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Siebenfacher Mordversuch? Angeklagte Hebamme schweigt vor Gericht

Eine frühere Hebamme des Klinikums Großhadern muss sich ab heute vor dem Münchner Landgericht wegen Mordversuchs an werdenden Müttern verantworten. Sie soll ihnen vor dem Kaiserschnitt Heparin injiziert haben. Die Frauen wären bei der OP fast verblutet.

Von: Christoph Dicke und Lorenz Storch

Stand: 26.01.2016

Regina K. blickt vor Beginn der Verhandlung offen in die Kameras der Berichterstatter. Sie wirkt gefasst und selbstbewusst. Ihr Verteidiger sieht gute Chancen auf Freispruch. Er spricht von einem Indizienprozess: Das, was die Staatsanwaltschaft vorgelegt habe, reiche nicht für eine Verurteilung aus. Die Staatsanwältin hält dagegen: 94 Zeugen sind im Prozess geladen. Es gebe ausreichend Beweise für die Taten. Die Verteidigung kündigt an, einen als Sachverständigen vorgesehenen Rechtsmediziner wegen Befangenheit abzulehnen. Ein Urteil wird erst im Herbst erwartet - es könnte lebenslänglich lauten.

Staatsanwaltschaft hat Taten rekonstruiert

Die Staatsanwältin verlas zum Prozessauftakt die 247-seitige Anklageschrift

Zwischen April und Juli 2014 konnte es für Hochschwangere über das normale Geburtsrisiko hinaus lebensgefährlich werden im Uniklinikum München-Großhadern. Denn die damals 33 Jahre alte Hebamme Regina K. soll laut Anklage Kaiserschnitt-Patientinnen vor der OP heimlich das blutgerinnungshemmende Mittel Heparin verabreicht haben, und zwar als Zugabe zur üblichen Infusion. Die vier in München betroffenen Frauen konnten infolge sehr starken Blutverlusts nur mit einer Not-OP gerettet werden. "Es bestand akute Lebensgefahr", sagten die Ermittler.

Heparin-Spuren in Infusionsschläuchen entdeckt

Prozessauftakt in München

Nach dem vierten Fall in Großhadern wurden die Infusionsschläuche gründlich untersucht: Es fanden sich Spuren von Heparin, das niemals hätte übertragen werden dürfen. Das Klinikum Großhadern, in dem die Hebamme seit 2012 arbeitete, erstattete sofort Anzeige. Am 18. Juli 2014 klickten die Handschellen. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Hebamme die Gefährlichkeit der verabreichten Medikamente bekannt war. Und so lautet die Anklage auf versuchten Mord.

"Es gehört nach allem, was wir wissen, zum medizinischen Standardwissen, dass ein derartiges Mittel bei einem Kaiserschnitt absolut nicht indiziert ist."

Staatsanwalt Peter Preuß, München

Frust über Halbierung ihrer Arbeitszeit?

Klinikum München-Großhadern

Die Angeklagte hat die Vorwürfe bislang zurückgewiesen. Nach Absprache mit ihrer Anwältin verweigerte sie im weiteren Verlauf der Ermittlungen die Aussage. Auch das mögliche Motiv ist noch unklar. Die heute 34-jährige Frau aus dem Münchner Umland ist nach Angaben der Ermittler ledig und hat selbst keine Kinder. Geltungsbedürfnis und Machtdemonstration könnten vermutlich eine Rolle gespielt haben, so die Ermittler. Sie sei unzufrieden darüber gewesen, dass die Klinikleitung ihre Arbeitszeit halbiert hatte. Angeblicher Grund: Rücken- und Hüftprobleme mit monatelangen Fehlzeiten seit 2013.

Fünf weitere mutmaßliche Tötungsversuche an hessischer Klinik

Die Hebamme soll auch in einem hessischen Krankenhaus in Bad Soden im Taunus, wo sie von 2007 bis 2012 beschäftigt war, zunächst einer Frau ein falsches Medikament verabreicht haben. Dabei habe es sich um ein wehenförderndes Präparat in einer hohen Dosierung gehandelt, so Klinik-Geschäftsführer Tobias Kaltenbach. Die Schwangere und ihr Kind hätten keinen Schaden erlitten, das Baby kam per Kaiserschnitt zur Welt. Als der Vorfall entdeckt wurde, sei die Hebamme sofort freigestellt worden. Doch strafrechtlich schien der Vorfall der Klinik offenbar nicht relevant.

Zwei Patientinnen verlieren Gebärmutter

Gänge im Klinikum Großhadern

Ein arbeitsrechtlicher Streit habe mit einem Vergleich geendet, erklärte der Geschäftsführer. Danach musste die Klinik der Hebamme eine Abfindung zahlen, die Vorwürfe fallen lassen und ein wohlwollendes Zeugnis mit der Note "Gut" ausstellen. Erst später wurden vier weitere Fälle entdeckt, in denen die Staatsanwaltschaft der Hebamme nun nachträglich eine falsche und gefährliche Medikation nachweisen will. In zwei Fällen habe die Medikation sogar dazu geführt, dass den Patientinnen nach der Entbindung die Gebärmutter entfernt werden musste. Alle Frauen waren nach den Vorfällen traumatisiert und brauchten psychologische Hilfe.

Großhadern war aus Hessen gewarnt worden

Der Chefarzt der Gynäkologischen Klinik in Bad Soden habe die Hebammenaufsicht über die Vorkommnisse informiert. Als dieser erfahren habe, dass die Frau am Münchner Universitätsklinikum Großhadern eine Stelle gefunden hatte, habe er an seinen Chefarztkollegen in München geschrieben:

"Ich habe die Befürchtung, dass sich Frau K. wieder in unerlaubter und gefährlicher Weise in die geburtshilfliche Betreuung Ihrer Patientinnen involviert."

Chefarzt der Gynäkologischen Klinik Bad Soden in einem Brief an die Klinik Großhadern

Darauf sei die Hebamme in Großhadern zum Gespräch gebeten worden. Konsequenzen aber gab es offenbar keine.

Verfahren auf sieben Fälle versuchten Mordes verkürzt

Ursprünglich wollte die Staatsanwaltschaft neun Fälle zur Anklage bringen. Doch nun werden sieben Fälle des versuchten Mordes vor dem Münchner Landgericht verhandelt. In zwei der angeklagten Fälle aus Hessen hat das Gericht das Verfahren vorläufig eingestellt. Die Staatsanwaltschaft hatte die Teileinstellung selbst beantragt, weil die beiden Fälle angesichts der zu erwartenden Gesamtstrafe nicht ins Gewicht fallen würden.

Angeklagte will weiterhin schweigen

Die Angeklagte mit ihrem Verteidiger Hermann Kühn

Die Angeklagte hat angekündigt, auch vor Gericht zu schweigen. Die Hebamme, die in Untersuchungshaft sitzt, geht parallel zum Strafprozess auch gegen ihre Kündigung durch das Klinikum Großhadern arbeitsgerichtlich vor. Verteidiger Hermann Kühn hat einen Befangenheitsantrag gegen einen als Sachverständigen bestellten Rechtsmediziner gestellt, weil er bei der Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität arbeitet, zu der auch das Klinikum Großhadern gehört. Über den Antrag soll bis zum nächsten Prozesstermin am 5. Februar entschieden werden.

Nebenklägerin: Klinik Bad Soden kehrte Sache lange unter den Tisch

Eines der mutmaßlichen Opfer der Hebamme aus Hessen war als Nebenklägerin mit im Gerichtssaal. Über Tage musste sie 2012 immer wieder operiert werden. 44 Transfusionen waren nötig, um ihr Leben zu retten. Sie kann seither keine Kinder mehr bekommen. Ihre Anwältin, Ute Döpfer, sagte, ihre Mandantin sei eine sehr starke und kluge Frau und habe das Geschehen durch "viele Gespräche" verarbeitet. Döpfer lobte die Ermittlungsarbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft in München: "Das ist eine sehr fundierte Anklage, die Polizei hat phantastische Arbeit geleistet. Meine Mandantin ist sehr froh, dass die Sache so gewichtig bearbeitet wird." Der damaligen Patientin sei es ein großes Anliegen, dass jetzt alle Fakten auf den Tisch kämen - vor allem weil in der hessischen Klinik Bad Soden die Sache sehr lange unter den Tisch gekehrt worden sei.

Morde im Krankenhaus

  • 2015: Das Landgericht Oldenburg verurteilt einen Krankenpfleger wegen des Todes von fünf Patienten zu lebenslanger Haft. Der Mann hatte gestanden, von 2003 bis 2005 etwa 30 Patienten getötet zu haben, die Polizei geht mehr als 200 Verdachtsfällen nach. Der Pfleger hatte die Opfer am Klinikum Delmenhorst mit einem Herzmedikament zu Tode gespritzt.
  • 2010: Wegen Mordes und Mordversuchs verurteilt das Landgericht Dresden eine Krankenschwester zu lebenslanger Haft. Die 33-Jährige tötete mehrere Menschen mit zu hoch dosiertem Insulin.
  • 2007: Wegen fünffachen Mordes an schwer kranken Patienten wird eine ehemalige Krankenschwester der Berliner Charité zu lebenslanger Haft verurteilt. Die 55-Jährige brachte ihre Opfer mit Medikamenten um.
  • 2006: Der sogenannte Todespfleger von Sonthofen muss lebenslang ins Gefängnis. Nach Überzeugung der Richter hat der Mann 28 meist alte und zum Teil schwer kranke Klinikpatienten zu Tode gespritzt. (Quelle: dpa)

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  • zur Sendungshomepage Stadtnachrichten aus München Montag bis Freitag von 6.00 bis 18.00 Uhr, alle 30 Minuten, Bayern 1

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