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Die Funklöcher der Bahn Lebensgefährliche Lücken?

Der Fahrtdienstleiter der Bahn per Digitalfunk nicht erreichbar! Was unvorstellbar klingt, hat Andreas Nagel aus München selbst erlebt. Der Fahrgastvertreter fordert deshalb die lückenlose Funkversorgung aller Bahnstrecken. Hat die Bahn ein lebensgefährliches Sicherheitsproblem?

Von: Sandra Weber, Julia Binder, Christine Kerler, Anton Rauch

Stand: 19.02.2016

Nagel, der Sprecher der Aktion Münchner Fahrgäste ist, erinnert sich mit Unbehagen an eine Situation auf der Fahrt von Dachau nach Altomünster. Nicht nur er erschrak, als der Zug nach Dachau im Bahnhof Erdweg auf dem falschen Gleis nach München stand:

"Eine Schranke war nicht geschlossen. Der Fahrdienstleiter hatte offenbar vergessen, sie zu schließen. Der Lokführer wartete auf sein Ausfahrtsignal, er konnte aber den Fahrdienstleiter über den Zug-Bahnfunk nicht erreichen. Schließlich gelang es, mit einem Handy zum Fahrdienstleiter vorzudringen."

Andreas Nagel, Sprecher der Aktion Münchner Fahrgäste

Nach fünf Minuten Ungewissheit fuhr der Zug in die richtige Richtung - bei geschlossener Schranke. Es war nur eine Verspätung, kein Sicherheitsrisiko, dennoch fordert Nagel:

"Wir brauchen eine vollständige Funkausleuchtung der Bahnstrecken in Deutschland. Es kann nicht sein, dass Fahrdienstleiter nicht erreichbar sind, und umgekehrt die Lokführer, nur weil der Bahn das Geld zu schade ist für einen zusätzlichen Funkmast."

Andreas Nagel

Bahn: Letzte Kontrolle ohne Probleme

Nach einem Bericht der Stuttgarter Zeitung besteht im Streckenabschnitt bei Aibling seit sechs Jahren ein Empfangsloch im digitalen Zugfunk. Schnelle Notrufe seien dadurch enorm erschwert. Das Blatt beruft sich auf interne Unterlagen der bundeseigenen DB Netze, die das Funknetz betreibt. Als schlichtweg falsch bezeichnet die Bahn in einer schriftlichen Stellungnahme den Zeitungsbericht. Das digitale Zugfunknetz werde regelmäßig überprüft.

Bei der letzten Kontrolle habe der Funkempfang auf der Strecke Kolbermoor-Bad Aibling problemlos funktioniert, so die Bahn. Wann diese Überprüfung stattgefunden hat, konnte der Sprecher auf Nachfrage der Nachrichtenagentur dpa nicht sagen. Auch die Behauptung, die Sendeleistung des Zugfunks sei reduziert worden, weist die Bahn zurück.

Kurz vor dem Zusammenstoß der beiden Meridian-Züge bei Aibling hatte der Fahrdienstleiter noch einen Notruf abgesetzt, der die Lokführer aber nicht mehr erreichte. Elf Menschen starben, rund 80 wurden verletzt.

Herrmann: Ermittlungen werden ausgeweitet

Die Spekulationen über ein Funkloch im Zusammenhang mit der Zugkatastrophe von Bad Aibling haben Auswirkungen auf die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Traunstein. Die Ermittler gehen dem nach, teilte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann mit. "Ich habe deshalb das Bayerische Landeskriminalamt gebeten, das Funknetz der DB Netz auf eventuelle Funklöcher zu überprüfen", sagte Herrmann. "Hierzu werden unsere Telekommunikationsspezialisten in den nächsten Tagen Messungen durchführen."

Meridian wieder nach Fahrplan

Die Gleis-Reparaturarbeiten auf der Strecke kommen gut voran. Sie wird laut Bayerischer Oberlandbahn (BOB) in der Nacht auf Samstag wieder freigegeben. Um 6.37 Uhr fährt der erste Zug regulär von Holzkirchen nach Rosenheim. Abfahrt in Rosenheim ist um 6.40 Uhr. Alle weiteren Züge verkehren wie im Fahrplan angegeben. In den ersten Tagen fährt in jedem Meridian-Zug mindestens ein Fahrgastbetreuer mit.

"Wir sind in Gedanken noch immer bei den Opfern und Angehörigen des tragischen Unglücks."

Bernd Rosenbusch, Geschäftsführer der Oberlandbahn

Telefonseelsorge für Hinterbliebene und Betroffene

Das Erzbischöfliche Ordinariat in München bietet bis mindestens 9. März Angehörigen und Betroffenen telefonische Hilfe an. Die Seelsorger helfen, die Unglückserlebnisse zu verarbeiten. Bei Bedarf stellen sie auch Kontakt zu weiteren Beratungseinrichtungen her. Die Telefonnummer lautet 0174 / 8 43 47 27.

  • Anton Rauch | Bild: BR, Theresa Hoegner Anton Rauch

    Reporter und Autor für den Hörfunk und Online, überwiegend für die Redaktionen Oberbayern, Bayern sowie Politik und Hintergrund und BR24


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Headline Leser, Samstag, 20.Februar, 04:17 Uhr

7. GSM-R und GSM haben nichts miteinander zu tun

Langsam glaube ich, die Leute lesen nur die Überschrift. Der Kommentator "Zugvogel" hat nun zum x-ten male richtigerweise darauf hingewiesen, dass beide Netze nichts miteinander zu tun haben. Mit dem einzigen kleinen Unterschied, dass GSM-R auch auf das normale GSM geschaltet werden kann.

Funklöcher im GSM selbst, sind schon je nach Anbieter unterschiedlich. Bitte nicht immer wieder, die gleichen Fehlschlüsse annehmen.

N. Schöttl, Freitag, 19.Februar, 19:17 Uhr

6. CSU hat ausgefunkt

Seit Jahren hat die CSU eine flächendeckende Mobilfunkversorgung versprochen: doch passiert ist gar nichts. Hier wird dann wieder mal nur über einen Ausbau entlang von Bahnstrecken gesprochen, doch hat ein Jogger in einem bayerischen Wald kein Recht auf eine schnelle Hilfe? So lange da diese CSU von Traditionen spricht (im Mittelalter gab es keine Handys) da wird es sicherlich auch in Zukunft keine Handymasten überall geben. Man ist ja bei der CSU nicht bereit vorausschauende Politik machen zu wollen. Meine Vermutung: an den Funklöchern wird sich die nächsten Jahrhunderte sich nichts mehr ändern, es sei denn, dass mal eine Grüne-Partei an die Macht kommt, die da etwas cleverer ist. In Bayern ist das jedoch sicherlich eine Utopie. Einmal Funkloch, immer Funkloch.

  • Antwort von Zugvogel, Freitag, 19.Februar, 22:01 Uhr

    Und nochmal: Das Bahnfunk-Netz hat absolut gar nichts mit dem öffentlichen Mobilfunknetz zu tun. Das basiert zwar auf der gleichen Technik, aber es sind eigene Frequenzen, eigene Funkmasten, eigene Geräte, und außer der Eisenbahn kann sich in dieses Netz niemand einwählen. Wenn das Bahnfunknetz ausgebaut wird, dann wird das außer der Bahn also niemand merken. Außerdem wird es von der Bahn selbst betrieben. Auf die Mobilfunkgesellschaften oder die Politik ist man da nicht angewiesen.
    Wer da irgendwelche Mobilfunknetze versprochen hat, spielt bei diesem Thema demnach also überhaupt keine Rolle. Das Zugfunksystem profitiert nicht von einem Ausbau des Mobilfunknetzes und umgekehrt auch nicht.

  • Antwort von N. Schöttl, Samstag, 20.Februar, 07:24 Uhr

    Dass die Bahn ein eigenes Mobilfunknetz hat, das ist bekannt: dennoch hat die CSU und das seit Jahren (!) eine flächendeckende Mobilfunkversorgung versprochen: doch passiert ist nichts. Gar nichts.

    Solche Unfälle können ja nicht nur auf der Schiene passieren, sondern an jedem Ort im Freistaat. Auf der Autobahn genauso wie in einer Stadt und und und. Wenn es dann Funklöcher gibt, dann ist das sehr wohl eine Aufgabe der Politik, vor allem dann, wenn es diese versprochen hat.

    Aber ich glaube der CSU sowieso kein Wort mehr. Das mit der PKW-Maut ist ebenso so eine Wahllüge von der CSU. Natürlich nur "Ausländer" doch im Prinzip: für Alle. Geht ja auch gar nicht anderes, wegen dem EU-Recht.

    Solche Unfälle werden sicherlich immer und immer wieder passieren. Eine Straße gilt ja auch erst ab 7 (!) Verkehrstoten in einem bestimmten Streckenabschnitt als unsicher.

  • Antwort von N. Schüttel, Samstag, 20.Februar, 08:47 Uhr

    @Schöttl

    Sie solten die Berichte im BR aufmersam verfolgen. Vor nicht einem Jahr wurde davon berichtet, dass ein Mobilfunkmast im Wald die Rehkitze stören könnten. Wutbürger machten mobil. Vorgestern war noch von Spermiengefährdung in einer israelischen Studie die Rede. Zwar kann eine direkte Relation nicht festgestellt werden, aber die Wissenschaftler hören auf ihr "Bauchgefühl"?! Hypersensible werden "krank", wenn sie nur einen Masten sehen.
    Verstehen Sie vielleicht ein bißchen, daß mancher Mobilfunkbetreiber dann lieber sagt: Probleme vermeiden, sowieso kaum wirtschaftlich, lassen wie es ist?

    Jeder hat eben nur seine Perspektive und "Erfassungsvermögen". Ist auch bequemer.

  • Antwort von Mickel, Samstag, 20.Februar, 19:27 Uhr

    @ Schöttel

    Themaverfehlung.

  • Antwort von N. Schöttl, Samstag, 20.Februar, 22:28 Uhr

    @Mickel
    Was soll denn hier eine "Themaverfehlung" sein? Es geht hier um "Funklöcher". Funklöcher die es, wenn denn die Politik mal das einhalten würde, was diese auch versprochen hat, es so eigentlich gar nicht geben dürfte in Bayern.

    Es geht hier nicht um Wirtschaftlichkeit oder dass die Bahn etwa ein eigenes Mobilfunknetz hat, was alles bekannt ist, sondern um ein flächendeckendes (!) Mobilfunknetz für Alle. Ein Mobilfunknetz für alle Bürger und das an einem jedem Ort im Land.

    Wenn schon nicht mit dem Bahn-Mobilfunknetz, dann hätte man den Lockführer zumindest mit dem regulären Netz warnen können, doch da hat die Politik einfach einen großen Fehler gemacht und herumgelungert.

    Ich finde, dass da bei dem Zugunglück die Politik eine Mitschuld trägt, da diese die Hausaufgaben nicht machte.

  • Antwort von Erinnerer, Sonntag, 21.Februar, 09:13 Uhr

    Mickel hat recht. Thema verfehlt. Es geht um die Bahn und deren möglicher Mängel in Kommunikationsanlagen.

  • Antwort von N. Schüttel, Montag, 22.Februar, 08:51 Uhr

    @Scöttl

    Wie wäre es, wenn sie jetzt ihre Hausaufgaben machen würden. Es kommt alles sehr infantil hier an. Funklöcher bei der Bahn stehen in Rede. Was anderes gibt es nicht bei der Bahn. Private Handys? Ja, geht's noch. Noch mehr Ablenkung während der Fahrt?
    "Die" Politik, passt wohl immer als Schuldiger. Sie kommen mir vor wie Pippi Langstrumpf...

    ..nur nicht durchdacht.

Artus, Freitag, 19.Februar, 13:56 Uhr

5. Funklöcher bei der Bahn und im Verkehrsministerium

Sollte es diese Funklöcher tatsächlich geben, (vieles spricht dafür) muss die Bahn schnellstens nachrüsten. Die Bahn wäre dann auch im hohen Maß an dem Tod von mindestens 11 unschuldigen Fahrgästen mitverantwortlich und könnte nicht alles auf einen armen Fahrdienstleiter abschieben.
Vom Verkehrsministerium können wir nicht erwarten, dass es auch die Bahn zuverlässig auf schwerwiegende Mängel untersucht. Zu sehr ist man dort mit einer unsinnigen Ausländermaut beschäftigt. Dobrindt und seine ewig lächelnde, aber sonst inkompetente unterfränkische Staatssekretärin Doro Bär sollten jetzt schnell das Feld räumen und kompetenteren Politikerinnen und Politikern den Platz überlassen.
Wenn DB nicht für Deutsche Bundesbahn, sondern für Dobrindt Bär steht dann haben wir es wahrlich mit einem maroden System zu tun.

  • Antwort von Zugvogel, Freitag, 19.Februar, 16:26 Uhr

    Ja, die Funklöcher gibt es. Inwieweit sie etwas mit dem Unfall zu tun haben, muss sich erst noch klären. Zunächst mal wissen wir noch gar nicht, ob die vom Fahrdienstleiter abgesetzten Notrufe überhaupt noch vor dem Zusammenstoß abgesetzt wurden oder erst später. Und es ändert auch nichts an den anderen Fehlern des Fahrdienstleiters.
    Außerdem wird der Funk bis heute nicht als wirklich sicherheitsrelevant angesehen. Es gibt auch heute noch vereinzelt Strecken ganz ohne Funk. Bis vor ein paar Jahren waren es noch deutlich mehr. Und selbst wenn das ganze Funknetz mal weiträumig ausfällt, fahren die Züge einfach weiter. Es gibt keine Vorschrift die dann den Betrieb verbieten würde.
    Das heißt also, selbst wenn grobe Mängel im Funknetz festgesetllt werden, dann ist das nichts wofür man jemanden rechtlich verantwortlich machen könnte, denn der heutige Zustand entspricht den geltenden Regeln und Gesetzen.

    Übrigens, DB steht schon seit über 20 Jahren nicht mehr für "Deutsche Bundesbahn".

  • Antwort von Artus, Freitag, 19.Februar, 17:13 Uhr

    Vielen Dank für die Info.

  • Antwort von Tommy, Freitag, 19.Februar, 18:28 Uhr

    Leider steht DB nicht mehr für Deutsche Bundesbahn, sondern für Deutsche Bahn AG.

  • Antwort von Stauneri, Samstag, 20.Februar, 08:57 Uhr

    @Artus

    Aha, "müssen die das". Nein, müssen sie nicht. Zugvogel hat es erklärt. Machen Sie Propagandapolitik? Die Fachaufsicht über die Bahnen in D hat Eisenbahnbundesamt. Da sind die Fachleute beheimatet. Haben Sie ausser billige Polemik auch noch etwas sachliches beizutragen? Sonst gibt's jetzt die Fanfare: Träräää Träräää. Ach, Karneval ist ja schon vorbei...

ramazoti, Freitag, 19.Februar, 12:15 Uhr

4. DB

"" DB """heißt: DAHAIM BLEIBEN.

  • Antwort von Bahner, Freitag, 19.Februar, 13:14 Uhr

    Aber Auto fahren Sie schon und nehmen am Straßenverkehr teil, wo jeder Depp fahren darf, wo die Tauglichkeit der FahrerInnen niemals geprüft wird und wo es letztes Jahr ca. 3.400 Tote und 390.000 Verletzte gab? Was wiederum im Schnitt bedeutet TÄGLICH 9 tote und ca. 1068 verletzte Menschen? Vermutlich gehören Sie genau zu dem Personenkreis, der sich wiederum vehement gegen Maßnahmen des Staates wehrt, diese Zahlen zu reduzieren, z.B. durch mehr Kontrollen, verschärftes Verkehrsstrafrecht, Geschwindigkeitsbeschränkungen, etc.

    Mein Tipp: so sinnlose Kommentare sein lassen und nicht das Volk verhetzen!

Bahner, Freitag, 19.Februar, 12:11 Uhr

3. Verzerrte Darstellung?

1. Die Strecke Dachau Altomünster - Erdweg ist eingleisig! Im Bahnhof Erdweg dagegen gibt es zwei Gleise. Insofern gibt es hier kein "falsches" Gleis in Richtung München. Es hatte vmtl. betriebliche Gründe, weshalb das Regelgleis nicht befahren wurde.
2. "... Der Lokführer wartete auf sein Ausfahrtsignal ...". Und genau deshalb war die Schranke auch noch offen. Der dortige Bahnübergang ist vmtl. signalabhängig. D.h. grün erst, wenn Schranke zu.
3. Zu Funk kann ich nix sagen.

Warum lassen wir medienwirksam immer Menschen zu Wort kommen, die offenkundig keinerlei Fachwissen haben? Stattdessen erfolgt - unterstützt mit entsprechender Wortwahl - m.E. gezielt eine verzerrte Darstellung des Sachverhaltes. Bei dieser Berichterstattung wird dem Laien der Eindruck vermittelt, das System Bahn sei per se unsicher - schamlos angesichts der Ereignisse von Bad Aibling und eine Frechheit.

Journalisten: informiert Euch richtig, bevor Ihr was schreibt und dadurch die Menschen verunsichert!

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  • Antwort von BR-Reporter Anton Rauch, Freitag, 19.Februar, 16:47 Uhr

    Es liegt uns mit der Berichterstattung fern, Menschen zu verunsichern oder die Bahn zu diskreditieren, geschweige denn als "per se unsicher" darzustellen. Das wird im Artikel auch nicht gemacht. Der Gesprächspartner ist uns als sachkundig bekannt und er berichtet aus eigenem Erleben. Zu Ihren einzelnen Punkten:
    1) Es war offenbar nicht auf dem Regelgleis.
    2) Natürlich wartete er, weil das Signal so war, auch die Schranke war offen, aber die verspätete Abfahrt ergab sich eben durch den fehlenden Funkkontakt zum Fahrdienstleiter aufgrund eines Funklochs im Bahnhof Erdweg. Wir schreiben ausdrücklich, dass über Handy eine Verbindung zustande gekommen ist und dass die Sicherheit nicht beeinträchtigt war. Wir halten es außerdem für wichtig über
    3) Funklöcher zu berichten.
    Ein besseres Funknetz nützt allen, am allerersten der Bahn, aber natürlich auch den Fahrgästen. Offenheit und Berichterstattung ist sicher im Sinne der Bahnmitarbeiter und Bahnnutzer.