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Brand in Schneizlreuth Gegen Gemeinde und Chef einer Eventagentur wird ermittelt

Nach dem Brand in Schneizlreuth ist der Geschäftsführer einer Eventagentur festgenommen worden. Er hatte offenbar keine Genehmigung, in dem alten Bauernhaus Übernachtungsmöglichkeiten anzubieten. Auch gegen die Gemeinde wird ermittelt.

Stand: 03.06.2015

Der 46 Jahre alte Mann sitzt in Untersuchungshaft, da Fluchtgefahr besteht. Wie die Staatsanwaltschaft Traunstein mitteilt, wird gegen den Mann wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und fahrlässiger Körperverletzung ermittelt. Seine Agentur hatte den alten Bauernhof als Gästehaus genutzt.

Agentur-Chef wusste von Brandschutz-Mängeln

Das Hotel

Die örtliche Event-Agentur nutzt das Gebäude als Zentrale und als Unterkunft im Hüttenstil. Das Haus hat 50 Betten. Das Unternehmen ist auf Outdoor-Aktivitäten wie Wildwasserfahren und Mountainbiken im Gebirge spezialisiert.

Die Nutzung des historischen Gebäudes als Gästehaus sei nicht genehmigt und aus Gründen des Brandschutzes unzulässig gewesen, heißt es in der Mitteilung der Staatsanwaltschaft Traunstein. Das habe der Geschäftsführer der Agentur gewusst. Dem zuständigen Landratsamt in Bad Reichenhall habe der Agentur-Chef im Jahr 2009 versichert, er werde keine Personen in dem Gebäude übernachten lassen.

Auf ein Genehmigungsverfahren habe er verzichtet, weil es keine Möglichkeit gegeben habe, das Haus gemäß den Brandschutzbestimmungen umzubauen. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hätte der 46-Jährige damit rechnen müssen, dass ein Brand ausbrechen könnte und damit Menschenleben gefährdet sein könnten.

Auch gegen die Gemeinde Schneizlreuth wird ermittelt, bestätigt Bürgermeister Wolfgang Simon:

"Wir wissen, dass wir befragt werden, wann genau weiß ich nicht. Welche Fragen gestellt werden, weiß ich auch nicht. Wir haben die Unterlagen der Kriminalpolizei ausgehändigt - wie sich das gehört."

Wolfgang Simon

Keine regelmäßigen Brandschutz-Kontrollen

Für die sogenannte Feuerbeschau, also die Kontrolle ob die Brandschutzauflagen eingehalten werden, sind in Bayern die Städte und Gemeinden verantwortlich. Regelmäßige Kontrollen gibt es seit einer Gesetzesänderung vor 16 Jahren nicht mehr - nur noch anlassbezogen findet eine Feuerbeschau statt. Doch wann besteht ein solcher Anlass? Das lässt das Gesetz offen. Bürgermeister Wolfgang Simon hat nun strenge Kontrollen in anderen Ferienbetrieben in seiner Gemeinde bereits angekündigt.

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft sind jedenfalls noch nicht abgeschlossen. Unter anderem ist auch die Brandursache noch nicht eindeutig geklärt. Sie geht von einem technischen Defekt aus.

Die Todesopfer

Bei dem Brand in der Nacht auf Pfingstsamstag waren sechs Mitarbeiter der Firma Lindner in Arnstorf (Lkr. Rottal-Inn) ums Leben gekommen und acht verletzt worden. Die Männer hatten - nach einer Rafting- und Canyoning-Tour - zusammen mit 41 Kolleginnen und Kollegen in dem Gästehaus übernachten wollen. Das Unternehmen feierte mit dem Teamausflug sein 50-jähriges Bestehen; insgesamt nahmen 66 Mitarbeiter an dem Ausflug teil.

Ganzseitige Todesanzeige für die Verstorbenen

Bei den Toten handelt es sich laut dem Polizeipräsidium Oberbayern Süd um einen 30-Jährigen aus Falkenberg (Lkr. Rottal-Inn), einen 32-Jährigen aus Haag an der Amper (Lkr. Freising), einen 33-Jährigen aus Simbach bei Landau (Lkr. Dingolfing-Landau), einen 35-Jährigen aus Arnstorf (Lkr. Rottal-Inn), einen 35-Jährigen aus Ortenburg (Lkr. Passau) und einen 42-Jährigen aus Essenbach (Lkr. Landshut). Die Obduktion ergab, dass die Männer an einer Rauchgasvergiftung starben.

Die Identifizierung der Toten mittels DNA-Abgleich läuft. Am 15. Juni findet in Arnstorf ein ökumenischer Trauergottesdienst statt. Halten wird ihn der Passauer Bischof Stefan Oster.

"Es ist zutiefst erschütternd, wenn sich ein solches Unglück ereignet, bei dem jüngere Menschen, von denen auch einige Verantwortung für eine Familie tragen, ums Leben kommen."

Passaus Bischof Stefan Oster

"Firma bis ins Mark erschüttert"

Arnstorfs Bürgermeister Alfons Sittinger (CSU) sagte am Pfingstsonntag, es sei eine tiefe Betroffenheit in der Gemeinde zu spüren. Lindner sei der größte Arbeitgeber im Ort, fast jede Familie habe einen Bezug zu der Firma. "Das Mitgefühl ist groß", betonte Sittinger. An den Tagen nach dem Brand waren bis zu zwölf Notfallseelsorger der Diözesen Passau und Regensburg im Einsatz, um Trost zu spenden.

Lindner Gruppe

Die Lindner Gruppe zählt mit rund 6.000 Beschäftigten weltweit zu den führenden Innenausbauspezialisten. Das Unternehmen hat unter anderem den Plenarsaal des Deutschen Bundestags im Berliner Reichstagsgebäude, das Bundekanzleramt und viele Großflughäfen wie den in Hongkong ausgestattet.

Rauchmelder schlug an

Nach Angaben von Jürgen Thalmeier, dem Sprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, gab es in dem Gästehaus Rauchmelder. Einer schlug gegen 3 Uhr an und warnte die Schlafenden vor der Feuergefahr. 41 Gäste konnten sich ins Freie retten. Sieben von ihnen wurden verletzt, zwei so schwer, dass sie in Spezialkliniken nach Murnau und München geflogen werden mussten. Die sechs Männer konnten sich nicht mehr rechtzeitig ins Freie retten.

In dem 800 Jahre alten und teilweise maroden Gebäude konnte sich das Feuer rasend schnell ausbreiten. Giftige Dämpfe taten ein Übriges: Vermutlich verloren einige Opfer bereits nach wenigen Minuten das Bewusstsein.

Der Ort des Infernos


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