beschlossen wurde, müsste es doch möglich sein auf unsere direkt zu wählenden Abgeordneten einzuwirken. Habe den Bundestags Abgeortneten unseres Wahlkreises angeschrieben und ihn aufgefordert das Gesetz zu ändern aber leider nur Vertröstung als Antwort erhalten. Es müsste doch möglich sein in einem Wahljahr mit mehr als sechs Millionen betroffenen dieses zu erreichen?

Johann Dürrwanger, Donnerstag, 02.Februar, 18:59 Uhr

102. Krankenkasseneitrag bei direktversicherung

Bei mir Altvertrag von 1990 bis 2001 angespart und dann Beitragsfrei gestellt. Es kann doch nicht sein, dass man zur Privaten Altersvorsorge aufgefordert wird, und dann mehr als die Gewinnrendite abgezogen wird? Es ist wieder so wie immer, die welche das Beschliessen sind leider nicht betroffen

Klaus Stanik, Dienstag, 31.Januar, 20:54 Uhr

101. Direktversicherung, Versammlung in Ingolstadt

Guten Tag,
ja, die Überraschung ist schon groß, wenn man feststellen muss, wie unverfroren hier viele unsere Politiker aller Parteien es ziemlich normal finden, wie der Staat die scheinbar "reichen Renter" plündert. Wenn sich die Politik fragt, warum und wie Vertrauen verloren geht, dann ist dies ein sehr gutes Beispiel. Aber die Rentner sind ja nicht organisiert und mit denen kann man doch fast alles machen. Naja, wir werden am Wahlergebnis sehen, ob sich nicht doch einige Renter überlegen, diesen Betrug, denn nichts anderes ist es, mit einer entsprechenden Wahl zu beantworten. Wundern dürfen sich die Politiker aber nicht, wenn plötzlich von den mindestens 12 Millionen (!) betroffenen Wahlberechtigten (meist ist es ja ein Rentnerpaar) doch nicht nur "ein paar" nicht mehr ihre langjährig gewählte Partei oder Kandidaten wählen. Denn "Wahltag ist Zahltag"!
Mit freundlichen Grüßen

dagmar schröder, Dienstag, 31.Januar, 20:10 Uhr

100. Direktversicherung

Welch ein Theater um die Direktversicherung, die Regierung, egal wer von denen werden dieses Geldgiergesetz nicht kippen . Ob Herr Schulz nun versucht die Bürger einzulullen um Wählerstimmen zu erlangen, ich glaube keinen von den Herrschaften da oben.Wir werden doch nur hingehalten.Es ist schon ungeheuerlich was die Politik sich mit uns erlaubt.Ich denke das alles aus dem Ruder gelaufen ist und nur noch ein Machtkampf zwischen den Parteien läuft.Die sind eigentlich nur mit sich und der Macht eines jedem einzelnen beschäftigt. Ich hoffe aber das die AFD Partei nicht durch dieses Durcheinander an die Macht gelangt.