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Gutachten zu Erdbeben in Poing Geothermieanlage wahrscheinlich der Auslöser

Die Geothermieanlage des Bayernwerks steht in dringendem Verdacht, für eine Reihe von Erdbeben in der Region Poing/Ebersberg verantwortlich zu sein. Zu diesem Ergebnis kommen Gutachter aus Hannover.

Von: Fabian Mader

Stand: 13.09.2017

Eine  Gebäude auf einem Gelände: Ein Teil der Geothermie-Anlage in Poing | Bild: Bayerischer Rundfunk

Es ist technisch möglich und auch wahrscheinlich, dass die Geothermieanlage bei Poing mehrfach Erdstöße in der Umgebung ausgelöst hat, sagt die Forschergruppe vom Leibniz-Institut für angewandte Geophysik in Hannover. Erst am vergangenen Samstag hatte der Boden bei Poing vibriert - so stark wie nie zuvor.

Aber: Noch kein eindeutiger Beweis

Allerdings seien die Beben rund 600 Meter entfernt von der Bohrung aufgetreten. Daher lasse sich der Zusammenhang nicht eindeutig beweisen, auch wenn der Verdacht aus wissenschaftlicher Sicht nahe liege, sagte Inga Moeck vom Leibniz-Institut für angewandte Geophysik in Hannover. Sie hatte die Untersuchung der Mikrobeben geleitet. "Wenn ich vor Gericht wäre, könnte ich keinen eindeutigen Beweis liefern, dass es die Geothermie war", sagte die Forscherin dem Bayerischen Rundfunk.

Bayernwerk sagt genauere Untersuchungen zu

Da der Zusammenhang wahrscheinlich sei, empfahl sie dem Betreiber Bayernwerk AG, Bodenschwingungen noch genauer zu messen und die Daten den Bürgern öffentlich zugänglich zu machen. Das Unternehmen hat gegenüber dem Bayerischen Rundfunk bereits zugesagt, diese Forderung auch umzusetzen.

Häuser bei dieser Stärke noch nicht gefährdet

Geothermieanlage in Poing

Bei dem jüngsten Beben am Samstag lagen die Bodenschwingungen bei 1,6 Millimeter pro Sekunde und damit deutlich unter den Grenzwerten, die für Gebäude gelten. Einfamilienhäuser müssen das Dreifache aushalten können, Industriebauten sogar das Sechsfache. Daher bedeuteten diese Beben unterhalb der Grenzwerte für Bauten nicht das Aus für die Nutzung der ökologisch sinnvollen Erdwärme, betonte Gutachterin Inga Moeck vom Leibniz-Institut gegenüber dem BR.

Bereits im vergangenen Jahr hatte bei Poing mehrmals die Erde vibriert. Einen Zusammenhang mit der Geothermieanlage hatte der Betreiber Bayernwerk AG stets ausgeschlossen. Doch nach dem dritten Erdbeben innerhalb von neun Monaten fordert die Gemeinde Poing den Betreiber auf, alle Informationen über einen möglichen Zusammenhang zwischen Beben und Energiegewinnung offenzulegen. Die Bayernwerk AG hatte die Anlage am Montag vorübergehend stillgelegt.

Der vollständige Forschungsbericht wird im Oktober erwartet

Das für die Aufsicht der Geothermie zuständige Bergamt Südbayern will nun die schriftlichen Ergebnisse des Gutachtens des Leibniz-Instituts für Angewandte Geophysik (LIAG) zum Erdbeben von 2016 abwarten, ehe es mögliche Konsequenzen zieht. Das bis zu 80 Grad Celsius heiße Wasser wird in der Anlage aus 3.000 Metern Tiefe gepumpt und abgekühlt an anderer Stelle zurückgeleitet.


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Bernhard, Samstag, 16.September, 22:45 Uhr

4. Vertrauensverlust

Dass Geothermie Erdbeben auslösen kann, ist spätestens seit dem Gutachten 2010 zum Erdbeben im August 2009 beim Geothermiekraftwerk Landau (Pfalz) am Oberrhein bekannt. Aber damals hieß es, so etwas sei im Molassebecken des Voralpenlandes nicht zu erwarten: Weil hier der Untergrund offene Wasseradern habe, baue sich beim Nach-unten-Pumpen des Wassers kein Druck auf.
Bemerkenswert ist, dass nun an einer Stelle ein Erdbeben aufgetreten ist, wo man es vor wenigen Jahren aus theoretischen Überlegungen für ziemlich unwahrscheinlich gehalten hat.

Alex Pöschel, Donnerstag, 14.September, 13:21 Uhr

3. Geothermie Weilheim

Das ist ja fein, daß wir auf diese Weise erfahren, daß es - laut renommierter Forschergruppe - "technisch möglich und auch wahrscheinlich" ist, daß ein Erdwärme-Kraftwerk Erdbeben verursacht!

Bei uns in der Nähe, ca. 4 km Luftlinie entfernt, entsteht Deutschlands größtes Erdwärme-Kraftwerk. Aus bis zu sechs Bohrungen, ca. 4 km tief, sollen jeweils ca. 500000 Liter Wasser in der Stunde, 140 Grad heiß, raufkommen, thermisch genutzt und anschließend wieder " im Boden verpresst" werden.

Just dort in der Nähe entsprigt auch das Flüßchen Rott, das von der Lichtenau - so nennt man die Gegend - durch Raisting in den Ammersee fließt. Auch über ein neues, größeres Wohnbaugebiet unweit der Rott wird hier heftig diskutiert.

Man könnt sich fast Sorgen machen!

Alex Pöschel, Raisting

  • Antwort von Ernst, Donnerstag, 14.September, 15:11 Uhr

    Zwischen Germering und Freiham ist ebenfalls ein "Turm", dessen Wichtigkeit im Vorfeld hochgelobt wurde. Was das Wohnbaugebiet betrifft, so ist nach Jahren des Hin-und Her der Bürger, wie immer, auf der Strecke geblieben. Hier entsteht bereits eine Trabantenstadt, bzw ist die Flächenversiegelung in vollem Gange.
    Ich will ja nicht unken, aber ich fürchte, das jetzt noch umstrittene Wohnbaugebiet unweit der Rott wird kommen, denn Profit regiert die Welt. Fauna und Flora bleiben auf der Strecke. Irgendwann wird es sich rächen, denke ich mal.

  • Antwort von Isar-Wuidara, Donnerstag, 14.September, 15:24 Uhr

    ja fast :-) ...die Eidgenossen gehen mit der Thematik etwas offener und profesioneller um.

Isar-Wuidara, Donnerstag, 14.September, 08:39 Uhr

2. Sichtweise

"Allerdings seien die Beben rund 600 Meter entfernt von der Bohrung aufgetreten" aha welche Bohrung denn genau, die aus welcher das Wasser gefördert wird oder die, durch welche das erkaltete Wasser wieder in die Erde gepumpt wird? Wie auch immer 600m vom Bohrloch ist nicht so weit weg. Man sollte das hier nicht mit einem Brunnen vergleichen. Dazu hier die Lektüre vom Umweltbundesamt https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/tiefe-geothermie-moegliche-umweltauswirkungen . Wenn man allerdings nur die positiven Dinge hochjubelt und die negativen ignoriert, dann kann es durchaus vorkommen, daß man sich im nachhinein eine Ausrede einfallen lassen muss.

Sobik, Mittwoch, 13.September, 21:37 Uhr

1. Wer zahlt die Schäden?

Der Betreiber?

  • Antwort von Thomas , Donnerstag, 14.September, 17:30 Uhr

    Welche Schäden??? Bei einem Beben der Magnitude 2.0 mit einer lokal nachgewiesenen Schwinggeschwindigkeit von deutlich unterhalb des Grenzwertes nach DIN-Norm entstehen keine Schäden! Wenn einer doch einen Schaden meldet, ist dieser nicht durch diesen Erdstoss entstanden, sondern allenfalls alt. Ein Baugutachter kann das z.B. durch eine Porenanalyse (Gebäuderiss) nachweisen.

  • Antwort von Thomas Bloch, Samstag, 16.September, 09:20 Uhr

    Wenn es keine Schäden (gemessene Bodenschwinggeschwindigkeit mit ca. 2mm/s mehr als die Hälfte unter dem gesetzlichen Grenzwert nach relevanter DIN-Norm) gibt, wie für ein Magnitude 2 Erdstoss typisch, braucht auch niemand für Schäden aufkommen. Wenn dennoch Schäden gemeldet werden, so ist mit etablierten Methoden (z.B. Pollenanalyse bei Fassadenrissen ) durch Fachleute feststellbar, ob diese älter als das Erdbeben sind, oder ob diese mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit dem Erdstoss zugeordnet werden können.