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Fakten-Check Flüchtlinge Keine Angst vorm schwarzen Mann

Gewalt und Diebstähle - davor haben viele Menschen Angst, die rund um Flüchtlingsunterkünfte wohnen. Aber sind diese Ängste auch begründet? Zahlen und Erfahrungen sprechen dagegen. Hier unser Fakten-Check Flüchtlinge aus Fürstenfeldbruck.

Von: David Friedman

Stand: 30.09.2015

Fürstenfeldbruck, westlich von München: Eine Kleinstadt mit 34 000 Einwohnern, dazu kommen zurzeit 800 Asylbewerber in einer Aufnahmeeinrichtung auf dem ehemaligen Fliegerhorst. Wie so oft haben auch hier Anwohner Ängste und Befürchtungen, die die Flüchtlinge betreffen.

Flüchtlinge verantwortlich für Fahrrad-Diebstähle?

Auf Nachfrage äußern sie mulmige Gefühle, dazu kommen Anschuldigungen und auch Behauptungen - aus nicht immer zuverlässigen Quellen. Gleicht man die Ängst mit der Realität ab, bleibt häufig nicht mehr viel von den Vorwürfen übrig. Direkt gegenüber der Flüchtlingsunterkunft hat jemand einen Zettel mit Tesafilm an einen Lichtmast geklebt. Darauf ein Foto von einem Trekkingrad – und dann in großer Schrift: "Geklaut". Eine empörte Bruckerin ist sich sicher, dass Flüchtlinge für den Diebstahl verantwortlich sind:

"Wir Deutschen haben Fahrräder teilweise in den Privathöfen stehen. Die werden uns dann geklaut und werden im Fliegerhorst wieder hergerichtet. Dann verkaufen es die Flüchtlinge."

Eine Fürstenfeldbruckerin

Auf Nachfrage, ob ihr selbst oder in ihrem Umfeld auch schon etwas gestohlen wurde, verneint sie allerdings. Woher sie wisse, dass die Flüchtlinge stehlen? Sie sagt, sie wisse es vom Hörensagen und von Facebook.

Polizei: Mehr Diebstähle - auch von Deutschen

Die Polizei-Inspektion Fürstenfeldbruck kann allerdings nicht feststellen, wer die Fahrräder stiehlt: Hiesige Diebe oder Flüchtlinge aus der Unterkunft? Fest steht aber, dass die sogenannte „Kleinkriminalität“ in Fürstenfeldbruck leicht zugenommen hat. Die Polizei hat dafür eine einfache Erklärung: Viele Supermärkte hätten extra „Security“-Personal angestellt und daher mehr Diebe beim Stehlen erwischt. Das seien Flüchtlinge und Deutsche

Trotzdem fürchten sich viele Bürger lediglich vor den Flüchtlingen. Ein Anwohner, der 500 Meter von der Flüchtlingsunterkunft entfernt wohnt, hat sich sogar extra ein Sicherheitsschloss einbauen lassen. Auch wenn er bisher noch nichts davon mitbekommen hat, dass es tatsächlich Einbrüche gegeben hat: Er hat Angst und geht lieber auf Nummer sicher.

Angst vor Übergriffen – wegen Kommentaren auf Facebook

Vor allem bei einigen Frauen hält sich ein Gefühl der Bedrohung. Sie fürchten sich vor den Männern aus der Unterkunft. Gleich mehrere Frauen aus der Umgebung erwiedern das:

"Gerade hier, wo die Flüchtlinge sind, möchte ich am Abend nicht mehr alleine rausgehen."

Eine Anwohnerin

Gerade das, was man in den sozialen Netzwerken zu hören kriegt, würde ihr schon ein ungutes Gefühl verschaffen, sagt eine andere. Und eine Dritte hat immer Vergewaltigung und Belästigung im Hinterkopf, wenn sie männliche Flüchtlinge sieht:  "Wegen dem, was man so hört." Auf Rückfrage, ob einer der Frauen auch schon selbst bedroht wurden, verneinen sie aber alle. Auch im Bekanntenkreis hätte es noch keine Fälle gegeben.

Kein einziges Sexualdelikt

Die Angst vor Vergewaltigung und Übergriffen haben Frauen auch in vielen anderen bayerischen Gemeinden. Diese Angst kann jedoch nicht durch Zahlen belegt werden, sagt der Sprecher des Ingolstädter Polizei-Präsidiums für ganz Bayern. Die Fürstenfeldbrucker Polizei-Inspektion stellt beispielsweise fest: Seit einem Jahr hat es auf ihrem Gebiet kein einziges Sexualdelikt gegeben. Weder in noch außerhalb der Flüchtlingsunterkunft.

Alkohol und Müll sind tatsächlich ein Problem

Auch von Schlägereien oder Überfällen, in die Flüchtlinge verwickelt sein könnten, steht nichts in den Akten. Ein Problem aber bleibt: Alkohol und Müll. Nicht weit von der Flüchtlingsunterkunft liegen ein Supermarkt und ein Parkplatz. Ein Anwohner ist wenig begeistert davon, dass hier viele Flüchtlinge ihre Zeit verbringen:

"Was mir Bedenken macht, gerade hier speziell vor dem Geschäft, dass sehr viele rumsitzen, die sich den Hals mit Alkohol vollhauen. Und das ist schon eine Sache, wo ich mir denke, die müssen unbedingt beschäftigt werden."

Ein Anwohner

Vor allem Langeweile

Langeweile ist tatsächlich ein Motiv für die Männer der Unterkunft, nach draußen zu gehen und zu trinken: Laut Fürstenfeldbrucker Polizeipräsidium konsumieren die Männer den gekauften Alkohol auf dem Parkplatz, weil sie ihn nicht in die Unterkunft mitnehmen dürfen. Dort herrscht ein striktes Alkoholverbot. Deswegen landen viele Flaschen im Gebüsch, zusammen mit anderem Verpackungs-Müll. Wo viele Menschen zusammenkommen, entstehen Müllberge. Davon kann jeder Pop-Konzert-Veranstalter ein Lied singen.

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