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Schriftsteller und Enfant terrible Franz Xaver Kroetz wird 70

Vor Augen hat man ihn als Darsteller des Baby Schimmerlos in Helmut Dietls Kult-Serie "Kir Royal", doch er hat mehr als 60 Theaterstücke geschrieben und das "sozialkritische Volksstück" neu erfunden. Sein neuestes Werk, ein Drehbuch für einen München-Tatort, wird aber wohl nicht realisiert.

Stand: 25.02.2016

FXKroetz | Bild: picture-alliance/dpa

Franz Xaver Kroetz hat entschieden: Raus aus dem Rampenlicht. Rückzug.

Zu seinem 70. Geburtstag möchte er ausdrücklich nicht geehrt werden, ließ er etwa die Kollegen von der BR-Redaktion "Capriccio" wissen, die sich aber - natürlich - nicht daran hält.

Vom Kommunist mit Hang zum modernen Bauerntheater bis zum Klatschreporter-Darsteller in "Kir Royal" – Kroetz war als Schriftsteller, Theatermacher und Schauspieler immer eine schillernde Figur.

Eigentlich hat er vor zehn Jahren aufgehört, Theaterstücke zu schreiben. Im Zeitalter der "Anything goes" geht eben auch das: Schriftsteller, die sich nicht mehr zu Wort melden, Autoren, die allenfalls für die Schublade schreiben, nicht für die Öffentlichkeit. Doch die Leidenschaft für das, was er den "hymnischen Schwachsinn" nennt, ist geblieben - zumindest ein bisschen.

"Mir geht das am Arsch vorbei"

Schriftsteller und Schauspieler: Franz Xaver Kroetz als Wilderer.

Franz Xaver Kroetz ist ein Wandler zwischen den Welten: Theater und Literatur auf der einen, Fernsehen auf der anderen Seite. Dieser Spagat hat ihm viel Kritik eingebracht, doch die kratzt ihn nicht mehr, wie er der Deutschen Presse-Agentur erklärte.

"Mir geht das am Arsch vorbei. Wer Gift spritzen will, soll Gift spritzen. Es gab ja mal eine Zeit, in der die Theaterkritik kein anderes Interesse hatte, als mich als größte Gefahr des deutschen Theaters zu vernichten und das Theater zu schützen vor solchen Leuten wie mir. Ich hatte eigentlich fast mein Leben lang das Gefühl, das Feuilleton ist mein Feind. Ich habe mich nach den Premieren meistens geduckt und gedacht: Jetzt kommen diese zwei Tage Scheiße."

Franz Xaver Kroetz

Kein Büchnerpreis für Fernseh-Serien-Kopf

Franz Xaver Kroetz 1986 als Baby Schimmerlos (Mitte) mit Senta Berger und Dieter Hildebrandt in "Kir Royal".

Wahrscheinlich hing das mit "Kir Royal" zusammen, meint Kroetz heute, Helmut Dietls Kult-Serie, in der er 1986 die Satire-Rolle des Klatsch-Reporters Baby Schimmerlos übernommen hatte. Die Ernsthaften im Kulturbetrieb hätten ihn abgelehnt als Vertreter des Mediums Fersehen, als Kopf aus einer Ferseh-Serie.

"Marcel Reich-Ranicki hat damals geschrieben, ich sei ein ernsthafter Anwärter auf den Büchner-Preis gewesen ... Ich glaube, man hat gesagt, man kann doch nicht dem Baby Schimmerlos den Büchner-Preis geben."

Franz Xaver Kroetz

Seine Sozialkritik, wie er sie etwa in "Wunschkonzert" auf die Bühne brachte, ist unvergessen. Eine einzige Protagonistin spielt darin, und sie sagt kein einziges Wort. Zuletzt aber begeht sie Selbstmord: Eine starke Metapher auch für die Sprachlosigkeit in unserer Gesellschaft. Seine Stücke wurden international wegen ihrer politischen Stoßkraft hoch gelobt, in rund 30 Sprachen übersetzt und in mehr als 40 Ländern der Welt aufgeführt.

"Habe geschrieben, um Geld zu verdienen"

Kroetz heute erklärt sein Leben als Künstler im Rückblick eher pragmatisch: Mit 15 Jahren ging er auf die Schauspielschule, und Schauspieler und Schriftsteller, das waren dann eben seine zwei Berufe.

"Mit fünf Kindern, vielen Frauen, vielen Autos, Häusern, allem möglichen, war es meine Erwerbsquelle. Da kann man nicht aufgeben. Damals gab es noch nicht mal Hartz IV. Wenn ich nicht mehr geschrieben hätte - was hätte ich denn dann gemacht? Ich habe nicht geschrieben, um unsterblich zu werden, sondern schlicht und einfach, um Geld zu verdienen. Das war ein Lebenskampf, den ich - wenn ich zurückblicke - gut bewältigt habe."

Franz Xaver Kroetz

Auch dass Kroetz vor zehn Jahren die Feder als Theaterschriftsteller aus der Hand legte, war keine Entscheidung gegen das Theater, sondern einfach den Umständen geschuldet, meint er:

"Das hat sich finanziell nicht mehr rentiert. Meine Bühnenpräsenz, mein Erfolg als Dramatiker auf deutschen Bühnen, hatte so nachgelassen, dass ich mir das Theaterstücke-Schreiben nicht mehr leisten konnte. Da hätte der Schauspieler Kroetz den Dramatiker Kroetz alimentieren müssen. Das klingt jetzt vielleicht sehr profan, aber ich glaube, Shakespeare hat nicht eine Zeile geschrieben, ohne ans Geld zu denken."

Franz Xaver Kroetz

"Sie ist ja 30 Jahre jünger als ich"

Heute schreibt Kroetz Gedichte. Der Wahnsinn, der "weltumfassende Irrsinn, dieser hymnische Schwachsinn, der in uns Künstlern allen drin ist", sei verstummt, seine Faszination am Schreiben sei geschrumpft. Trotzdem arbeitet Kroetz auch noch an einem Theaterstück mit dem Titel "Alter Man, was nun?" Es geht darin um einen Schriftsteller, der nicht mehr schreiben kann, und Kroetz arbeitet seit fünf Jahren an diesem Drama.

"Es dramatisiert ein bisschen die Zeit, in der ich meine jetzige Lebensgefährtin kennengelernt habe, und beschreibt die Verwerfungen in der Familie und was da so passiert ist. Sie ist ja 30 Jahre jünger als ich. Die Arbeit ist aber schwierig, weil es ja kein Fernsehspiel werden darf, kein Plaudern aus dem Nähkästchen. Das muss großes, episches Theater und unangreifbar sein."

Franz Xaver Kroetz


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