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Stickoxidbelastung in München Bald Fahrverbot für Dieselfahrzeuge?

Münchens OB Dieter Reiter erwägt ein Diesel-Fahrverbot. Der Grund: alarmierende neue Zahlen zur Luftbelastung. Auch in Nürnberg denkt man über Konsequenzen nach.

Von: Moritz Steinbacher und Rüdiger Hennl

Stand: 14.06.2017

Der Verkehr in München nimmt überhand. Während der Stoßzeiten schiebt sich ein riesiger Autokorso durch die Landeshauptstadt. Und das hat Folgen, wie eine neue, noch nicht veröffentlichte Studie belegt. Der Stickstoffoxidwert ist höher als erlaubt. Regelmäßig werden die zulässigen EU Grenzwerte von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten.

Dieselfahrzeuge aussperren

Oberbürgermeister Dieter Reiter denkt deshalb über ein flächendeckendes Fahrverbot für Dieselautos in München nach, so seine Sprecherin Petra Laimer Kastan zum Bayerischen Rundfunk. Man müsse die Autos aussperren, die für die hohe Stickstoffoxidbelastung maßgeblich verantwortlich sind. Allerdings gibt es noch keine konkreten Pläne, wann genau das Verbot kommen und wie es genau aussehen soll. Grundsätzlich scheint Münchens OB aber zu Fahrverboten entschlossen zu sein:

"So sehr ich mich freuen würde, wenn es ohne solche Verbote ginge, so wenig sehe ich, wie wir künftig weiter ohne Sperrungen auskommen werden."

Dieter Reiter (SPD), Oberbürgermeister von München.

295.000 Diesel in München

Betroffen wären je nach Abgasnorm zwischen 133.000 und 170.000 Fahrzeuge. Insgesamt haben 295.000 der 720.000 in München zugelassenen Autos einen Dieselmotor. Für Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, steht jedenfalls fest: Die Zeit drängt:

"Eigentlich wäre es notwendig, noch in diesem Jahr mit Fahrverboten zu beginnen, wir können uns keine längere Übergangsfrist als bis Januar 2018 vorstellen. Das heißt: So schnell wie möglich auf der einen Seite den ÖPNV attraktiver und leistungsfähiger gestalten, um dann auch die Menschen aufzunehmen und auf der anderen seite diese 40 Prozent des Verkehrs."

Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat das von Reiter erwogene Fahrverbot für Diesel-Autos begrüßt. "Endlich ist einem Bürgermeister die Gesundheit der Menschen wichtiger als freie Fahrt für schmutzige Diesel", sagte Greenpeace-Verkehrsexperte Tobias Austrup:

"Immer mehr Städte werden einsehen, dass der andauernde Abgasbetrug der Hersteller Fahrverbote unumgänglich macht."

Tobias Austrup, Greenpeace-Verkehrsexperte

Nürnberg setzt auf den Bund

Das könnte auch auf Nürnberg zutreffen. Der stellvertretender Umweltamt-Leiter Peter Herzner erklärte dem Bayerischen Rundfunk, insbesondere an der vielbefahrenen Von-der-Tann-Straße werde der Grenzwert "ständig überschritten". Dadurch laste auf der Stadt natürlich ein Druck. Das Handwerkszeug für eine Umweltzone müsse aber der Bund liefern – mit Einführung der "Blauen Plakette". "Wir schreien nicht Hurra, aber wenn man etwas machen muss, dann räumt die Blaue Plakette die Möglichkeit ein", so Herzner. Konkrete Bestrebungen zur Einführung eines Diesel-Fahrverbots gebe es aktuell aber nicht.

Entscheidung über Zuständigkeit

Bevor ein Fahrverbot für Dieselfahrzeuge in München, Nürnberg oder anderswo erlassen werden kann, muss aber erst noch geklärt werden, wer es verhängen darf. Am Bundesverwaltungsgericht in Leipzig wird dazu im Herbst ein Urteil erwartet. Stellt sich heraus, dass die Kommunen hierfür nicht zuständig sind, wird man sich mit der Regierung von Oberbayern beziehungsweise mit den zuständigen Behörden zusammensetzen und einen entsprechenden Plan erarbeiten, so die Sprecherin des Münchner Oberbürgermeisters.

Verunsicherung im Diesel-Land

Bei den deutschen Autofahrern hat die Diesel-Debatte jedenfalls schon für Verunsicherung gesorgt. Deutschland gilt als klassisches Diesel-Land, doch der Marktanteil der Selbstzünder bei Neuwagen sinkt seit Monaten. Im Mai lag der Anteil laut Kraftfahrt-Bundesamt bei 40,4 Prozent, vor einem Jahr waren es noch 46,3 Prozent.

In einer Umfrage der Deutschen Automobil-Treuhand (DAT) erklärten 22 Prozent der Diesel-Fahrer, dass sie ihr Auto bald verkaufen wollen, um weitere Wertverluste zu vermeiden, weitere 21 Prozent gaben drohende Fahrverbote als Grund für einen geplanen Verkauf an.

Wichtige Fragen rund um den Diesel

Welche Autos wären von einem Fahrverbot in München betroffen?
Nach den bisher bekannten Vorstellungen von OB Reiter sollen Autos mit der neuen Abgasnorm Euro 6 ausgenommen sein. Unter ein Fahrverbot könnten demnach bis zu 170.000 Fahrzeuge fallen. Ob eine Befreiung von Euro-6-Fahrzeugen durchsetzbar ist, scheint aber fraglich, denn auch sie überschreiten die Grenzwerte.

Könnte es Ausnahmen geben?
Der OB hat erklärt, dass es Regelungen für Härtefälle geben soll. Diese dürften sich auf Polizei, Rettungsdienste, Busse der MVG und Taxis beziehen.

Könnten Klagen und politische Widerstände Fahrverbote verzögern?

Ja. In München sind Großuntenehmen der Kfz-Branche ansässig, denen Diesel-Fahrverbote nicht gefallen dürften. Viele Firmen in der Innenstadt sind auf Anlieferungsverkehr angewiesen und könnten damit argumentieren, dass sie per Fahrberbot gegenüber anderen Unternehmen benachteiligt würden. Auf dem politischen Parkett könnte die mitregierende CSU Reiter noch Probleme machen.

Sollte man sich noch einen Diesel kaufen?
Fachleute warnen davor, zu glauben, dass man mit einem neuen Euro-6-Diesel auf der sicheren Seite sei. Verkehrsexperte Ferdinand Dudenhöffer rechnet damit, dass auch Euro-6-Fahrzeuge "in wenigen Jahren mit Fahrverboten in Innenstädten rechnen" müssen und der ADAC verweist darauf, dass die meisten Euro-6-Neuwagen im Straßenbetrieb deutlich schadstoffreicher unterwegs sind als auf dem Prüfstand - ein Argument für künftige Verbote. Der ADAC rät Käufern, auf die neue Norm "Euro 6d" zu achten. Diese Fahrzeuge halten auch im realen Fahrbetrieb die Abgaswerte ein - kommen aber erst in nächster Zukunft auf den Markt.

Bricht der Gebrauchtmarkt für Diesel schon ein?

Von einem Einbruch zu reden, wäre übertrieben, die DAT spricht von einer "leichten Kaufzurückhaltung". Schon seit Mitte 2016 stünden Diesel beim Händler länger auf dem Hof als Benziner. Der ADAC sieht bei Diesel-Fahrzeugen noch keinen "erhöhten Wertverfall".

Kann man einen Diesel auf Euro 6 umrüsten?
Laut ADAC ist eine Nachrüstung von der Euro-5-Norm auf die Euro-6-Norm machbar. Einmal per Katalysator, der rund 1.500 Euro kostet. Die Nachrüstung konnte den Stickoxid-Ausstoß erheblich reduzieren, , so der ADAC: "Bis zur flächendeckenden Markteinführung solcher Nachrüstlösungen kann es aber noch dauern". Neben dem Katalysator sind dem ADAC zufolge auch Software-Updates denkbar, sie seien aber nicht ganz so effektiv.

Kontroverse Diskussion im Netz

Auch auf unserer Facebook-Seite debattieren viele UserInnen über das Thema. Die Gemüter sind teilweise erhitzt.

Sollen Dieselautos raus aus den Städten?

Pro

"Es braucht Konzepte und dann die Umsetzung für "autofreie" Städte." (Ernst Dietrich)

"Ich hab einen Diesel UND fahre viel Rad in der Stadt. Daher: Ich fände es nur richtig, Diesel und alle anderen Stickoxidbläser auszuschließen. Wer im Sommer an der Wagenkolonne vorbeifährt, weiß wie "atemberaubend" das sein kann." (Marc Strucken)

"Was gibt es da lang zu diskutieren ??? Der EU-Rat gibt vor, dass es so sein soll. Dieselmotoren geben nun mal Dreck in die Atmosphäre ab, folglich muss dieser Motor abgeschafft werden. Und wenn München das einführt, dann setzen Sie ein Zeichen für eine bessere Umwelt." (Gordon van Vianen)

"Alle Schadstoffausstoße müssen reduziert werden. Da ist es nur richtig, mit den Diesel-PKW anzufangen. Die nutzen nur 2% richtig. Die meisten fahren sich durch den Kurzstreckenverkehr bis 100 km selbst kaputt. Kleine Benziner/ kostengünstige Hybride sind die Alternative!" (Holger Schröfel)

Contra

"Das kann mir keiner erzählen, dass mit DIESELFAHRVERBOT der Stickstoff Wert von 60mg auf 40mg sinkt ! Wer sich einen Diesel gekauft hat, hat nie im Leben dran gedacht, dass die Abgaswerte so negativ sein sollen. Mein COMBO braucht auf 1000 Kilometer ca. 60 Liter. Jeder Benziner braucht mehr. Und wenn alle Diesel nicht mehr in die Stadt dürfen, dann kaufen sich die Leute Benziner, was sollten sie sonst tun. UND DANN ? Steigt der Abgaswert!" (Willy Michl)

"Man will mit allter Gewalt die E-Autos durchkloppen und dazu ist jedes Mittel recht. Seht mal zu, dass die alten "Dreckschleudern" und Benzinschlucker belastet werden, statt alle Diesel über einen Kamm zu scheren." (Manfred Rettinghausen)

"Jetzt sollen die Diesel-Fahrer das ausbaden, was Rot-Grün jahrzehntelang nicht auf die Reihe gebracht haben? - Ein ordentliches Verkehrssystem mit Grünen-Wellen, Tunnels ...
.Aber ansonsten: wenn, dann gscheid und auch Taxis und den ÖPNV miteinbeziehen
!" (Lorenz Leonhard Hopfenmüller)

"So langsam geht es los! Was sollen die Besitzer der Diesel-Autos dann machen? Sie werden unverkäuflich, wenn München diese Maßnahme durchsetzen sollte. Der Flugverkehr wird ja auch nicht eingestellt, nur weil die Flugzeuge zu viel Dreck in die Luft setzen. Was ist mit den Schiffen, die reine Dreckschleudern sind? Was soll dieser Schwachsinn?" (Ingrid Fritzsche)


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Bernd K, Donnerstag, 15.Juni, 06:56 Uhr

132. Dieselverbot in deutschen Städten

Schon vor über 30 Jahren gab es ausreichend Technik, Dieselmotoren sauber machen - so sauber, das man den Auspuff mit weißem Handschuh putzen kann!. So sauber, das die Motoren gar nicht mehr verschleißen wollen - geprüft, nachgewiesen. Ohne Software, ohne Schmu. Einfach mit Wasser - kein "Addblue" (Harnstoff) von der Tankstelle. Die Weiterentwicklung kann zudem den Dieselverbrauch um bis zu 30% senken und kostet nur Bruchteile der heute amtlich zu verbauenden Abgastechnik. ABER -das ist kein Geschäft! Das tut nur der Umwelt gut.

Vor diesem Hintergrund scheint die Campagne gegen Dieselfahrzeuge nur ein Druckmittel, um Elektrofahrzeuge mit Gewalt am Markt zu etablieren. Ohne das eindeutig geklärt ist, das diese Fahrzeuge im Lifecycle wirklich sauberer sind. Aber sie öffnen einen ganz neuen, riesigen Markt für Stromlieferanten.

Es geht wie immer ums Geld, was absolut legitim ist. Aber unserer Umwelt täte ein wenig Ehrlichkeit auch mal gut.

Andreas, Donnerstag, 15.Juni, 00:24 Uhr

131. Verharmlosung ohne Kommentar

"Bricht der Gebrauchtmarkt für Diesel schon ein?
Von einem Einbruch zu reden, wäre übertrieben, die DAT spricht von einer "leichten Kaufzurückhaltung". Schon seit Mitte 2016 stünden Diesel beim Händler länger auf dem Hof als Benziner. Der ADAC sieht bei Diesel-Fahrzeugen noch keinen "erhöhten Wertverfall".

Mit diesem Zitat entsteht der Eindruck, dass mögliche Wertverminderung von Dieselfahrzeugen nicht in einem Zusammenhang mit dem Dieselskandal stehen, was bei informierten Leser mit gutem Gedächtnis nur Stirnrunzeln hervorrufen dürften, denn das ganze ging schon im September 2015 los.
Wirklich schade und besorgniserregend finde ich, dass die BR-Redaktion offensichtlich hier nicht mehr als Verfechter von Fakten versteht und das unkommentiert veröffentlicht. Wer also nicht mehr das im Kopf hat ...
Da erwarte ich mehr von einem öffentlich rechtlichen Sender, der einen klaren gesellschaftlichen Auftrag hat!

wm, Mittwoch, 14.Juni, 20:39 Uhr

130. Nur keine Bange

Nur keine Bange,die Automobil-Lobby wird's schon richten.

  • Antwort von as, Donnerstag, 15.Juni, 12:34 Uhr

    Na klar, zusammen mit unserer selbst ernannten "Klimakanzlerin". Lächerlich.

    Fährt man mal heute auf Autobahn-Raststätten, wenn die LKWs heute aufgrund Feiertag nicht fahren dürfen und nimmt mal wahr, was da an LKWs den Tag über laufen und was da raus geblasen wird.
    Auf einen Trump braucht unsere Politik, wenn es um Klimaschutz geht, wahrlich nicht mit dem Finger zeigen.

Christian, Mittwoch, 14.Juni, 19:30 Uhr

129. Und was ist mit Euro-4-Dieseln? Was mit Pumpe-Düse?

Diese sind problemlos ebebfalls nachrüstbar, wie die Firma Twintec erst kürzlich gezeigt hat (www.heise.de/autos/artikel/Diesel-Umruestung-statt-Fahrverboten-3701429.html). Ich plädiere dafür, die Hersteller in die Pflicht zu nehmen, bis einschlißlich Euro-4 Nachrüstlösungen anzubieten - es laufen noch zu viele Euro-4- und Euro-5-Diesel, als das diese einfach so abgeschreieben werden könnten. Da wäre gegenüber den Besitzern nur fair, und für die KFZ-Hersteller und -zulieferer nur gut.

Hübner Willibald, Mittwoch, 14.Juni, 19:12 Uhr

128. Vor der eigenen Türe kehren

Kauft man ein Fahrzeug als kleiner Handwerksbetrieb mit Euro 6 ist man auch wieder der Dumme ( wie ich ). Wenn man den Dreckausstoss
vom Heizkraftwerk München Nord ansieht ( unserer sauberen Vorbilder ) wobei lt. Umweltorganisationen alleine ein Block von dreien 2015
über 2,5 Millionen Tonnen CO2 ausgestoßen hat , was mehr ist als unser gesamter Autverkehr in München, dann fällt man von jeglichem Glauben ab.
Aber wie immer mit uns kann mans ja machen.

  • Antwort von klaus Uhr, Donnerstag, 15.Juni, 08:57 Uhr

    ... und wie heitzen die Münchner dann ihre Wohnung?
    Sollen die alle in ihren Diesel SUV steigen und solange durch die an Dörfer vor der Stadt fahren bis ihnen warm ist?