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Das medizinische Marihuana Cannabis auf Rezept: So läuft's in Bayern

Viele Schmerzpatienten haben ihre Hoffnung in das Gesetz "Cannabis als Medizin" gesetzt. Aber längst sind nicht alle Menschen zufrieden. Für sie ist die derzeitige Situation ein Bravourstück gescheiterter Gesundheitspolitik.

Von: Birgit Grundner

Stand: 29.07.2017

Cannabis-Pflanzen, aus denen auch Marihuana hergestellt wird | Bild: picture-alliance/dpa

Alexandra Scheiderer sitzt auf Kohlen. Die 44-jährige Münchnerin ist schwer krank: Bandscheibenvorfälle, Operationen,  Spastiken. Die letzten sieben Jahre hat sie Morphium genommen. Jetzt spielen Magen, Leber und Nieren nicht mehr mit. "Für mich bleibt nur Cannabis", sagt sie. Aber: Der Antrag bei der Krankenkasse ist immer noch nicht durch.

"Die letzten Wochen sind die Hölle. Seit April bin ich kein Mensch mehr, weil ich 24 Stunden ganz starke Schmerzen habe. Jetzt laufe ich mit Rollator, vorher bin ich wenigstens ohne Rollator rumgelaufen. Ich schlafe jede Nacht nur vier Stunden. Dementsprechend bin ich tagsüber beinander."

Alexandra Scheiderer, Betroffene    

"Ein Bravourstück für gescheiterte Gesundheitspolitik"

Franz Wolf hat die Genehmigung von der Krankenkasse. Der 50-jährige Münchner leidet an einer posttraumatischen Belastungsstörung und nach zahlreichen Verkehrsunfällen an chronischen Schmerzen. Seit 30 Jahren hilft sich der Münchner mit Cannabis – inzwischen mit Rezept. Nur: Dafür kriegt er in der Apotheke nicht genau das Produkt, mit dem er die besten Erfahrungen gemacht hat  – sein Resümee nach gut vier Monaten "Cannabis als Medizin"-Gesetz: vernichtend.

"Die derzeitige Situation ist ein Bravourstück für gescheiterte Gesundheitspolitik. Die Versorgungssituation ist desolat. Es gibt viele, die nichts bekommen, da fühlt man sich sehr ernst genommen als Patient. Da da muss man wirklich sagen “Chapeau“, das hätte man nicht besser in den Sand setzen können."

Franz Wolf, Betroffener    

Hanf - Cannabis

Rund 1.000 Schwerkranke in Deutschland hatten schon vor dem neuen Gesetz eine Ausnahmegenehmigung, durften also legal Cannabisprodukte in Apotheken kaufen und konsumieren. Die Hoffnung, dass nun die Kassen die Kosten übernehmen, habe sich bis jetzt aber nur für etwa 300 dieser Patienten erfüllt.

Großhandel kommt nicht nach

Die Menschen, für die das Gesetz ursprünglich gemacht wurde, hätten nicht alle was davon, sagt Wenzel Cerveny, Veranstalter der Münchner Hanfmesse. Momentan entscheidet letztlich der Medizinische Dienst der Krankenkassen, wer Cannabis bezahlt bekommt. Die Politik stiehlt sich aus der Verantwortung, findet er.  

"Die Politik ist jetzt schön aus dem Schneider, die hat sich ganz toll präsentiert, hundertprozentig haben alle Parteien dafür gestimmt. Aber die Patienten werden im Stich gelassen. Durch die Krankenkassen und Krankenkassendienste dauert es fünf Wochen bis sie Bescheid kriegen, dann kommt eine Ablehnung, dann wird nur eine Sorte genehmigt, und die ist nicht lieferbar. Der Arzt muss eine neue Sorte betragen, das dauert dann wieder fünf Wochen."

Wenzel Cerny

Markt ist leergefegt

Der Großhandel kommt mit den Cannabis-Lieferungen nicht nach, hat auch Rolf Müller festgestellt. Der Arzt aus Seeshaupt mit Praxis in München weiß aber: "Es gibt Apotheken, die beziehen ihre Cannabispräparate direkt vom Hersteller, und die wussten, dass der Markt leergefegt sein wird. Die haben riesige Kellerbestände angelegt und geben das ab." Das größere Problem ist deshalb auch in seinen Augen ein anderes:

"Wir Ärzte liefern alle Atteste, bergeweise Vorbefunde, und jeder vernünftige Mensch, der so einen Antrag dem Gesetz entsprechend beurteilt, müsste zum Schluss kommen, dieser Mensch verdient es, erstattet zu bekommen. Tatsache ist: In mehr als 50 Prozent wehren sich die Krankenkassen dagegen diesen Anträgen zu entsprechen, und die Patienten sind gezwungen vor Gericht zu gehen und sich ihr Recht zu erstreiten."

Rolf Müller, Arzt aus Seeshaupt

Nur jeder zweite Antrag bewilligt

Dr. Claudia Wöhler

Das entspricht auch etwa den Zahlen, die die Barmer nennt. Sie ist einer der großen Krankenversicherungen. Der Marktanteil liegt bei 13 Prozent. Seit dem neuen Gesetz hat sie deutschlandweit 1.550 Anträge auf die Kostenübernahme für Cannabis bekommen. Die Hälfte wurde bewilligt, sagt Landesgeschäftsführerin Claudia Wöhler: "Das geht rund um die Behandlung von Spastik, Schmerzen, onkologischen Erkrankungen bis hin zu ADHS und Tourettesyndrom - und auch in den Bereich der Behandlungen von Nebenwirkungen bei Chemotherapie."

50 Prozent bewilligt heißt aber eben auch: 50 Prozent abgelehnt. Gehen die Ärzte in den Augen der Versicherung zu großzügig mit Cannabis-Rezepten um? "Ich gehe immer davon aus, dass ein Mediziner sein Bestes tut und die beste Therapie auswählt. Man muss aber den gesamten Patienten mit seiner gesamten Krankengeschichte bewerten. Da gibt es halt auch mal Differenzen zwischen Medizinischem Dienst und behandelndem Arzt", sagt sie.

Nicht beim Dealer kaufen

Alexandra Scheiderer wird die nächsten Tage bei ihrer Versicherung weitere Papiere einreichen. Dann, so die Hoffnung, bekommt sie endlich den ersehnten Bescheid auf Kostenübernahme. Ein anderer Weg, ein illegaler, ist für sie keine Option.

"Weil es ein Risiko ist. Das Zeug wird gestreckt mit Haarspray und Blei. Ich will mich nicht umbringen. Ich will legal einfach Medizin."

Alexandra Scheiderer


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Kai W. Reinschmidt, Sonntag, 30.Juli, 14:47 Uhr

5.

"Weil es ein Risiko ist. Das Zeug wird gestreckt mit Haarspray und Blei. Ich will mich nicht umbringen. Ich will legal einfach Medizin."
Eine direkte Konsequenz aus jahrzehntelanger falscher Cannabispolitik. WER WAR DAS? :D

Rolf Müller, Sonntag, 30.Juli, 07:01 Uhr

4. Cannabis auf BTM Rezept

Keine einzige der politischen Parteien wird letztendlich die Interessen der Wähler, der hilfesuchenden Patienten vertreten können, dürfen und wollen.
Das Interesse dieser Parteien besteht darin, die Stimmen der Wähler vor den Wahlen zu gewinnen. Was danach geschieht, sieht oft ganz anders aus. Leider, aber wahr. Nur die Solidarität von Patienten und uns Ärzten kann eine politische gewichtige Stimme bilden, welche auch gehört wird. Aber viele meiner Kollegen haben vollkommen irrationale Berührungsängste bei diesem Thema. Dies beruht auf Unwissen. Wir müssen aufklären.
Defacto hat sich die Situation vieler hilfesuchender Patienten, oft schulmedizinisch austherapiert, nun verschlechtert. Denn früher gab es die Ausnahmeregelung des Eigenanbaus, welche nun weggefallen ist. Nun gibt es die Möglichkeit eines "eigenen" BTM-Rezeptes auf medizinisches Cannabis, welches ein Arzt ausstellen kann, aber die Kassen nur selten erstatten, und der Patient aus eigener Tasche oft überhaupt nicht.
We ar

  • Antwort von Optic, Montag, 31.Juli, 12:07 Uhr

    Nein in Berlin versuchen das die Grünen schon. Weniger aus ideologischen Gründen als aus praktischen Überlegungen. Denn die bisherige Drogenpolitik ist gescheitert. Die Frage ist nur wieviel Wählerstimmen sie bekommen. Von einer CSU die massiv die gefährlichere Alkoholindustrie unterstützt ist das nicht zu erwarten.
    Stellen Sie sich vor ein CSU Aschermittwoch ohne Bier. Ein Nockherberg ohne Starkbier. Das geht aus deren Sicht gar nicht.
    Wer den Patienten wirklich helfen will muß insgesamt auf die Cannabispolitik Einfluß nehmen.

    Das tun die Union nur in Ausnahmefällen, die SPD hat auch mehr als Bauchrummeln. Die Grünen und (man Staune) auch die FDP befürworten eine Entkriminalisierung
    von Cannabis.

Optic, Sonntag, 30.Juli, 05:28 Uhr

3. Es braucht eine neue Reform

Wir haben jetzt für einen Patienten durchgeboxt, dass er Cannabis auf,Rezept beziehen kann. Vorher hat er sich selbst aus dem eigenen Garten selbstversorgt. Immer mit der Angst erwischt zu werden.
Die,Angst ist jetzt weg, aber er behauptet das selbstangebaute Kraut sei deutlich besser gewesen. Ich kannst nicht beurteilen, ich bin kein Konsument.
Ich frag mich aber, warum der Anbau von Cannabis nicht grundsätzlich freigegeben wird. Die Ärzte des o.a.Patienten meinten Cannabiskonsum sei aus ihrer Sicht weniger schädlich als Alkoholkonsum.
Seit ich weiß wie Cannabis riecht, fällt mir auf, dass Marihuana doch eh schon an jeder Ecke konsumiert wird. Selbst auf dem flachen Land und in Kreisen in denen ich das nicht vermutet hätte.
In der Schweiz, so hab ich kürzlich gelesen, kann Cannabis mit einem hohen CBD Anteil aber einem THC Anteil von unter einem Prozent ganz legal erworben werden. Soweit ich weiß, ist es doch meist der Höhe CBD Anteil, der den Patienten i.d.Regel hilft.

Toni, Samstag, 29.Juli, 19:27 Uhr

2. Die 6 Tonnen Marihuana, die 2016 sichergestellt wurden, nicht einfach vernichten

Vor wenigen Tagen hat die Polizei 550 Kilo Marihuana in guter bis sehr guter Qualität in einem Lastwagen auf der A9 sichergestellt. 2016 stellte allein der deutsche Zoll 2,2 Tonnen Marihuana sicher, Die Gesamtmenge betrug 2016 sechs Tonnen. Der Stoff wird auf seinen THC/Wirkstoffgehalt geprüft, er könnte auch auf Verunreinigungen z.B. mit Pestiziden getestet werden. An eine therapeutische Nutzung sind strenge Kriterien geknüpft. Unter anderem muss man den Ursprung und die Gattung der Pflanze kennen.
Über diesen Schatten könnten unsere Behörden bei Abwägung der geschilderten dramatischen Notlage Betroffener wirklich springen.
Zumal auch Alkohol, falls er verwertungsfähig ist, auf Zoll-Auktionen weiterverkauft wird.

  • Antwort von Johann, Montag, 31.Juli, 11:03 Uhr

    Die Angabe mit den 6 Tonnen, die im ganzen Jahr 2016 sichergestellt wurden, habe ich auch gelesen.

    Zum Vergleich: In Deutschland werden trotz des Verbots etwa 2 bis 3 Tonnen Cannabis verkauft – an einem einzigen Tag!

    Was für eine unglaubliche Verschwendung von Steuergeldern...

Hallo, Samstag, 29.Juli, 13:16 Uhr

1. Opium? WTF?

Zitat: "Die letzten sieben Jahre hat sie Morphium genommen. Jetzt spielen Magen, Leber und Nieren nicht mehr mit."

Was? Sieben Jahre lang Morphium auf Rezept und dann blockiert die Krankenkasse THC?
Weil es den Opium-Markt kaputt macht oder wie?
Was für ein Schwachsinn. Nicht nur medizinisch gesehen.

  • Antwort von Leo Bronstein, Samstag, 29.Juli, 19:42 Uhr

    Ich bin der Meinung, dass gewisse Dinge in einem Staat strengstens reguliert gehören, auch wenn meine Ansichten sicher nicht mehrheitsfähig sind.
    Dazu sollte auch alles was mit Medikamenten zu tun hat gehören.

    Und sollten sich Pharma Firmen quer stellen wäre es eine hervorragende Möglichkeit für interdisziplinärer Zusammenarbeit von Universitäten.
    (Feld)Übungen für Agrarwissenschaften, Pharmazeuten, ...